The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.

  • Flickr: Scott Foy: Belltrees Sunset
    Foto von Scott Foy

    „Du hast dich gar nicht verändert.“, hatte das Mädchen gesagt, von dem er so eine zarte Erinnerung gehabt hatte. Weiße Haut, dünne Finger mit pfirsichfarbenem Nagellack und Haare, denen der eigene Duft als das schönste Parfum schon genügt hatte.

    Aber das war vorbei. Der praktische Kurzhaarschnitt im typischen Stil der Ü30iger hatte buchstäblich kein gutes Haar an ihr gelassen. Wahrscheinlich hatten sich die Krähenfüße um ihre Augen just in dem Augenblick in die Haut gefräst, da die Idee zur Dauerwelle ihre Haut gelblich hatte werden lassen.

    Was kann demütigender sein, als bei einem Wiedersehen nach langer Zeit vorgesetzt zu bekommen, sich nicht das kleinste Bisschen verändert zu haben? Vorallendingen, was sollte man auf eine derart schmerzende Feststellung erwidern?

    Schließlich hatte sie ja irgendwie Recht gehabt. Es war alles gleich geblieben. Und doch hätte er ihr am liebsten eine gescheuert und den Gedanken daran sofort wieder verworfen. Es hätte was von Handtaschendiebstahl gehabt. Einer alten Frau, an die sie ihn jetzt immer mehr erinnerte, die Handtasche zu klauen, das ist bescheuert und nicht besser als mittlerweile wildfremd gewordenen, alten Freunden an den Kopf zu werfen, sie wären irgendwo in ihrem Leben ganz einfach stecken geblieben.

    Manchmal muss man sich ändern, dachte er. Die besten Änderungen sind die radikalsten. Am Besten wäre es, sich alle paar Monate komplett neu zu erfinden, sodass einem niemand solche Vorwürfe machen könnte. Seien sie noch so unüberlegt und vielleicht gar nicht böswillig gemeint. Nicht einmal mehr erkennen müssten sie einen.

    Man müsste ja nicht gleich eine Gelenktasche kaufen, dachte er. Oder alle bunten Farben aus dem Kleiderschrank verbannen und sie durch schnödes Beige ersetzen. Manchmal reichen selbst marginale Veränderungen, um Anderen das Erstaunen in die Lachfalten zu hämmern. Obgleich einem diese ominösen Anderen gerade diesbezüglich doch völlig egal sein sollten. Expressiv müssten diese Veränderungen sein. Etwas Neues über sich selbst aussagen.

    Die Frisörin hatte sich als „Teenie“ vorgestellt und ihm beim Händedruck die langen Fingernägel auf die Pulsadern gepresst. Ihre Haare sahen aus, als hätte jemand in ihnen einen Kasten Temperafarben zersprengt. Das mit Glitter versetzte Haarspray tat das Übrige.
    Frisörinnen müssen so aussehen, dachte er. Das ist auch in Ordnung so. Ihr Handwerk verlangt es, den eigenen Kopf als Truppenübungsplatz zur Verfügung zu stellen. Warum sollte man ihnen das übel nehmen?

    „Wie hätten wir‘s denn gern?“, fragte die überdrehte Teenie.
    „Einfach ab.“, sagte er und durchschnitt mit der Hand die Luft, als würde er eine Sense führen.
    „Ganz ab?“
    „Ja ja. Ganz ab. Ballast verlieren.“, murmelte er.
    „Na gut.“, sagte die Frisörin mit einem Schulterzucken und kramte eine große Schere hervor, „Dann ganz ab. Tut mir zwar ein bisschen leid, aber was soll ich da machen.“

    Teenie monologisierte noch eine Weile vor sich hin und schwang währenddessen die Schere, ohne einen einzigen Schnitt zu machen. Sie plapperte so schnell und aufgeregt, dass er immer nur Fetzen aufschnappen konnte. „Die schönen Haare.“ und „Kannst du doch nicht machen.“

    Frisörinnen dürfen ihre Kunden duzen. Auch so ein Gesetz, dachte er. Konventionsschlupfloch.

    In gewisser Weise hatte natürlich auch sie Recht. Sie haben wohl alle Recht, dachte er. Nur ich nicht. Wozu überhaupt die Haare abschneiden? Die schönen Haare, wie sie sagte. Jahrelange Geduld hatte dazu gehört, sie bis auf diese Länge zu bekommen. Gelegentliches Stutzen und jahrelange Geduld. Eine Arschruhe, sie nicht bei jedem Impuls, gerade in der Anfangszeit, wenn sie einem noch ständig vor den Augen baumelten oder gerade so lang waren, dass man wie ein verdammter Pilz aussah, nachzugeben und sie schon so früh wieder abzusäbeln. Warum eigentlich? Es steckte ein hartes Stück Arbeit in diesen Haaren.

    Ständiges Waschen, Spülen, Kämmen, Pflegen. Außerdem waren die ganzen Frisörinnen, die sich beim Spitzenschneiden um diesen Job rissen und seine Haare gar nicht mehr loslassen wollten, schon irgendwie witzig. Die Stöbereien in den Drogerien und das Fachsimpeln über Shampoos, Conditioner und Crémes. Außerdem haben sie hart gemacht. Hart gegen all die ständigen Gängeleien.

    Aber er hatte auch nicht gelogen, als er angedeutet hätten, sie wären ihm zum Ballast geworden. Denn es gab Einiges in den vergangenen Jahren, dass er gern losgeworden wäre, aber nicht los wurde, weil er bei jedem Blick in den Spiegel immer wieder daran erinnert wurde, noch einen Teil dieser Zeit an seinen Schädel gekettet mit sich herumzuschleppen.

    Baumig, dachte er, als er nach einem Wort suchte, dieses Gefühl zu beschreiben. Natürlich hatte er sich verändert. Er veränderte sich jeden Tag. Daran gab es nichts zu rütteln. Das einzige Problem war, dass er sich wie ein Baum vorkam, dessen große Entwicklungsstufen man wahrscheinlich nur in Fünfzig-Jahr-Schritten betrachtete. Und mehr als maximal zwei dieser Schritte werde ich bestimmt nicht haben, dachte er.

    Aber was kümmert es einen scheiß Baum, was Andere über ihn denken? Vielleicht würde er sich auch gern mal alle paar Jahre alle Äste abschneiden lassen. Nur ist er leider der Herrschaft allmächtiger Gärtner unterworfen, die ihn verstümmeln können, wie es ihnen gerade beliebt.

    Insgeheim, dachte er, könnten sie ja dasselbe Problem haben, wie ich es habe. Warum sollte man sich verändern, wenn Andere danach schreien und warum sollte man es nicht tun, unabhängig jedweder Meinung?

    „Ganz ab, ganz ab, ganz ab!“, gestikulierte er plötzlich, so sehr, dass die Frisörin Teenie ein wenig erschrak.
    „Meinetwegen“, sagte sie, „Man muss sich ja auch mal verändern.“
    „Wenn man denn will!“, betonte er und ließ sie machen.
    Sie machte.

    „Oder doch mit Schnitt?“, fragte Teenie, als sie den ersten Teil des Kahlschlags vorgenommen hatte und hastig riesige Büschel von Haaren im Mülleimer verschwinden ließ.
    „Mit Schnitt, ja.“, seufzte er, „aber normal, in Ordnung?“
    „Geht klar.“, freute sie sich.

    Als er den Laden verließ und zum Auto schlenderte kam er an einer großen Eiche vorbei. Er fühlte sich erleichtert und war es auch. Den Wind im Nacken hatte er schon ewig nicht mehr gespürt. Schon ewig hatte er nicht mehr wie wild mit dem Handtuch die Haare einfach trocken gerubbelt, sondern war ständig darauf bedacht gewesen, keine Knötchen zu provozieren.

    Hundert, hundertfünfzig Jahre schätze er den Baum. Ein Jungtier mit dicken Ästen, voll behangen mit dunkelgrünen Blättern. Er sah ihn eine Weile an, zwinkerte ihm zu und ging weiter.

    „Ja ja.“, murmelte er, „Ich weiß.“

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