Monatsarchiv Mai
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Die Jahre hatten dem alten Herren, hier auf der Wellblechverkleidung der Dachkante stehend, graue Strähnen in das vormals dichte, schwarze Haar gezeichnet und das kindliche Gesicht zu einem ernsten und vorallem verbitterten Greisenangesicht werden lassen. Der Wind sprang jung durch die seine Finger, huschte an seinen Hosenbeinen entlang und spielte mit dem Gedanken, dem Alten einen Stoss zu versetzen. Doch aus einer Verlegenheit heraus ließ es bleiben und wirbelte ihm stattdessen brausend in den Rachen und in die Lungen hinein. Er atmete schwer, mit jedem Zug hatte er das Gefühl, gleich müsse es nicht mehr gehen und er würde ersticken. Seine Kehle war zugeschnürt und nur ein mikroskopisch kleiner Spalt brachte frische Luft in sein Inneres.
“Ach” sagte er leise vor sich hin, “ich denke, es ist Zeit…” Da brach die violette, rote und graue Wolkendecke auf und ein Bündel hellen Lichts traf sein Gesicht. Doch die Wärme beruhigte ihn nicht, sondern machte die Luft schwül und immer stickiger. Aus einem Schlupfloch zwischen den dicken Wattekissen bahnte sich ein kleines Geschöpf seinen Weg auf ihn zu. Es trug eine weisse Toga, die ihm Sonnenlicht gelblich schimmert, mit goldenen Rändern und einer Stickerei, die nicht zu entziffern war, auf der Brust. Es schwebte langsam in die Richtung des Mannes, man sah, dass seine Fußspitzen ausgestrckt dem Boden entgegen zeigten und die Arme leblos an der Seite hingen. Im Näherkommen erkannte er einen kleinen Jungen, sich selbst mit gerade einmal fünf Jahren, der sich jetzt in der Schwebe locker zurück legte, als wenn er sich in an den Partikeln in der Luft anlehnen könnte.
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Man sollte vom eigenen Leben nur so viel erwarten, wie man vor einer Betrachtung von außen zu rechtfertigen in der Lage ist. Nur auf diesem Weg ist man unantastbar gegenüber allem auf der Welt. Doch der menschliche Wirklichkeitssinn zerreisst diese These und so sind wir doch wieder geknechtet durch uns selbst und unseren Willen, zu glauben, dass wir sind und dass dem darüber hinaus noch ein Wert zuzusprechen ist.
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Als die Tür in die Angeln zurückschlug und ihren Schmerz mit einem metallischen Knarzen kund tat, hatte er mit ihr nichts mehr zu tun. Jetzt, irgendwann gegen 19 Uhr, begann sein Tag. “Komm’, komm’!” wisperte hinter den halboffnen Fenstern hervor. “Du hast nichts mehr, das dich nicht hier hielte, also komm und bleib!” Aber all das kannte er von unzähligen anderen Tagen, wenn ihm die irreale Pflicht gegenüber jemandem, den er nicht kannte, aus allen Häusern hinterher rief und ihn verhöhnte. Trotz des dampfenden Regens schien der Tag mit Sonne zu beginnen. Sie sah viel zutraulicher aus als sonst, nicht mehr wie ein falscher Freund, an dem man sich verbrennt, wenn man ihm zu nahe kommt. Jetzt aber hatte sie sich ganz auf sie Schornsteine der Häuser gelegt und beseelte die Straße mit einem herbstlichen Schein, dem letzten Lächeln eines Sterbenden auf dem Totenbett. “Komm’, komm’!”
Der Asphalt schien unter ihm zu zittern, jedes Mal wenn er auf ihn trat. Die Stahlseile der Hängebrücke bogen sich unter der Last eines Gefangenen, der jetzt die über Jahre hinweg gesammelte Kraft auf einen Punkt der Welt entläd. Er sah nicht mehr, wie die Seile geräuschlos rissen und die Brücke in sich zusammen fiel, als die Amplituden aus Schwingung der Straße über und dem Abgang seiner selbst sich überlagerten. Ehe es die Feierabendtrunkenen Autofahrer endlich bemerkten, mussten noch ein paar vor ihnen mit in den Fluss stürzen, der alles bereitwillig schluckte, sowohl Existenzen als auch alles Menschgemachte.
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Wir allesamt sind überreizt, vollgepumpt mit Bildern, Worten und Dingen, die man uns beibrachte, die wir aber zum Großteil nie erfahren konnten und durften. Es bedingt sich von selbst, dass hier und da etwas überläuft, dass wir nicht das sein können, was wir sein wollen. In unserer eigenen Maschinerie, die uns zu Göttern machen soll, werden wir das Tierische nicht los.
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Heute wird es nicht viele Einträge in den Blogs geben, denn es werden Themen für ganz besonders beschauliche Einträge gesammelt. Da trifft es sich gut, wenn am Vortag schon Beiträge zum allseits beliebten Thema Saufen in Hülle und Fülle existieren.
Denn heute wird beharrlich auf das Fahrrad verzichtet, allenfalls wird es benutzt, um bis zur nächsten Kneipe an der Ecke zu kommen, um dort den vorangegangenen Teil des Jahres mit möglichst viel Alkohol zu ertränken. Hätte es doch wenigstens einen Stil, aber nein. Und ganz davon ab sind es längst nicht mehr ausschließlich die Männer, die sich in 24 Stunden an nichts der vorherigen 24 Stunden erinnern können. Beachtlich, denn man kann es ja auch aus einer anderen Perspektive sehen. Ohne Sinn zu leben ist eine Kunst, ohne Sinn zu handeln der Effekt. Doch die Philosophie beschränkt sich heute allenfalls auf Gespräche über den Promillegehalt des Stroh 80, des nicht vorhandenen Kirschlikörs, der deshalb vom Rum ersetzt werden muss. Devise Kampftrinken, es gibt also doch das perpetuum mobile, wenn auch in etwas geänderter Hinsicht. Man braucht nichts zu tun, dämlich gehandelt, sich dabei auch noch steigernd, wird immerzu. I can’t go on. I’ll go on. [weiterlesen ...]











