Monatsarchiv August

  • Vielleicht müsste die Frisörin, nein, nicht Frisöse, auch ein bisschen vom Kopf wegschneiden, um mehr Last von den Schultern zu bekommen, anstelle sich allein auf die Haare zu beschränken. Ein bisschen weniger Thalamus könnte sicherlich nicht schaden. Weniger Wichtiges und Bewusstes, eine mit geschärftem Rasiermesser geschickt herausgekitzelte Ataraxie, gekoppelt an einen kleinen Kippschalter hinter dem Ohr. Aber kann man einer Frisöse, scheiße, Frisörin, eigentlich neurochirurgische Kompetenzen zumessen? Lernt man so etwas in der Handwerkerinnung?

    Den Typen jedenfalls, der im zerschlissenen Bundeswehrparka mit gekonnten GSG9-”Wir stürmen jetzt deine verdammte Bude, du Terroristenschwein!”-Fusstritt die Scharniere der Eingangstür einer harten Probe unterzieht, scheint das wenig zu stören. Er marschiert in halb offenen Springern zum Kleiderständer und entledigt sich seines Parkas, sodass die dünnen Drahtärmchen des IKEA-Designobjekts hörbar zu ächzen beginnen.
    Er trägt einen schwarzen Pullover und zerschlissene Jeans. Seine zotteligen Haare sehen aus, als könnten sie das Komplettprogramm gebrauchen.

    I can’t go on. I’ll go on. [weiterlesen ...]

  • Ich sitze zurückgelehnt auf dem Beifahrersitz des kleinen Autos, einen Fuss gegen das Handschuhfach gestemmt. Frontalaufprall, Trägheit. Ich stelle mir vor, wie es wohl aussieht, wenn sich das Schienbein mitten durchs Gesicht bohrt.
    Extra morgens NIL gekauft, um mir selbst gegenüber besonders intellektuell zu wirken. Zurückgelehnt, den Kopf im Nacken und warmen Fahrtwind auf den Wangen, der mit jeder Minute dunkler wird. Ein Totempfahl der Überschwänglichkeit, Funken sprühend Fensterscheiben.

    Dass wir heute bloß nicht ankommen.

    Teufel werde ich tun und nach Wild Ausschau halten. Versuchen vielleicht, aber keinen Erfolg haben. Ich bin doch gar nicht da!
    Es ist so aberwitzig, dass ich aus dem Lachen gar nicht mehr heraus komme und dabei Zentimeter um Zentimeter in meinem eigenen Dunkel versinke. Zehn, zwanzig davon, wen kümmert es? Die Crux des Körpers ist doch, dass er wie parfümiertes Ziegenleder ist. Zäh jedenfalls. Und manchmal ein bisschen lieblich riecht.

    Aufstehen, drüber hinwegkommen.

    Die Lichter dort vorn sehen wie ein Jahrmarkt aus. Blau rotierend und gelb, blutrot. Wenn ich jetzt hier wäre, hätte ich Lust dazu, mit aller Kraft auf die Amaturen zu schlagen. Oder mich abzuschießen wie eine Feuerwerksrakete. Zu explodieren wie sie. In fünfzig Metern Höhe. Ob die sich freuen, wenn man sie zündet?
    Der Jahrmarkt. So echt, dass man fast Angst haben müsste, nicht direkt in irgendein beliebiges Festzelt zu brettern und 35 Hühnerschenkel knabbernde Männer mit befederten Hüten über den Jordan zu schicken.
    Ich bin der Cliffhanger.

    Oder auch nicht. Scheißegal!

    Einfach nur unterwegs sein.

    Vielleicht gar nicht ankommen.

    Kleine Metallfetzen auf der Straße. Reifenteile geborstenes Glas. Die Bullen, das Blau, die Lichter und das Gummi. Viermal überschlagen. Ein Mann mit zerrissener Nase und tränenden Augen am Straßenrand. Die Frau nebenan.
    „Der sicherste Platz im Auto ist mittig auf der Rückbank.“: Das Kind mit gebrochenen Armen und Beinen, verdreht wie die eines uralten Yogi. Bewusstlos und glücklich, den sichersten Platz gehabt zu haben.

    Komm, wir gehen. Weiter. Der Stolz, die Selbstachtung. Anzukommen.

  • Beinah hätte ich einen Roman,
    eine Großstadtgeschichte
    von weltmännischem Format,
    veröffentlicht gehabt.

    Mitten in der wehenden Nacht
    schrieb ich ihn mir auf die Schenkel,
    ging schlafen und
    vergaß ihn am Morgen beim Duschen.

    In Hektik
    drückte ich den Stöpsel in das Becken und
    trank das Wasser
    mit schönschwarzen Schleiern.

    Jetzt trag ich ihn in mir -
    in H2O kodiert.
    Und vielleicht pisse ich bald
    Buchseiten.

  • Donnerstag, 16:30 Uhr, Feierabend.

    Am Morgen hatte mein Chef noch vor versammelter Mannschaft eine kleine Hasstirade auf den kommenden Feiertag verlauten lassen. Lang und breit hatte er erklärt, dass wir ranklotzen und der Zeit voraus arbeiten müssten, um solche Geschäftsschädigungen überhaupt im Entferntesten ausmerzen zu können. Geschäftsschädigungen. Müdes Lächeln aller und darauf folgende Stille, als klar wurde, dass diese Hirnrissigkeit tatsächlich nicht bloß ein lahmarschiger Scherz gewesen sein sollte.
    Danach war er in fünfminütiges Lamentieren über die Millionen von Aufträgen verfallen, die uns aufgrund dieses einen Freitags noch durch die Lappen gehen würden. Er wisse das nämlich. Er käme immerhin aus der Industrie! In-dus-trie!

    I can’t go on. I’ll go on. [weiterlesen ...]

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Neunzehnhundert, hier schreibt André Herrmann, Student, Schreiberling, Mitglied der Leipziger Lesebühne Schkeuditzer Kreuz und Teil des Team Totale Zerstörung, aufgrund manischer Veranlagung die meiste Zeit unaufhörlich Geschichten aus seinem noch jungen, aber bereits recht erfolgreich absurden Leben. Tagesmotto für heute:
Aufstehen, losgehen, was machen!

Geschichten, Philosophisches, Politisches und Absurdes.

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