Monatsarchiv Dezember

  • “Die Frage ‘Weiterleben – aber wie?’ ist darum keine von dieser Epoche uns gestellte. Sie ist die Grundfrage unseren Daseins; und das Orakel ist archetypisches Symbol. Wenn nun freilich das Verlangen nach dem Blick ins dämmrig verhängte Zukunftsland auch nicht spezifische Sache unserer Zeit ist, so kann man doch nicht leugnen, daß es heute sowohl dringlicher sich einstellt als auch legitimer auftritt denn je zuvor.”

    Jean Améry - Weiterleben – aber wie?

    “Herausforderung der Zukunft”, hieß es, und gleichzeitig “Mehr Freiheit wagen”. Aber manchmal muss man fast zwangsläufig am Schreibtisch innehalten und sich fragen, wie man noch um der Seele Labung willen Geschichten schreiben soll, wenn sich gleichzeitig das Politische mehr und mehr pervertiert, einem die Kehle zuschnürt und sich noch selbst dazu gratuliert.

  • Zum schätzungsweise hundertsten Mal hatte ich schon auf den kleinen Knopf geklickt, der neue, elektronische Post versprach, aber immer noch keine brachte. Zum schätzungsweise dreihundertsten Mal hatte ich bereits die Tastensperre meines Handys entfernt und mit Argusaugen auf der Anzeige nach einem Briefumschlag gesucht, aber keinen entdecken können. Irgendetwas, das mich davon abhalten würde, mich aus Langeweile zur feierlichen Immatrikulation zu schleppen.
    Es half nichts. Niemand schien mich erretten zu wollen.

    I can’t go on. I’ll go on. [weiterlesen ...]

  • Kindskopf! Ausgelassenes Fett. Ist jemand da? Sicher nicht. An der Pforte der eigenen Wahrnehmung auf Einlass zu warten, erfordert ein hohes Maß an Geduld.

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    Am Horizont klebt der Morgen wie eine umgestoßene Tasse dampfenden Capuccinos. Braun und milchweiß verhangen schiebt er sich empor, hievt sich gerade noch so hoch, dass es bis in den frühen Nachmittag zu genügend Licht reicht. Dabei ist es so kalt geworden, dass sich nicht einmal mehr die Müdigkeit aus den Gliedern der Leute traut. Kopfüber hängt sie in den Körpern und freut sich, ihren Winterschlag genießen zu dürfen.

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    Rauchende Kindsköpfe, auf den Straßen verstreut, rauchend wie verbrauchte Munitionshülsen. 2007 gehörte dem Rockbusiness. Wir ritten durch die Köpfe, holten weit aus und hieben fest zu. Texte wie Bomben, wortene Langstreckenraketen aufs Gemüt, unter Verssalven und Alliterationsartillerie. Wo wir waren, hinterließen wir Spuren. Zinken, wir waren da!

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    We’re just two lost souls swimming in a fish bowl, year after year, running over the same old ground. What have we found? The same old fears, wish you were here.

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    Was sagt es denn schon über Realität aus, wenn jeder Schritt falsch, jeder Atemzug gestellt und jedes Bild im Kopf künstlich anmutet? Wahr ist es immer nur so weit, wie du es zulässt, wahr zu sein. Wahr ist längst nicht wahr, nicht wahr? Und nichts wird ein gutes Ende nehmen.

  • “Glück und Ahnungslosigkeit, denkt Schilf, sind Synonyme, liebe Physikerfrau.”
    Juli Zeh - Schilf

    Schon bald, nach der ersten Erhellung, schält sich die Ernüchterung wie eine junge Knospe aus den Starren des Sozialen, zuverlässig und auf ihre Weise anmutig. Wir aber sind gestraft, einander zunehmend uninteressant zu werden, wenn wir es nicht vermögen, uns einige Mysterien zu bewahren.

  • Es geht los. Köpfe rauchen. Die Stadt erstickt. Kleine Kinder platzen. Hunde bellen. Ersticken. Überall Fratzen. In Tagebüchern eingepfercht. Dieses Loslassen. Nur in winkenden Taschentüchern zu sehen. Wieder einmal vorbei. Davon. Wiedergeboren. Ausgespuckt weiterrollend. Es geht von selbst. Ohne jedes Zutun. Vollendet es sich. Und ohne Rücksicht. Geht es einfach immer weiter. Vorwärts und ohne zurückzusehen. Halt! Steine auf dem Weg. Drüberstolpern. Trotzdem lachen. Wir stehen dabei. Platzen womöglich. Sehen zu. Solang es eben geht. Platzen schließlich selbst. Cliffhanger, Norris und Scatman. Weggeschlossen. Aber mit offenen Ohren. Blutlachen vor den Türen. Kopkars on every corner. Sirren. Das Blau. Die Lache. In Rot. Und überall. Dabeigewesen. Nur gehört. Gehört es sich. Unerhört! Erhört es sich. Erhört es mich. Erhört es uns. Wir sind dabei. In Kopkars. Dänemark. Mark und Bein. Gehört es sich. Dabei zu sein. Und trotzdem. Leere. Ausströmende Luft. Ganz nach oben. Wieder fallend. Asche in den Haaren. Aber im Sommer immerhin grillen. Nicht lange zu leben. Darum grillen. Grillen auf Grillen grillen Grilleln auf Grillen. Eigentlich! Normalerweise! Wenn, dann ja. Aber nicht heute. Oder morgen. Erst einmal platzen. Dann nichts. Nur der Hunger. Er bleibt. Und Flieht. Weg und weit hinfort. Immerzu. Unerhört! Auf unerzogenen Köpfen stehen. Im Schnee. Dasein. Weiß sein, weise sein. Schneeanzug vergessen. Schlittenfahrt missglückt. Weise sein. Weiß sein. Wie Schnee. Auf Crack. In gelb und braun. Safari durchs Bewusstsein. Die Hügel entlang. Die Machete im Anschlag. Gedanken erlegen. Grillen. Zitate in den Schnee pissen. Denken, dass sie da wenigstens schmelzen. Gliedmaßen festhalten, abreißen. Bin leer. Bin laden.

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WILLKOMMEN!

Neunzehnhundert, hier schreibt André Herrmann, Student, Schreiberling und Mitglied der Leipziger Lesebühne Schkeuditzer Kreuz, aufgrund manischer Veranlagung die meiste Zeit unaufhörlich Geschichten aus seinem noch jungen, aber bereits recht erfolgreich absurden Leben. Tagesmotto für heute: Aufstehen, losgehen, was machen!

Geschichten, Philosophisches, Politisches und Absurdes.

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