Monatsarchiv November

  • Alle Theorie scheint letzten Endes doch in Komplizenschaft mit der der Verzweiflung zu stehen.

    Die Gewissheit des Todes ist keineswegs deprimierend. Sie wirkt allein deprimierend, wenn man sich ihr ein Leben lang entzieht. Wenn man nicht akzeptieren kann. Wenn man glauben muss. Endlichkeit - Erlösung in zweierlei Hinsicht. Die allzu oft in menschlichen Versprechen übergangen wird.

    Tolstoi - es vergeht kein Winter, da ich nicht ständig an ihn denken muss. Das Erkennen der eigenen Zufälligkeit und Unbestimmtheit wird mit jedem Lebensjahr nur umso tragischer, aber umso süßer, wenn man seine Losgelöstheit zu wahren weiß.

  • »So, Schluss jetzt mit der Tipperei!«, Peter hatte meine Tür aufgerissen und stand mit seiner riesigen Sporttasche da.
    »Was soll das?«, fragte ich.
    »Den ganzen Tag nur Klack-Klack, und dann beschwerst du dich, dass sowieso nur die Hälfte brauchbar ist.«
    »Ja, und?«
    »Ja nix und! Die andere Hälfte wird dann eben anderweitig genutzt. Und jetzt pack dir saubere Klamotten für morgen zusammen und komm mit.«
    Ich hatte keine Ahnung, was er von mir wollte. Ich war mit der Zeit schon Einiges gewohnt, aber er schaffte es scheinbar immer noch, seine Aktionen zu übertrumpfen. »Was willst du?«, fragte ich genervt.
    »Man, hörst du gar nicht mehr zu? Bundesliga, morgen. Und du kommst mit.«, er zog das mit so lang, dass ich mir echt verarscht vorkam.
    »Wer sagt das?«, hakte ich nach.
    »Na ich!«, rief er und machte mit der rechten Hand eine Faust, die er sich gründlich besah. »Brauchst doch gar nix zu machen. Nur mitkommen.«
    Ich konnte es nicht ausstehen, wenn es so Schlag auf Schlag ging. Aber so war Peter. Und in gewisser Hinsicht war es ganz praktisch gewesen. Der alte Seesack, in dem ich immer meine Dreckwäsche gelagert hatte, bis ich mich bequemen konnte, zum Waschsalon zu gehen, musste für die paar Klamotten reichen.
    »Ich kauf dir unterwegs an der Tanke auch Stift und Papier.«, lachte er, als er schon einmal vorgegangen war.

    I can’t go on. I’ll go on. [weiterlesen ...]

  • Die Stadt roch ein wenig angekokelt. Ich machte beim Gehen mehrmals Halt, denn immer wieder wurde ich stutzig. Man hatte das Gefühl, man wäre in einen riesigen Haufen Scheisse getreten, der in einer glühenden Mittagssonne ein sattes Aroma entwickelt hätte. Auf dem Boden lag wie tot eine Schicht von dickem Rauch, grau und ausgestorben. Ich stapfte hindurch und summte Little Bird von Annie Lennox. Ich wusste nicht, woher ich es auf einmal wieder holte, aber es war da und ich konnte es so schnell nicht gegen etwas Anderes tauschen. Man merkt gar nicht, wieviel Schwermut in einem Text liegen kann, wenn er einenmit einhundertundzwanzig Schlägen pro Minute übers Pflaster hetzt.

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  • Bauchschmerzen wie Presswehen beim aus dem Fenster Sehen.
    Rasch Aua.
    Ein Clochard mehr aus der U-Bahn geworfen worden.
    Zum Trotz mit ausgestiegen, die Arme vor der Brust verschränkt.
    Keiner etwas bemerkt. Hatten es eilig.
    So funktioniert Protest nicht.

  • Nachdem Schipinsky, den alle wegen seines unausprechlichen Namens nur Schippe nannten, und ich dazu verdonnert worden waren, ein halbes Jahr lang jeden Freitag nach Feierabend die öfen für die Schicht des Samstagvormittags zu beladen, führte unser Weg nach Feierabend größtenteils direkt in eine Kneipe. Meist landeten wir dabei im Tau, einer versifften, aber nichtsdestotrotz sehr beliebten Kneipe, die gleich auf dem Nachhauseweg lag und gehäkelte Gardinen in den Fenster hatte.

    Der Laden hatte zwar den perfekten Ein- und Ausgang für jeden Trunkenheitszustand, mit drei Stufen nach oben, über die man in den Laden hinein-, bzw. drei Stufen nach unten, über die man aus dem Laden hinausfallen konnte, dafür aber das schrecklichste Ambiente überhaupt, wie ich fand. über den runden Tischen hingen sehr tief verqualmte Lampen, die senffarbenes Licht auf die meist welken Blumen in der Mitte und den Aschenbecher warfen. Dazu klimperte dieser verdammte Spielautomat ununterbrochen seine nervenzerreissenden Töne durch den Raum. Schippe interessierte das nicht sonderlich. Das Bier schmeckte einheitlich wie überall und kostete aus dem Glas sogar weniger. Und mir war es nach den ersten Runden bisher auch immer egal geworden.

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Neunzehnhundert, hier schreibt André Herrmann, Student, Schreiberling und Mitglied der Leipziger Lesebühne Schkeuditzer Kreuz, aufgrund manischer Veranlagung die meiste Zeit unaufhörlich Geschichten aus seinem noch jungen, aber bereits recht erfolgreich absurden Leben. Tagesmotto für heute: Aufstehen, losgehen, was machen!

Geschichten, Philosophisches, Politisches und Absurdes.

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