Monatsarchiv April

  • Flickr: Zeitfixierer: Roggenfeld #1
    Foto von Zeitfixierer

    «Komm, wir fahr’n ins Paradies.», sage ich und du musst mich stützten.

    Fast schreie ich und schaue mich ängstlich um: «Und entrinnen aller unserer Prägung!»

    Wir sprechen von Knopfgießern und der Sehnsucht, endlich auch umgeschmolzen zu werden.
    Aber wir wollen nicht vergessen und keinesfalls vergessen werden.

    «Oder, wenn doch …», schmunzelst du.

    Obwohl die Sonne seit Wochen und Wochen endlich ihr Stelldichein hält, kommt es mir vor, als wäre dies alles weit weg und scheitere schon in einem Abstand von einhundert Metern an einer unsichtbaren Wand. Und egal, wie weit ich meine Arme ausstrecke, rufe, oder Steinchen nach ihr werfe, es nützt nichts. Jeder gescheiterte Versuch hinterlässt allenfalls einen kleinen Abdruck. Nur eine neue Nuance im Tiefensog all dieser Lasten.

    Man, sie liebte so sehr den Verfall!

    Ach, ich weiß es noch genau. Wir saßen dort drüben am Geländer und tupften mit den Fingern die Rottöne auf den Horizont. Damals, als wir nach einem langen, schönen Tag beschlossen hatten, die Welt nun endlich schlafen zu legen. Und wie wir lachten am Morgen, da die Sonne erst viel später als gewöhnlich an ihrem Platz erschien.

    Wir liefen durch die Felder. Jauchzten und tollten. Schliefen im Raps, um zu sehen, ob die Gerüchte stimmten.

    Jetzt tappse ich einsam durch die Straßen. Ich streiche mit meinen Fingern an den Häuserwänden entlang und halte hier und dort unter den Fenstern der alten Tavernen, aus denen die hübschen Gassenhauer auf die Straße hinaus tanzen. Dann wieder erinnere ich mich an die Sonnenuntergänge in Frankreich, deine Arme, deine Haare, deinen Geruch. Und wie wir uns ganz allein die beste Zeit unseres Lebens gemacht hatten.

    Jeden Tag.

  • «bodenlose Gleisträger»

  • Immer und immer wieder die Frage, was besser ist. Die Resignation vor dem Zeitverlauf, es ganz einfach hinzunehmen, Stück um Stück zu vergehen, so wie die brüchigen Lichttupfer im Morgengrauen, oder die Zeit ganz einfach zu vergessen, wie einen missgünstigen Freund?

    Es ist nur immer wieder dasselbe Gefühl, beim Schimmer der aufgehenden Sonne am Kai zu warten und den Tag längst wieder enden zu sehen. Beim Rufen der Möwen, das so kläglich klingt als jener Schrei, der seit Jahrzehnten in der eigenen Brust rumort. Tag um Tag und immerdar. Und nur das Wasser trotzt alledem mit seiner Stetigkeit, ewig periodisch gegen die Steinmauern zu klatschen, sich selbst Beifall zu spenden. In einem traurigen Theater.

    Was man allen Menschen mit auf den Weg geben müsste: Niemals im Geiste müde zu werden. Um nicht mit 30 zu sterben und erst mit 70 beerdigt zu werden.

  • Bitte beachten:

    Die Geschichten von Zahnärzten und Kieferchirugen häufen sich. Wie auch 500Beine ergeht es unseren Helden.
    Dies ist der dritte Teil einer kleinen Trilogie über nette Erlebnisse bei einem Kieferchirugen. Hier findest du noch einmal Links zu allen Teilen:

    Sie hatte die Augen geschlossen. Als sie das kalte Metall des Skalpells auf ihren Lippen spürte, schoss ihr erneut der Schweiß auf die Stirn. Aber das Schneiden bemerkte sie nicht. Alles, was sie vernahm, war das Ratschen der Klinge auf Fleisch und Zahn, das an platzende Hosennähte erinnerte.
    «Ach herrjeh!», rumorte man vor sich hin.
    Alle, außer Tina, schienen zu verstehen, was gemeint war. Aber schon im nächsten Moment verstand auch sie wieder viel zu gut. Während sich ein spitzer Bohrer eifrig seinen Weg durch ihr Gebiss bahnte, wünschte sich Tina nicht sehnlicher, als dass man anstelle ihrer Augen am Besten ihr Gehör und Gefühl für Erschütterungen ausgeschaltet hätte. Es war, als fühlte sie jede Drehung der Fräse an ihrem noch jungfräulichen Zahn. Man versuchte, ihn mit dem Bohrer in eine angenehme Stellung zu bringen, um ihn auf diese Weise leichter entfernen zu können.

    I can’t go on. I’ll go on. [weiterlesen ...]

  • Bitte beachten:

    Die Geschichten von Zahnärzten und Kieferchirugen häufen sich. Wie auch 500Beine ergeht es unseren Helden.
    Dies ist der zweite Teil einer kleinen Trilogie über nette Erlebnisse bei einem Kieferchirugen. Hier findest du noch einmal Links zu allen Teilen:

    Die Zeit dehnte sich ins schier Unendliche. Durch ein kleines Dachfenster am anderen Ende kam ein wenig Tageslicht ins Zimmer, das sich mit dem weißen Licht zweier Leuchtstoffröhren vermischte. Die Tür stand ein Stück weit offen, sodass sie immer wieder Schwestern und grinsende Ärzte vorbeilaufen sehen konnte. Am gegenüberliegenden Zimmer stand in fetten Lettern Anästhesie. Und jene jungen Frauen, die dort eifrig Operationsbestecke wuschen, trockneten und wieder desinfizierten, oder was auch immer sie darin taten, unterhielten sich beiläufig über ihre verflossenen Freunde.
    «Ick sare dir, der war jarnischt. Konnste voll knicken den Idiot, ey. Nix druff jehabt. Nichma ins Bette.», debattierten sie fachkundig vor sich hin.
    Aber als Tina eine Weile zugehört und ab und an das Klimpern von Skalpellen auf dem Boden, gefolgt von dem obligatorischen «Ach, Kacke!», vernommen hatte, war sie sich schon längst nicht mehr so sicher, ob die Damen beiläufig erzählten, oder beiläufig die Instrumente reinigten.
    Manche machten kurz Halt, schielten ins Zimmer, verzogen den Mund zu einem gespielten Lächeln und gingen dann schweigend weiter.

    I can’t go on. I’ll go on. [weiterlesen ...]

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Neunzehnhundert, hier schreibt André Herrmann, Student, Schreiberling und Mitglied der Leipziger Lesebühne Schkeuditzer Kreuz, aufgrund manischer Veranlagung die meiste Zeit unaufhörlich Geschichten aus seinem noch jungen, aber bereits recht erfolgreich absurden Leben. Tagesmotto für heute: Aufstehen, losgehen, was machen!

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