Monatsarchiv Juni
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Kaum ein Gedanke ist so fesseln und begierig darauf, dass man ihm nachgeht, als der an die Bedeutung, resp. die Bedeutungslosigkeit aller Dinge. Wahrscheinlich müsste man der View from Nowhere noch die View from Sometime an die Seite stellen, denn man kommt mit beiden zu dem Schluss, dass, von außen oder von einem Punkt, von dem aus man auf die weiter liegende Vergangenheit zurückblickt, keine große und absolute Bedeutung existieren kann. Denn selbst dem, dem wir irgendwann einmal einen Wert zugeordnet haben, müssen wir heute längst nicht mehr freundlich gegenüber stehen. Wir sehen uns konfrontiert mit unserer eigenen Sprunghaftigkeit, einige, vorallem die, die nur leben, mögen keine Probleme damit haben, alle Anderen früher oder später auf jeden Fall.
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Wir fuhren mit einhundertunddreißig Kilomentern in der Stunde gemächlich unserem Ziel entgegen. Die Sonne stand halbhoch und schleuderte wahllos ein wenig Licht durch die dichte Wolkendecke. Im Vorbeifahren gaffte mich ein kleiner Falke an. Er balancierte in der Krone eines dünnen Bäumchens vor sich und stieß sich zeitweilig von ihm ab, um mit den gegen den Wind gestellten Flügeln auf einer Stelle zu schweben. Es war eintönig, andauernd beschleunigt und abgebremst zu werden, sich mittels Runzeln der Stirn vor den umherschwirrenden Beschimpfungen, die der Dummheit aller anderen Fahrer galten, vom Hals zu halten.
Erst auf der Avus klatschen bunte Wellen tosenden Beifalls gegen die Fensterscheiben, als man unsere Einfahrt in Berlin gebührend feierte. Die verlassene Tribüne, an der außer des Lacks der zahllosen Graffiti, die an ihrer Rückwand gemalt worden waren, nichts mehr aus diesem Jahrhundert zu stammen schien. Ein paar verstorbene Rennfahrer rauchten, in die Schalensitze zurückgelehnt und grüßten mit kollegialem Gruß, als wir am Grunewald entlang kamen. Die Gebäude des Messegeländes hatten ihre Triebwerke gestartet und spiehen dicke Flammen auf die Straße. Mit einem Mal riss sie, in einem Täuschungsmanöver, nach links und rechts auseinander, wir trieben rechts entlang, und verwand beide Enden mehrmals miteinander. Zwischenzeitlich verhinderten einzig die überhöhte Geschwindigkeit und die unheimliche Enge, mit der man durch die geteerten Gänge, jeweils acht andere Wagen neben sich, geschoben wurde, eine Massenkarambolage. Soe verschachtelt zog eine dicke, verqualmte Karawane, die eine Suizidwelle unter allen Umweltschützern ausgelöst hätte, wenn sie nur dabei gewesen wären, weiter nach Charlottenburg.
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Jede Zeit bekommt immer erst im nachhinein ihre Brandmarke. In bewegten stöhnt man, wann möge es endlich aufhören, in unbewegten stöhnt man wiederum, wann es endlch losgehen möge. Es sind zwei verschiedene Ansichten, aber ansich ein und dieselbe, wenn man bedenkt, dass niemand vorher sagen kann, wie ein Ereignis einmal aufgenommen wird. Schlecht ist das vor allen Dingen für das Quantum von Selbstwertgefühl, um dessen Gunst man immer dort Bestätigung sucht, wo man keine finden wird - beim Leben.
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“Ein Hoch auf das Brautpaar!” rufe ich aus voller Brust und fange fast an zu husten, während ich mit der Zigarette in der Rechten eine Geste mache, als hebe ich ein halbvolles Glas Weisswein in die Höhe, um mir mit den vielen Unbekannten zuzuprosten. Etwa einhundert Augen wenden sich mir missgünstig zu, denke ich. Im Endeffekt sind es nur vierzig Augen und keines von ihnen schaut missgünstig, sondern vielmehr zuerst irritiert und danach fröhlich überrascht. Sofort bildet sich eine kleine Traube aus schwarzen Anzügen und Kleidern aller Farben. Man reicht mir ein Glas, randvoll gefüllt mit Bier, ich versuche noch, unter dem auf mich niederprasselnden Stimmengewirr dankend abzulehnen, aber es bringt nichts, wenn einem das Gebräu schon gutmutig zum Mund hingeführt wird. “Ich trinke nur, um mich abzuschiessen” will ich sagen, aber wenigstens diesen Leuten wird das Glück zuteil, keine Lehrstunde von mir zu erhalten. Und so nehme ich einen Schluck. Es muss schon in irgendeiner Ecke vorbereitet gewesen sein. Wahrscheinlich schon seit der Photograph durch die Bäume hindurch mein Bein am Saum des Brautkleides abgelichtet hatte und mehrmals zu ihm gegangen war, um irgendwie diesen grauen Balken loszuwerden.
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Physikalisch fasziniert und chemisch weiterhin beschäftigt trotten wir voran. Unsere Gewissheit drückt als lehmiger Klumpen uns dabei in den Nacken. Und wenn die Expressionisten der Jahrhundertwende mit alledem kokettierten, dann waren sie Verrückte.
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Wahrscheinlich wäre unser Leben anders, wenn wir in anderen Ländern lebteb. In Russland wäre ich weitaus zerstörerischer, in Paris moderner und wohlmöglich seichter, in Großbritannien exzessiver, in Skandinavien klarer und in China sicher hinter Gittern. Stattdessen aber bin ich Deutscher und verstehen allenfalls besser zu jammern als alle Europäer zusammen.











