The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.
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Hemden, die langsam, aber sicher mit der Lehne des alten Holzstuhls verwachsen. Das überlaute Ffffft, wenn drei Viertel der Seminarteilnehmer ihre verschwitzten Schenkel von den Sitzflächen abziehen. Die vielen Deotode und die olfaktorische Körperbörse, die wahrscheinlich am Ehesten der Geräuschkulisse des Gare du Nords ähnelt. Die mit jedem Grad mehr keifende Lust, selbst den Teilnahmeschein über den Jordan zu schicken und stattdessen an irgendeinen See zu fahren.
Das zweite Sommersemester war überstanden. Mein Kalender zeigte stoisch März, obwohl es bereits ein besonders heißer Juli war, der gegen Mittag endgültig meine Schläfrigkeit übermannte und mich aus dem Bett hievte. Ganz behutsam tastete er sich durchs Zimmer, zupfte immerzu an den Ecken meiner Decke, sodass der kühlende Wind des sechsten Stockwerks darunter, eng an mir entlang und oben wieder unter ihr hervor rauschen konnte. Die Sonne hatte die dunkelblauen Blumen der Gardine auf das Parkett übertragen, mit kleinen orangefarbenen Tupfern in ihrer Mitte. Vom Bett aus gesehen ähnelte es fast einer surrealen, wild bewachsenen Wiese.
Trotz der geschätzten dreihundert Grad draußen war der Boden eiskalt. Es durchzog mich wie ein blauer Blitz, als ich den ersten Fuß darauf setzte und weiter zum Fenster tapste. Der letzte Abend war wieder einmal dem üblichen Prozedere unterlegen gewesen. Allzu viel war mir davon nicht im Gedächtnis verblieben. Wir, Peter, Patrick, Tina und ich hatten auf den Abschlussfeiern der Fachschaften vorbeigeschaut und uns über die umher torkelnden Erstsemester amüsiert. Dann waren wir wohl anderenorts hängen geblieben.
«Guten Morgen.», sagte Tina leise und brachte mich vom Fenster los. Sie lag auf der Seite und trug ein dünnes Hemd, das ganz sacht ihre Formen unter sich verriet. Ihre langen Haare hatten sich auf dem Kissen in mehreren Lagen aufeinander gelegt. Es war mir, als könnte ich sie bis zu mir hin riechen, dabei war es nur die Erinnerung an die letzte Nacht, die mir all jene Nuancen wieder vor das innere Auge führte.
«Morgen.», erwiderte ich und stieß einen kurzen Seufzer aus, der fliehend in ein Lächeln überging. Ich konnte es selbst nach so langer Zeit, die wir nun nebeneinander her gingen und in der wir uns mein viel zu kleines Bett oder ihre Schlafcouch teilten, manchmal immer noch nicht ganz fassen, dass es wirklich so war.
Wahrscheinlich, dachte ich, ist es auch genau das, was es ausmacht. Was jeden Tag zu etwas Besonderem heranwachsen lässt, irgendwie alles, was um einen herum passiert, erträglicher macht und der Ungewissheit des kommenden Tages wenigstens jene Gewissheit aufbrennt, dass man neben einem wunderbaren Menschen die Augen aufschlagen wird. Dem einen Menschen, hinter dem der Rest der Welt eben doch nur noch der Rest der Welt ist.Ich liebte ihren Geruch und ihre gedankliche Feinheit so, wie ich nie gedacht hatte, in der Lage dazu zu sein. Alles, was an mir so grob und verbraucht aussah, gab es bei ihr in schönster Ausführung. Keine der vielen Ecken, nur ein Modell, wie in einem Strich gezogen. Den sehr frühen Plan, ein Kunststudium aufzunehmen, hatte ich ebenso früh zu Gunsten eines mittelmäßigen Kunstverständnisses sausen lassen. Aber ich hatte den Drang, die Dinge zu beobachten und mir ihr Äußeres samt ihrem Wesen einzuprägen, immer beibehalten.
In Gedanken portraitierte ich sie ständig - mit ihrer mattweißen Haut aus Porzellan und den Spuren der Beige- und Rosétöne darauf, hatte ich immer genug Sehnsucht aufzubringen, einfach und überall davon zu treiben.«Was ist los?», fragte sie, während ich wieder angefangen hatte aus dem Fenster zu starren
«Nichts, nichts, hab mich nur gefreut.», antwortete ich abwesend, bis ich allem wieder gewahr wurde, «Ich muss noch fragen, wann wir denn los wollen.”
Peter hatte vorgeschlagen, den Nachmittag an einem der Seen außerhalb der Stadt zu verbringen. Da Patrick wie so oft das halbe Schienennetz der Umgebung abgondelte, hatten wir abgemacht, dass sie und Tina nachkämen, wenn wir dafür auf dem Weg etwas zu essen und zu trinken besorgten.Als ich an seiner Tür klopfte, tat sich, wie so oft, erst einmal überhaupt nichts. Patrick war vor ein paar Stunden zur Arbeit gegangen, ich hatte die Tür schließen gehört, was aber anscheinend kein Grund für Peter gewesen war, sein Bett zu verlassen.
Als ich an seiner Tür klopfte, tat sich, wie so oft, erst einmal überhaupt nichts. Patrick war vor ein paar Stunden zur Arbeit gegangen, ich hatte die Tür schließen gehört, was aber anscheinend kein Grund für Peter gewesen war, sein Bett zu verlassen.
Plötzlich riss er die Tür auf und stand in voller Montur vor mir: “Wonach suchen wir denn, mein Herr?»
«Nach Ihnen, Gnädigste.»
Zehn Minuten später war auch ich startklar. Meine Haare standen in alle Richtungen ab und zeigten auf alles zwischen Mond und 2003 UB313. Es war genau das, was ich wollte. Zwei Monate voll von zerfahren Frisuren, Hitze und keinem Gedanken an Prüfungsergebnisse lagen vor uns.
«Wollt ihr nicht wenigstens noch etwas essen, bevor ihr losfahrt?», fragte Tina, indem sie aus meinem Zimmer geschlürft kam.
«Quatsch.”, sagte Peter, “Wir halten irgendwo. Müssen ja eh noch das andere Zeug kaufen.»
Ich gab ihr zum Abschied einen Kuss, ehe ich Peter in den Hausflur hinaus folgte.Der kleine Opel glühte. Ab welcher Temperatur man seine Handabdrücke wie im Walk of Fame auf dem Armaturenbrett hinterlassen hätte können, wusste ich nicht zu sagen, aber es war ganz sicher nicht mehr weit bis dahin.
«Dabei stand er gestern noch im Schatten.», wunderte sich Peter.
«Die Erde dreht sich.», sagte ich kühl und stieg ein.
Die Hitze schlang sich sofort um meinen Hals und schnürte mir die Kehle zu. Ich kurbelte das Fenster herunter: «Komm, fahr los, damit ein bisschen Fahrtwind reinzieht.»Es war vielleicht dreizehn Uhr, die Sonne war kaum spürbar über ihren Zenit und hämmerte die UV-Strahlen durch das Autodach. Als müssten wir es eilig haben, peitschte Peter den kleinen Blechklumpen über die Stadtautobahn. Ich lehnte mich zurück, der Wind schlug mir sachte ins Gesicht und löste die Schlinge von meinem Hals. Das Radio trieb Jimmy Eat Worlds Bleed American in die Beine der Autofahrer hinaus und Peter trat fester aufs Gaspedal, hetzte sein kleines Auto an den Kaufhäusern und Altbausiedlungen vorbei ins Zentrum.
«Wo war der scheiß Supermarkt?», fragte er, schien aber überhaupt keine Antwort zu erwarten.
Wir flogen gerade an den S-Bahn-Trassen in der Nähe von Dursuns Laden vorbei, als es mich mit aller Wucht nach vorn in den Gurt schleuderte. Die Reifen quietschten grässlich in Tonhöhen, die nach dem Aufstehen keineswegs gesund sein konnten. Peter riss das Lenkrad abwechselnd nach links und wieder nach rechts und rief immer öfter «Oh, oha, oh oh!» in all seinen Variationen. Einige Spaziergänger und Mittagspäusler blieben stehen - endlich wieder etwas los - und sahen dabei zu, wie wir über die rechte Spur schlidderten.Salt, sweat, sugar on the asphalt! Our hearts littering the topsoil!
Ich erinnerte mich daran, einmal ein Prospekt in den Händen gehabt zu haben, das die letzte Sekunde nach einem Frontalzusammenstoß in allen Einzelheiten und Zehntelsekunden aufführte. Wir waren noch heil. Peter hatte seine Finger ins Lenkrad vergraben und starrte gebannt nach vorn. Meine Füße stemmten sich gegen das Bodenblech und meine Hände umklammerten den Gurt. Er riss das Lenkrad ein letztes Mal herum und schaffte es endlich, das Auto stabil zu halten.
«Alter!», brüllte er, bremste sofort ab und riss sich den Gurt vom Leib. Ich realisierte noch immer nicht, was eigentlich geschehen war. Ich hätte erwartet, mein Leben an mir vorbeiziehen zu sehen, stattdessen hatte ich nur das elende Gequietsche in den Ohren gehabt. Wir waren über eine Kreuzung gefahren, als mit einem Mal eine alte Frau auf die Straße gelaufen war, ohne auf die Ampeln zu achten oder sich einmal umzusehen.
Peter stellte dennoch wieder etwas der filmischen Realität her, indem er aufgeregt auf die alte Dame zu rannte und sie mit aller Kraft anschrie:
«Sag mal, Oma, hast du dein Leben satt?»
So, dachte ich, sieht ein Schock aus. Er wäre garantiert auch mit zerfetztem Brustkorb noch aus dem Auto gesprungen, nur um sich die die Aggression von der Seele zu bläken. Peter glühte.Es dauerte eine Weile, ehe wir uns wieder gefangen hatten. Wir saßen in einem kleinen Bistro nicht weit von der Kreuzung, an der wie beinahe die Frau mitgenommen hatten und knabberten etwas befangen jeweils eine Pizza. Obwohl ich es nie von ihm gedacht hatte, sah Peter ziemlich bleich aus und sagte lange gar nichts. Es war schon etwas sonderbar, diesen riesengroßen Kerl auf einmal so zerknirscht gegenüber sitzen zu sehen, wie er sich an seinem bunt belegten Stück Teig festhielt und sich ausmalte, wie es hätte enden können.
«Wir hätten langsamer fahren sollen.», sagte er irgendwann in die Stille hinein.
Das ganze Bistro schien mit uns zu schweigen. Unweit von uns saß ein dicklicher Typ, der sich abmühte, seine Spaghetti à la irgendetwas zu essen. Immer wieder rollte er endlos langsam und vorsichtig ein paar Nudeln auf seinem Löffel zusammen, schob sie in Richtung Mund und stoppte kurz davor, als würde er einem dummen Ritual folgen. Er atmete tief seufzend ein, jedes Mal wenn er sich überwinden und das Knäuel hinunter zwingen konnte. Das Quarksen der Soße zwischen seinen Zähnen schallte unglaublich laut durch den kleinen Raum.
«Ja, vielleicht.», sagte ich und schob meinen Teller beseite. «Die hätte sich aber auch umgucken können. Umsonst heißt es ja nicht Autobahn.»
«Stadtautobahn.», berichtigte Peter.
«Ist doch scheißegal. Schnell fahren sie überall.», erwiderte ich.
Man konnte beinahe jeden Zentimeter mit anhören, den die Spaghetti durch den Hals des Dicken hinunter in seinen Magen rannen. Gefolgt von dem Sog seines Halses, wenn er wieder einen neuen Schwung ansetzte. Die Essgeräusche strapazierten unsere ohnehin zum Zerreissen gespannten Nerven so lang, bis es Peter zu bunt wurde:
«Kannst du nicht mal anständig essen?!», rief er zu dem dicken Typen hinüber und knetete ungeduldig seine Finger. «Das ist ja ekelhaft, wenn man das mit anhören muss.»
Ich schob es auf den Schrecken. Zwei Minuten später wäre wahrscheinlich ich es gewesen, der ihn angegangen wäre. Der Kerl aber fühlte sich nicht einmal angesprochen. Nur der Kellner, der aussah, als sei er einer billigen Italienwerbung entflohen, sah kurz desinteressiert auf und wandte sich dann wieder seinem Spirituosenregal zu.
«Man, wir fahren echt langsamer.», sagte Peter und grinste.Unsere weitere Fahrt durch die Stadt war denkbar unspektakulär. Peter fuhr so langsam und vorsichtig, dass uns selbst Fahrschüler, die zum Anfahren das Gas noch weg lassen, ausgelacht hätten. Obwohl die Sonne schon längst auf ihrem Weg in Richtung Horizont war, wurde die Wärme immer unerträglicher. Bald wünschte ich mir die übervollen Seminare zurück, in denen es im Vergleich zum kleinen Corsa noch entsprechend kühl gewesen war. Meine Haare klebten, die Luft stand voll von Schweiß, an den Straßenrändern sah man kaum noch Leute, von denen man nicht hätte sagen können, dass sie auf dem Weg ins nächste Freibad gewesen wären. Hier und da ein Anzugträger, der die Krawatte bereits offen um den Hals hängen hatte, dort junge Mädchen, deren Mikrotops Männerherzen erblühen und Ästheten urplötzlich Herzinfarkte erfahren ließ.
«Wir fahren bis ans Ufer!», rief Peter und gab die Tauglichkeit seines Autos fürs Gelände auf die Goldwaage.
«Guck doch einfach, wo die anderen Autos sind.», sagte ich.
«Die parken doch immer drei Kilometer abseits!»
«Dann mach mal.»
Wir brauchten ziemlich lang, ehe Peter einen Platz gefunden hatte, der seiner rollenden Sauna gerecht wurde. Und noch länger, um von dort zu den Anderen zu kommen. Nach zehn Minuten Fußweg und der Quintessenz, die Getränke doch besser im Auto zu lassen, es wäre ja nicht weit, fand wir sie endlich.
«Immerhin», sagte ich, lachte und klopte Peter auf die Schulter, «Wir können genau über den See dein Auto sehen.»Die Mädchen waren schon längst angekommen und aalten sich im warmen Schatten einer der großen Eichen. Die Luft roch direkt nach Wärme. Wie ein breiter Schal lag der Sommer über dem von einem kleinen Wald umgebenen See. Wir schienen sogar ausnahmsweise die Einzige Besucher zu sein. Es war ein wenig stickig, als müsste man durch eine Wand von heißer Luft hindurch atmen, ehe man endlich den Drang nach Sauerstoff stillen konnte. Man spürte, wie einem mit jedem Schritt der Schweiß aus allen Poren drückte und in dicken, salzigen Tropfen am Körper herunter lief. Mein Rücken pulsierte, als würden tausende kleiner Nadeln immer wieder auf ihn einstechen. Seitdem das Auto zu spinnen angefangen hatte, war ausschließlich Heißluft aus den Lüftern geschossen gekommen. Ich zog mir so schnell es ging, aber langsam genug, um möglichst wenig Aufsehen zu erregen, mein Hemd aus und setzte mich mit dem rücklings gegen den Baum. Es tat gut, die knochige Rinde, durch deren Täler die Luft kühlend hindurch huschte, gegen die Haut gepresst zu haben.
«Man, wo kommt ihr denn her?», rief Patrick, laut lachend im Hinblick auf unsere klitschnassen Hemden und hielt jedem von uns ein Bier hin.
«Haben wir auch im Auto,», erklärte Peter, «ist nur alles warm.»
«Macht nichts, legen wir ins Wasser.»
Im Hintergrund tummelten sich einige der Leute, mit denen wir üblicherweise unterwegs waren, «Und wo wart ihr?»
«Über neunzig kamen wir nicht.», brummte Peter und warf die bereits warm gewordenen Steaks neben den Grill, «Der Umwelt zuliebe.»
Ich fragte mich, ob er schon einen Gedanken darauf verwendet hatte, zu überlegen, wie und ob wir überhaupt wieder nach Hause kommen würden. Vielmehr jedoch sehnte ich mich nach ein paar Minuten im Wasser.
Ich fragte Tina, ob wir nicht zu der kleinen Insel, die ein, zwei Kilometer entfernt im Wasser lag, schwimmen wollten und exte den Rest meines Bieres. Und während wir Arm in Arm in Richtung Wasser gingen und sie sich wunderte, dass mein ganzer Körper so heiß und weich wie der Teer zwischen den Straßenflächen geworden war, hörte ich noch von Weitem:«Ja, ja. Ob der Komplexität der Welt verliert sich der Scharfsinn gegenüber dem Detailreichtum ihrer selbst.», ereiferte sich ein Typ, von dem ich nur wusste, dass er irgendein Referat im AStA inne hatte, «Was sagst du?»
«Die hat nicht hingeschaut, man.», raunte Peter, dem scheinbar wenig an einer Moralpredigt lag.
«Sie war irritiert.»
«Sicher war sie das. Unter denen, die zum Spaß auf Kreuzungen hechten, ist bestimmt keiner über sechzig. Oder vierzig.»
«Wenn du dabei aber die ganze Phänomenologie der Wahrnehmung außer Acht lässt \dots», prinzipiell, dachte ich, kann man nur hoffen, dass alle AStA-Referenten, die weiter in der Politik bleiben, ihre Bissigkeit nicht verlieren. Aber prinzipiell brauchte der kleine Corsa und ich in diesem Moment nur mal wieder eine Abkühlung und Pause.












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