Monatsarchiv Mai
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Ich habe die Differenz zwischen Cioran, dem Wesen, das man liest und Émil, dem, der lebte und es beherbergte, verstanden. Er hatte sich selbst gefunden. Es ist paradox, sein Glück im Unglück zu finden, aber es hat ihn nicht zahm gemacht, nur äußerlich lebendig zufrieden und schriftlich immer rasender. Doch, hat es ihn nicht auch das Lächeln und den Vollzug seiner Weltsicht gekostet?
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Zwei Cappuccini, mehrere Luckies, ein aufgeschlagenes Moleskine mit einem Stift daneben, der nur zur Zierde da zu liegen scheint, so saß ich heute morgen in einem kleinen Café in der Innenstadt. Es reicht als Vorbote für einen Tag mehr als genug. Der heiße Sud zäumt meine Zunge, das Nikotin bewirkt mit etwas Glück bei den ersten zwei Zügen etwas, der Rest ist bloße Gewohnheit. Schön aber, dass es noch Alleen mitten im Zentrum gibt, kleine, schwarzgraue Straßen mit vom kurzen Regenguß bunten glitzerndem Kopfsteinpflaster und Ahornbäumen, deren rotes Laub sich der Jahreszeit entgegen auf den kleinen Erdinseln am Gehweg sammelt. Hier und dort hüpfte ein Blatt an vorbei, zwinkerte mir zu und zog mit galanter Drehung unbeirrt weiter seiner Pfade.
Nach einer Weile, ich wollte gerade doch noch den Stift zu Hand nehmen und wenigstens ein dickes Fragezeichen nebst einigen Tanzblättern zeichnen, da klopfte es plötzlich auf den Tisch, sodass ich ganz automatisch in einem hektischen Zug mein Sammelsurium mit dem Arm näher an mich heran zog, um dann einen kurzen Blick auf die verursachende Kraft werfen zu können. Die Augen kannte ich gut, nur das Restliche hatte sich etwas geändert. Die vormals langen Haare waren heute morgen kurz und schwarz gefärbt, nur bei genauem Hinsehen erkannte man einen gräulichen Schimmer in der Sonne.
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Die Frage nach einem Sinn mit einem Nein zu ersticken ist ebenso wenig ein Ausweg, wie sich überhaupt nicht mit ihr zu beschäftigen. Denn die Möglichkeit, sich um eines profanen Gefühls der Wohlbefindlichkeit willen, selbst belogen zu haben, sollte mehr wiegen als die Tragik der auf- und untergehenden Sonnen, die man verpasst.
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Eines Abends besteigen wir ein Schiff. Ohne Fahrkarte laufen wir einem langen Steg entlang übers Wasser. Unter uns schimmert es brakig, mit ein paar zerfetzten, schwimmenden Milchtüten besetzt, schwappt es vor sich langhin. Und die Morgensonne wird daneben steh’n und lächeln, wenn sie uns die Hände auf die Schultern legt, uns innerlich erhellt und endlich glücklich macht. Fern ab von den Trivialitäten, die uns dunkle Striche ins Gesicht gemalt hat, gehen wir davon. Alles lassen wir liegen, es interessiert nicht mehr, vielmehr hat es nie interessiert, nur haben wir uns endgültig überwunden, dies auch anzuerkennen. Nur die Narben bleiben, und man wird uns daran erkennen. Wahrscheinlich treffen wir irgendwo auch andere Vernarbte.
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So ist das eben. Hier floskelt jemand durch die Gegend, dort muckiert sich ein Anderer darüber. An dieser Stelle besteht eines Menschen Leben aus Arbeit und dem Rest, an anderer wird versucht, es als Ganzes so erfüllt wie nur möglich zu gestalten. Wieder hier ist Philosophie blodes Reden, anderswo eine Passion. So ist das, und so bleibt das. Zwei Könige, der eine breit geliebt, der andere kleinlaut verehrt, ungleich bedeutet, ungleich bedeutend, zu Unrecht, wenn sie doch einer sein sollten.
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Was sind Euphemismen, wenn nicht alle Worte? Was ist Gefühl, wenn nicht jedes Lied, von dem sich keiner traut, es zu kritisieren und es besser in eine Ecke stellt? Was ist Emotivismus, wenn nicht das Absagen der Vernunft gegenüber? Was ist real, wenn alles zu negieren geht? Was ist Wichtigkeit, wenn Negationen vom Gefühl abhängig sind, die einer Vernunft nicht länger entsprechen? Die Ketten aus Propositionen hängen so zusammen, wie sie sich zerreisen lassen. Und dann sind sie fast wertlos.
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Vielen Menschen fällt es offensichtlich schwer, sich durch den Dreck aus Floskeln, Tradition und Konfession, in dem Sie seit ihrer Geburt stecken und der ihnen täglich immerdar eingeflößt wird, an die Oberfläche zu wühlen - keine Oberfläche der Objektivität, höchstens der übersicht, die aber noch lange nicht objektiv ist - und zu denken.











