Monatsarchiv August

  • Ich sitze zurückgelehnt auf dem Beifahrersitz des kleinen Autos, einen Fuss gegen das Handschuhfach gestemmt. Frontalaufprall, Trägheit. Ich stelle mir vor, wie es wohl aussieht, wenn sich das Schienbein mitten durchs Gesicht bohrt.
    Extra morgens NIL gekauft, um mir selbst gegenüber besonders intellektuell zu wirken. Zurückgelehnt, den Kopf im Nacken und warmen Fahrtwind auf den Wangen, der mit jeder Minute dunkler wird. Ein Totempfahl der Überschwänglichkeit, Funken sprühend Fensterscheiben.

    Dass wir heute bloß nicht ankommen.

    Teufel werde ich tun und nach Wild Ausschau halten. Versuchen vielleicht, aber keinen Erfolg haben. Ich bin doch gar nicht da!
    Es ist so aberwitzig, dass ich aus dem Lachen gar nicht mehr heraus komme und dabei Zentimeter um Zentimeter in meinem eigenen Dunkel versinke. Zehn, zwanzig davon, wen kümmert es? Die Crux des Körpers ist doch, dass er wie parfümiertes Ziegenleder ist. Zäh jedenfalls. Und manchmal ein bisschen lieblich riecht.

    Aufstehen, drüber hinwegkommen.

    Die Lichter dort vorn sehen wie ein Jahrmarkt aus. Blau rotierend und gelb, blutrot. Wenn ich jetzt hier wäre, hätte ich Lust dazu, mit aller Kraft auf die Amaturen zu schlagen. Oder mich abzuschießen wie eine Feuerwerksrakete. Zu explodieren wie sie. In fünfzig Metern Höhe. Ob die sich freuen, wenn man sie zündet?
    Der Jahrmarkt. So echt, dass man fast Angst haben müsste, nicht direkt in irgendein beliebiges Festzelt zu brettern und 35 Hühnerschenkel knabbernde Männer mit befederten Hüten über den Jordan zu schicken.
    Ich bin der Cliffhanger.

    Oder auch nicht. Scheißegal!

    Einfach nur unterwegs sein.

    Vielleicht gar nicht ankommen.

    Kleine Metallfetzen auf der Straße. Reifenteile geborstenes Glas. Die Bullen, das Blau, die Lichter und das Gummi. Viermal überschlagen. Ein Mann mit zerrissener Nase und tränenden Augen am Straßenrand. Die Frau nebenan.
    „Der sicherste Platz im Auto ist mittig auf der Rückbank.“: Das Kind mit gebrochenen Armen und Beinen, verdreht wie die eines uralten Yogi. Bewusstlos und glücklich, den sichersten Platz gehabt zu haben.

    Komm, wir gehen. Weiter. Der Stolz, die Selbstachtung. Anzukommen.

  • Vielleicht müsste die Frisörin, nein, nicht Frisöse, auch ein bisschen vom Kopf wegschneiden, um mehr Last von den Schultern zu bekommen, anstelle sich allein auf die Haare zu beschränken. Ein bisschen weniger Thalamus könnte sicherlich nicht schaden. Weniger Wichtiges und Bewusstes, eine mit geschärftem Rasiermesser geschickt herausgekitzelte Ataraxie, gekoppelt an einen kleinen Kippschalter hinter dem Ohr. Aber kann man einer Frisöse, scheiße, Frisörin, eigentlich neurochirurgische Kompetenzen zumessen? Lernt man so etwas in der Handwerkerinnung?

    Den Typen jedenfalls, der im zerschlissenen Bundeswehrparka mit gekonnten GSG9-”Wir stürmen jetzt deine verdammte Bude, du Terroristenschwein!”-Fusstritt die Scharniere der Eingangstür einer harten Probe unterzieht, scheint das wenig zu stören. Er marschiert in halb offenen Springern zum Kleiderständer und entledigt sich seines Parkas, sodass die dünnen Drahtärmchen des IKEA-Designobjekts hörbar zu ächzen beginnen.
    Er trägt einen schwarzen Pullover und zerschlissene Jeans. Seine zotteligen Haare sehen aus, als könnten sie das Komplettprogramm gebrauchen.

    I can’t go on. I’ll go on. [weiterlesen ...]

  • In nicht respektablem Zustand an einer Trucker-Bar stoppen.

    Die Blase möchte den restlichen Weg nicht mehr mitmachen.

    Sich mit ataraxischem Auftreten einen Gang zur Toilette ertrotzen.

    Und mit einem Willie-Nelson-Medley revanchieren.

  • Wenn ich die Möglichkeit hätte, mir von einem meiner Verwandten irgendeinen Wunsch erfüllen zu lassen, so würde ich mir vielleicht einen kleinen Neffen wünschen. Er müsste ganz klein sein und mir bis zur Hüfte reichen, mit kurzen, braunen Haaren und einem Gesicht, das von den Beschwerlichkeiten des Lebens noch keinerlei Notiz genommen hat.

    Man muss sich nur einmal vorstellen, was für einen Spaß man mit diesem kleinen, völlig unbeleckten Kerl haben könnte. Wenn er erst einmal Vertrauen gefasst hätte, könnte man ihm so unendlich viel beibringen und ihm die Welt so zeigen, wie man selbst sie sieht. Ihm das Verständnis erleichtern und sich gleichzeitig seiner kindlichen Befreitheit bedienen, endlich wieder einmal ein paar ausgefallene Dinge zu tun.

    Es gäbe da Vieles. Und ich glaube, ich würde unter Anderem Folgendes mit ihm tun:

    I can’t go on. I’ll go on. [weiterlesen ...]

  • Für wie viele Leser schreiben ich und ab und zu auch Erich Emotional hier eigentlich?

    320193886_4f81700be0.jpg
    Ein typischer Phantomleser
    (Foto von moominsean)

    Ja, das ist die Frage, die mir seit geraumer Zeit im Kopf herum geistert und auf die ich wohl frühestens zur De-Lurking-Week Anfang des nächsten Jahres eine Antwort bekäme. Aber so lang möchte ich gar nicht mehr warten. Ich möchte es jetzt gern wissen, und darum nennen wir das ganze jetzt hier auch nicht De-Lurking-Week, sondern denken uns irgendeine andere Bezeichnung dafür aus.

    Worum es geht ist Folgendes, liebe Leserin, lieber Leser, liebe Phantome:

    Falls das Statistikprogramm im Hintergrund nicht lügt, gibt es viele Leute, die regelmäßig diese Seite besuchen, treu mitlesen und kein Wort daruber verlieren, nirgendwo ihren Senf dazu geben und sich alles von den skrupelosen und machtgierigen Machern der Seite gefallen lassen.

    Schreib doch einfach mal einen Kommentar. Schreib vielleicht, wie du auf Neunzehnhundert.org gestoßen bist, was dich bisher hier gehalten oder bald wieder vertrieben hat. Schreib, was dir gefällt und was nicht, was zu kurz kommt und wovon es hier viel zu viel gibt. Schreib irgendetwas, was du willst. Natürlich auch etwas über dich.

    Ich werde diesem Beitrag bis zum Sonntag einen Ehrenplatz ganz oben auf der Seite spendieren, sodass jeder einmal darüber stolpern sollte. [Keine Lust mehr. Beklemmende Warterei lähmt.] Vielleicht schaffen es sogar die zahlreichen Feed-Leser, hier eine kleine Rückmeldung zu hinterlassen.

    Gebt uns nicht diese Blöße!

    “Wer das liest, wird kommentieren!” (Erich Emotional)

    Ihr seid dran, Feuer frei.

1 2 3 4 ... 5

WILLKOMMEN!

Neunzehnhundert, hier schreibt André Herrmann, Student, Schreiberling und Mitglied der Leipziger Lesebühne Schkeuditzer Kreuz, aufgrund manischer Veranlagung die meiste Zeit unaufhörlich Geschichten aus seinem noch jungen, aber bereits recht erfolgreich absurden Leben. Tagesmotto für heute: Aufstehen, losgehen, was machen!

Geschichten, Philosophisches, Politisches und Absurdes.

Überall / Auftritte

letztens / neuste Einträge

damals / vor Jahren

begehrt / beliebteste Einträge

Ausgrabung / zufällige Einträge

Kondolenz / letzte Kommentare