Monatsarchiv Juli
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Bei Tisch.
“Warum heißt Leberwurst eigentlich Leberwurst?”
“Weiß ich doch nicht.”
“Müsste es nicht vielmehr Leberbrät heißen?”
“Ach, was fragst du mich das? Keine Ahnung.”
“Na, das zerkleinerte Fleisch nennt man Brät. Zur Wurst wird das Brät, wenn man es eintütet.”
“EIN - TÜ - TET!”
“In einen Darm. Oder Magen! Aber die hier ist lose. Also Brät. Leberbrät eben.”
“Du kannst einem echt den Appetit verderben …”Ein Weile herrscht beklemmende Stille.
“Oder wenn ich Leberbrät esse und es in meinem Magen landet, wird es dann zur Leberwurst?
Heißt es deshalb so?”Endgültig Stille.
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«Erich, könnten Sie bitte aufhören, Desinteresse zu verbreiten?»
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Als ich sechzehn wurde, meinte ich, dass es langsam an der Zeit wäre, mit dem Rauchen anzufangen. Sechzehn ist eigentlich kein Alter, um mit dem Rauchen anzufangen. Alle Rauchenden, die ich kannte, hatten mit zwölf oder spätestens vierzehn begonnen.
Aber ich empfand den Anblick eines Vierzehnjährigen, der eine Kippe in seinem Mundwinkel balanciert und dabei versucht, möglichst verwegen auszusehen, seit jeher lächerlich. Da mussten wenigstens schon ein paar dunkle Bartstoppeln unter der Haut hervor schimmern, um wirklich rau zu wirken.Der Sommer kam zuverlässig und die Parties wurden wieder zahlreicher. Die wirklich relevanten Teile der Woche verteilten sich wieder auf Freitag und Samstag, der Rest wurde bloße Verpackung. Da das Geld für Clubs so gut wie nie ausreichte, blieben wir die meiste Zeit bei Bianca, einem recht hübschen Mädchen mit blondem Pferdeschwanz. Die hatte von ihren Eltern den gesamten Keller des Hauses ausgebaut bekommen und genügend Platz, um eine Horde von Trinkwut besessener Halbwüchsiger unterzubringen.
Seit ich rauchte, scheuchte sie auch mich jedes Mal in den Hof hinaus, wenn ich drinnen ansetzte, mir eine Kippe zu drehen. So lernte ich zumindest Bärbel besser kennen.
Bärbel war ein komischer Kerl. Faszinierend komisch und irgendwie einsam.
Sobald wir nach einer halben Stunde zum ersten Mal geschlossen in den Hof drängten, um uns einzunebeln, blieb er meist für den Rest des ganzen Abends draußen stehen.«Das ist nix für mich.», erklärte er auf meine Frage hin, warum er nicht mit reinkomme.
Er ging auf eine andere Schule als ich, kannte kaum einen von uns und hatte wenig Ambitionen, das zu ändern. Seine schwarzen Haare hingen ihm bis in die Augen. In einem angefressenen Anzug hätte er das perfekte Bild eines Gescheiterten verkörpert.
«Hab einfach keine Lust, kapierst du?»
Ein oder zwei Jahre älter war er auch. Er schwitzte viel. Sein Gesicht lief immer feuerrot an, sobald er den ersten Schluck Bier genommen hatte. Dann, wenn er grinste, zog sich seine Unterlippe so hoch, dass man mindestens genau so viel Zahnfleisch wie Zähne sehen konnte. Ich nannte ihn den Zahnfleischgrinser.Wenn er sich unbeobachtet fühlte, dann knöpfte Bärbel sein weißes Hemd bis zum Solarplexus hinunter auf, breitete die Arme aus und ließ die heiße Abendluft an seinem Körper entlang rauschen, als könne sie etwas von ihm mit sich in den Himmel tragen.
Er lachte die ganze Zeit über und erzählte mir aufgeregt von seinen Erlebnissen. Aber er lachte anders, als ich es gewohnt war. Ich kam einfach nicht darauf, was für eine Art Lachen es war. Wenn man ihn schwanken sah, mit aufgeknöpftem Hemd und knallrotem Gesicht, hätte alles nahe gelegen. Wenn man die in seiner Kehle verkanntet unterschwellige Verzweiflung dabei hörte, die er Wochenende für Wochenende mit ein paar Flaschen Braunem zu lockern suchte.«Lass ihn einfach in Ruhe!», ermahnte mich Bianca, als ich wieder einmal zu Bärbel wollte. Sie hielt mich direkt am Hemdskragen und sah mir fest in die Augen: «Geh doch nicht auch noch zum ihm hin und hör dir seine Geschichten an! Er hat’s doch auch so schon nicht leicht. Sein Vater säuft wie verrückt und die Mutter verbringt fast jede zweite Woche im Frauenhaus. Geregelt läuft da schon lang nichts mehr. Meinst du das geht so einfach an ihm vorbei? Ich denke er braucht echt niemanden, dem er das alles noch erzählen kann.»
«Ach», rief ich, «Und wenn er alles für sich behält, dann wird’s besser, ja?», stieß sie beseite und ging die Treppen hinauf in den Hof.Bärbel sah noch fertiger als gewöhnlich aus. Er lehnte im schnapsgetränkten Hemd an der Mauer und lachte wieder, er war schon völlig dicht.
«Bin schon seit Mittag hier.», sagte er.
«Wieso das?»
«Mein Vater wollte meine Mutter totschlagen.», und er lachte, «Mal wieder.»
Ich ging näher an ihn heran, um ihn zu stützten und auf den Moment gefasst zu sein, in dem er zusammensacken würde.
«Da hab ich mich vor ihn gestellt und gesagt, er solle doch lieber mich totschlagen. Zwei Fliegen mit einer Klappe sozusagen.»
«Und dann?»
«Meine Mutter ist bei meiner Tante. Ich brauch noch mein Zeug. Und wenn er mich anmacht, dann knall ich ihn ab. Notwehr. Ich weiß, dass er ‘ne Knarre hat.»
«Bist du bescheuert? Geh zu den Bullen. Jetzt gleich. Oder schlaf dich erst aus und geh dann. Kannst mit zu mir, wenn du willst.»
Doch wo ich dachte, ein Meer aus Verzweiflung freizulegen, stieß ich längst auf eine tiefe, ausgehöhlte Grube voll Resignation.
«Ach, ich will das heute noch geregelt haben.» Er stand wie angewurzelt da und schien nachzudenken. Er sprach nicht und war mit einem Mal sehr ernst geworden. Plötzlich kniff er die Augen zusammen, so als sei er beim Suchen auf eine besonders schmerzende Stelle gestoßen.
Dann klopfte er mir auf die Schultern, ich hakte ihn unter und wir humpelten ins Haus, wo ich Bianca um einen ruhigen Schlafplatz für Bärbel bat.
Der Abend endete früh.Am nächsten Morgen machte ich mich sehr früh auf den Weg zu Bianca, um ihr beim aufräumen zu helfen, wie ich mir einzureden versuchte. Aber insgeheim wusste ich ganz genau, dass ich nur in aller Ruhe mit ihr und Bärbel über all das reden wollte, was sie mir von seinen Eltern erzählt hatte. Mir war schlecht bei dem Gedanken, was ich alles noch über sie hören könnte.
Bianca öffnete mir, noch immer im seidenen Schlafanzug, bat mich herein. Und noch ehe ich etwas sagen konnte plapperte sie ganz klar und schnell: «Bärbel ist tot.»
Ich registrierte im ersten Moment noch gar nichts. Für mich schlief er immer noch ein paar Räume weiter wie ein Stein, eingesunken in Kissen und Decken, umhüllt von fetten Kopfschmerzen. Diese Wahrheit ging noch tiefer als alles, was ich erwartet hätte.
«Hat sich erschossen. Gestern. Oder heute früh. Ist wohl nur noch dazu nach Hause gegangen. Irgendwann in der Nacht.»
Jedes einzelne Wort schlug ein wie ein Meteor.
«Hat er dir noch etwas gesagt?», fragte ich.
«Dass er sich gern einmal mit mir so wie mit dir unterhalten hätte. ‘Ja ja, morgen.’, hab ich gesagt. Ich dachte doch, der schläft.», sagte sie verkrampft und versuchte die auftreibenden Tränen zu unterdrücken.
Ich nahm sie in den Arm und ließ sie erst neun Monate später wieder los. Erst dann, als sie endgültig wieder mit einem Lächeln an ihre Freundschaft mit Bärbel denken konnte.
«Er war total in mich verschossen. Ewig her.», erklärte sie dann lachend, «Und ich wollte ihn nicht. Aber wir sind Freunde geblieben, weil er mir gezeigt hat, wie man mit den Fingern pfeift.»Und ich habe mich selten wieder so beschissen gefühlt. Die Bestätigung, dass ich ihm nicht den letzten Stoß gegeben hatte gegen Bärbels verdammtes, zersprengtes Gehirn unter dem Poster der Tears for Fears. Ich hasste mich dafür, dass es mein erster Gedanke gewesen war, wer dafür verantwortlich sei. Nicht einmal Trauer. Nur verdammte Leere. Zum ersten Mal fühlte ich mich wirklich hilflos und glaubte im Ansatz nachvollziehen zu können, wie für ihn die letzte Jahre gewesen sein mussten.
Seine Mutter folgte ihm schon kurz nach der Beerdigung.
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Die Arme weit auseinander gerissen, Howth Head. Immer darauf gefasst, die herein treibende Leichtigkeit eines Anderen aufzusammeln, der sie irgendwo drüben ins Wasser geworfen hat. Wenn alles auf dieser Landzunge wegbricht, dann muss ich dabei sein. Die Hoffnung und der Respekt vor sich selbst. Mit all jenen, die nur vorbeikommen, um etwas abzulegen oder mitzunehmen. Sie stehen dort vorn am Steg, schauen hinaus und versuchen etwas zu finden, das ihnen hilfreich sein könnte. Aber das Meer ist wenig kooperativ. Immer muss man alles selbst machen.
Die Vormittage werden ganz automatisch salzig, sobald der Wind dreht und kleine Bögen durch die Dublin Bay schlägt. Meine Füße vulkanisieren. Ich laufe schon wieder um vier Uhr morgens über den Campus, darüber ein Himmel, der sich noch nicht ganz sicher ist, wie lang es Nacht bleiben soll.
«Nah, tis weser is nat normal!»Hier und da die Wolken aufgerissen und mit Rot bekleistert. Zollfreie Ware, die Schlaflosigkeit. Und unter antiterroristischen Gesichtspunkten vielleicht gar nicht außer Landes zu bringen. Bin ich also ein Verbrecher, wie sie im Bett auf und nieder schwappt, die Aufregung in Bewegung bringt.
Das Mädchen nebenan, eine Amerikanerin, hat die sonderbare Angewohnheit, jeden Dienstagmorgen gegen 3 ihre Verwandten anzurufen. Die dünnen Gasbetonwände machen mich zum Mitwisser, ob ich will oder nicht. Nach einer vergeblichen Stunde Einschlafversuchen legt sie auf. Ich gehe raus, besser so. Ich weiß, was jetzt kommt. Keine zwei Minuten später beginnt das stöhnen. Das dauert jetzt. Sie stöhnt so monoton, dass es mich eigentlich einschläfern müsste. Es aber nicht tut. Sie studiert normalerweise in Harvard. 45000 Dollar jährlich und ein verstöhntes Auslandssemester.
«You won’t get caught for speeding in this city, will ya?», grinst der Busfahrer. Man sollte abends nicht zu nah an die City kommen, wenn man nicht vor hat, sich abzuschießen. Abends ist sich jeder zu fein zum Busfahren.
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Einfach aufstehen, losgehen, was machen.
Den Blutdruck senken, nochmals deodorisieren [sic!], sourverän grüßen.
Oder sitzen bleiben, herauslächeln, die eigene Abwesenheit tunlichst verbergen.
S-Bahn-Kabarett, Lacher im ganzen Waggon, für zwei Stationen losgelöst.
All das unentgeltlich.
Um wieder dabei zu sein beim Urlaub von sich selbst.











