Monatsarchiv Juni

  • Heute ist Bloomsday. Wenn Sie, geschätzer Leser, jetzt nicht wissen, was der Bloomsday ist, dann macht es Ihnen auch sicher nichts aus, heute nicht in Dublin zu sein, oder? Mal ganz ab vom Fluchtkomplex natürlich.

    Allen Anderen, die eine Echtzeitübertragung im Fernsehen vermissen, sei zu diesem Tag gratuliert.

    Wer jetzt doch noch weitergelesen hat und durchaus etwas wissbegierig ist, schaue hier und auch hier.
    James Joyce: Ulysses.

    James Joyce: Ulysses. Kommentierte Ausgabe
    1100 Seiten
    Suhrkamp Verlag
    50,00 Euro

    Die beste, für sterbliche Personen noch zu erwerbende, Version, abgesehen natürlich vom englischsprachigen Original, die ich kenne. Wunderbar ausstaffiert mit Karten von Leopolds Weg zu jeder Stunde, alle Zuordnungen zu den jeweiligen Themenbereichen und natürlich Kommentare zu allem, das man nicht wissen könnte.

  • Erinnerst du dich noch an die Tage, an denen wir ohne Perspektive erwachten, das Fenster aufrissen und uns die Lungen mit dem Gemisch aus öligen Abgasen und reiner Luft füllten? Wir duschten nicht einmal, zogen mit vier Fingern unsere Haare glatt, sprangen in ein paar Hosen, die irgendwo im Zimmer liegen geblieben waren, als wir am Vortag unterm an der Heizung ein paar Flaschen Wein gelernt hatten und rannten auf die Straße. Kennst du noch die Augen der vielen Autofahrer, die verklärt nirgendwohin blickten und auf unerklärliche Weise doch noch etwas zu sehen schienen?

    I can’t go on. I’ll go on. [weiterlesen ...]

  • Nicht vor dem Intellekt eines Menschen, sondern vor seiner Dummheit sollte man sich fürchten. Denn zu allem einen Kommentar zu haben sagt nichts über Allgemeinbildung, eher über die eigene Unwissenheit aus. Wer dann den trigger happy people die Pistolen noch in die Hände drückt, der war nur zu dumm, um selbst zu schießen.

     

    Neunzehnhundert-, dieses Präfix steht seit einer Weile schon für eine bessere Welt und auch die gute alte Zeit, in der man glaubte, die Welt würde mit dem Tausenderwechsel aus den Fugen geraten. Alle haben aufgeatmet, als die Computer nicht verrückt spielten, aber alle haben ebenso ruhig zugesehen, wie die Bomben trotzdem gefallen und die Menschen durchgedreht sind.

  • Deine Welt scheint kleiner geworden zu sein. Die Gänge sind enger, die Türrahmen hängen niedriger, sodass ich mir fast den Kopf stoße und dein ganzes Werk ist irgendwie unbedeutend geworden. Als du die Tür öffnetest und in dem karrierten Morgenrock durch einen Spalt nach draußen schieltest, hätte ich kaum sagen können, ob du es warst oder jeder beliebige Nachbar.

    Seit du den Stempel verloren hast, mit dem du jedem Tag ein kleines Ornament aufdrücktest, sind sie dir entglitten. Sie grüßen nicht einmal mehr, wenn sie morgens durch das Fenster in dein Schlafzimmer rauschen und im gleichen Atemzug über den Balkon aus deiner Wohnung hechten. Ich habe die ärzte gefragt, bei den Nachbarn geklingelt und mir die Geschichten vom Markt geruhsam angehört, habe beim Apotheker nach einer Medizin gefragt und immer nur erfahren, dass das der Lauf der Zeit sei. Der Lauf der Zeit? Was sollte das? Es klang nach Religion. Den Duft der Rosen sogst du nicht mehr ein, als wir am Damm spazieren gingen, denn du sagtest, dass du ihn schon kennst und oft genug gerochen hast.

    Dass die Besuche weniger wurden störte uns eigentlich nicht. Wir waren zufrieden, wenn du über die sonntäglichen Fussballspiele berichten konntest und ich über die Feuilleton erzählte. Aber waren wir glücklich, als wir aufeinander zu, aber doch knapp aneinander vorbei flanierten?

    I can’t go on. I’ll go on. [weiterlesen ...]

  • “Die Geranien blühen wieder.” “Die deutsche Elf hoffentlich auch.”

    Wie ein heliumgefüllter, roter Luftballon steigst du in den Himmel hoch, weichst stillschweigend ein paar Wolken, vollgestopft mit Hagelkörnern, aus und trägst ein Kärtchen an den Füßen, das den Leuten, die dich auflesen, sagen soll, woher du kommst.

    “Schrippe oda Stulle?” “Brötchen.” “Schrippe?” “Brötchen.” “Stulle?” “Schrippe.” “Jut.”

    Der junge Mann, den Bart zu spitzen Enden aufgerollt, der die Figuren aus den Wolkenbergen knetet, hat schon Feierabend und betrinkt sich an der Theke nah am goldenen Tor, vor dem die Hausierer hocken und auf die Gnädigkeit der Christen pochen. Ein Stück weiter schneidet eine Gruppe von Diskordiern und großes Loch in den weissen Maschendraht und stellt ein Schild daneben auf - “Der Irrationalität letztes Schnippchen.” - ehe sie hinen spazieren.

    “Wenn ick Boulette ruffschreibe, denn kommt balle eener an und fracht, ob ick och Frikadellen habe. Schreib ick Frikadelle ran, denn komm’n Sie und fraren, wat ick och Boulette zu sare.”

    Die Außerirdischen sind Fussballweltmeister geworden. Es steht ja schon vorher fest, wer gewinnt, der ist Marsianer.

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Neunzehnhundert, hier schreibt André Herrmann, Student, Schreiberling, Mitglied der Leipziger Lesebühne Schkeuditzer Kreuz und Teil des Team Totale Zerstörung, aufgrund manischer Veranlagung die meiste Zeit unaufhörlich Geschichten aus seinem noch jungen, aber bereits recht erfolgreich absurden Leben. Tagesmotto für heute:
Aufstehen, losgehen, was machen!

Geschichten, Philosophisches, Politisches und Absurdes.

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