Monatsarchiv April

  • Flickr: BrittneyBush: hide and seek III
    Foto von TommyOshima

    Das grelle Licht, das sich im frisch gewischten Tresen spiegelt, brennt in meinen müden Augen. Regelmäßiges Gähnen verstärkt den Wunsch, endlich nachzugeben und den Kopf auf die Holzplatte sinken zu lassen.

    «Camel!», ereifert sich das Mädchen mit den haselnussbraunen Haaren hastig, «Camel, so heißt die Farbe, die ich jetzt in drin hab.»

    Seit wann man sich Kippen in die Haare schmiert, denke ich und folge den bunten Mosaiken vor der schwarzen Leinwand meiner Augen. Der Tresen ist kalt und immer noch feucht.

    «Not — one — more — word — tonight», singen sie in weiter Ferne leiser werden vor sich hin, «Oh, Oh oh oh, Oh oh oh oh oh, Oh oh oh oh.»

    «Es heißt Caramel, nicht Camel. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil …», verbessert sie die Freundin und verzieht die rott glänzenden Lippen. Der wohl letzte Lacher des Abends.

    Ich winke den Barkeeper heran und zeige auf ein milchig-weinrotes Gesöff, das gerade seinen Weg über Wangen und T-Shirt eines Typen in der Ecke des Raumes findet. «Das — zum Abschied, bitte.»

    «Sicher?»

    «Sicher, sicher!», murmele ich und versuche meine Augen so gut es geht offen zu halten. Vielleicht hält es ja wach.

    Zwei Hocker weiter kontrolliert man gerade die Frisuren und Haarschnitte der übrigen Gäste: «Und, welches Tier hast du auch dem Kopf?»

    Wortlos bekomme ich mein gefülltes Glas vor die Nase gestellt, als ich gerade einzunicken drohe. Je näher man ihm kommt, desto schrecklicher sieht es aus. «Was habe ich bestellt?»

    «Weißbier mit Kirschsaft.», werde ich aufgeklärt.

    Zehn Minuten später befanden sich alle bereits auf dem Heimweg. Es hatte genau so geschmeckt, wie ich mich fühlte, als ich die Wohnungstür öffnete und aufs Parkett knallte.

  • Flickr: BrittneyBush: Being Regular Joe
    Foto von BrittneyBush

    Mit seinen 14 Jahren sagten sie es ihm zum allerersten Mal.
    Sie sagten es kühl und dabei war es aufrührerisch. Für sie war es Normalität. Sie hatten jeden Tag damit zu tun, nichts Besonderes mehr, blanker Hohn, sein Schwanken nachzuäffen. Sie alle hatten es gehabt.

    I can’t go on. I’ll go on. [weiterlesen ...]

  • «Nun, sagen wir so, Sie sind ein guter Mensch!», sagte der Personalchef und wedelte unsicher mit einem Fetzen Papier.
    Aber für unsere Telefonzentrale sind Sie einfach nicht bedenkenloses Arschloch genug, dachte ich und musste unbewusst grinsen bei dem Gedanken, diesen schlaksigen Kerl mit zur Faust geballtem Gesicht quer über seinen riesigen Schreibtisch zu zerren.
    «Aber ich glaube, dass Ihre Stärken nicht im Communication- und Advertisingbereich liegen.», schleuderte er mit witzlosen Begriffsduseleien um sich. Ich reagierte nicht, sondern musterte ihn pausenlos, «Dass Sie nichts für ein Call Center wie unseres sind, meine ich.»

    Seine Nadelstreifen machten nicht die kleinste Bewegung, während er sich zu artikulieren versuchte. Der sicher hundsteure Anzug hätte auch ohne sein dürres Skelett darin vollkommen aufrecht gestanden. Ich schätze ihn auf vier, vielleicht fünf Jahre älter als mich selbst. Wahrscheinlich hatte er an der gleichen Uni studiert, Wirtschaft natürlich, und war nun vor ein paar Monaten ganz oben, wie genau man es eben nahm, ins Berufsleben eingestiegen. Mit eigenem Büro, geschmeidigstem Blick auf einen graugrauen Parkplatz inmitten eines tristen Neubaugebietes und dem Freibrief für übereifertes Geplapper, das man nicht mehr als halb verstehen muss.

    I can’t go on. I’ll go on. [weiterlesen ...]

  • Flickr: john curley: Sand Dancer
    Foto von john curley

    Das war es also, ganz einfach und schnell und überhaupt. Mal eben vorbeigezogen, kurz gewunken, als es auf Augenhöhe war, und dann weiter. Ein Jahr, auf das ich gern von vornherein verzichtet hätte, aber unter diesen Umständen nicht mehr missen möchte.

    Ich weiß nicht, ob ich mir selbst gratulieren soll. Ich weiß nicht wozu.

    Diese Seite gibt es jetzt mittlerweile seit einem Jahr. Damit hat sie, um es vorsichtig zu sagen, die Halbwertszeit dieser Medienform bei Weitem überschritten und darf sich jetzt mit dem visuellen Grenzwall, dem “Heute vor einem Jahr”-Modul gegenüber allen Neulingen abschotten.

    Und dennoch ist nichts dabei.

    Noch immer ist diese Seite zu langsam für all die Gerüchte und Querelen der so genannten “Blogosphäre”, zu denen sie mit wenigen anderen wahrscheinlich schon fast gar nicht mehr so recht gehören mag.

    Doch das stört nicht weiter, denn an ihrem Anspruch hat sich wenig geändert und wird sich weiterhin wenig ändern.

    Eines vielleicht noch: Hallo, Leser/in.

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WILLKOMMEN!

Neunzehnhundert, hier schreibt André Herrmann, Student, Schreiberling und Mitglied der Leipziger Lesebühne Schkeuditzer Kreuz, aufgrund manischer Veranlagung die meiste Zeit unaufhörlich Geschichten aus seinem noch jungen, aber bereits recht erfolgreich absurden Leben. Tagesmotto für heute: Aufstehen, losgehen, was machen!

Geschichten, Philosophisches, Politisches und Absurdes.

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