The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.

  • Zum schätzungsweise hundertsten Mal hatte ich schon auf den kleinen Knopf geklickt, der neue, elektronische Post versprach, aber immer noch keine brachte. Zum schätzungsweise dreihundertsten Mal hatte ich bereits die Tastensperre meines Handys entfernt und mit Argusaugen auf der Anzeige nach einem Briefumschlag gesucht, aber keinen entdecken können. Irgendetwas, das mich davon abhalten würde, mich aus Langeweile zur feierlichen Immatrikulation zu schleppen.
    Es half nichts. Niemand schien mich erretten zu wollen.

    «Wolltest du nicht zu deiner Feier?», rief Peter, der gerade aus der Küche kam und schielte mich im Vorbeigehen an.
    «Nein!», maulte ich zurück, «Wolltest du nicht mitkommen?»
    «Ich? Wozu?», lachte er von weitem.

    Immmmmmatrikuuuulaaaaatiooooonsfeier, ging ich das Wort immer und immer wieder in Gedanken durch und fühlte mich völlig fehl am Platze, als ich meinen Sitz eingenommen hatte, den mir das blütenweiße Einladungskärtchen zugesprochen hatte. Um mich herum Anzüge und kleine Schwarze, so weit man nur schauen konnte.

    Mittendrin ich. Mit meiner Gabe, immer falsch gekleidet, falsch ausgerüstet oder falsch aufgelegt zu sein. Wenn es einmal plötzlich regnete, war ich seit jeher garantiert der letzte Mensch auf Erden, der einen Schirm dabei hatte und mit großer Wahrscheinlichkeit zusätzlich noch der, der ihn am Vortag aus dem Rucksack genommen und in weiser Voraussicht im Schrank verstaut hatte. Und wenn auf einer Einladung etwas von angemessener Kleidung stand, so konnte ich mit Sicherheit davon ausgehen, diese Wortgruppe immer komplett falsch zu interpretieren. Mit der Metaphorik des Lebens stand ich schon immer auf Kriegsfuß.

    Einzig und allein ein Wörtchen hatte mich dann doch noch dazu bewegt, mich aus meiner Katatonie selbst zu befreien und der zunehmenden Verschmelzung von Körper und Drehstuhl einen Schnitt durch die Rechnung zu machen: Freibier.

    Bier bekam mir nicht. Aber es schien immerhin ein guter Ausweg zu sein, falls die Veranstaltung nach hinten losgehen sollte. Versprochen war schließlich versprochen. Bier, der Retter. Ich wusste nicht, was armseliger war, die Vorstellung eines Bierankers in der tobenden See feierlicher Immatrikulation oder ohne jeden Beistand hier aufgekreuzt zu sein, wo sich jede Menge Verzweifelte, Übereifrige und Schaufensterpuppen herumdrückten, vor Freude auf den Sitzen hibbelnd und leise vor sich hin quietschend.

    Dass sie das Freibier erst am Nachhinein ausschenken würden, hätte ich mir denken können. Hatte ich aber nicht. Und so verbrachte ich eine quälende Stunde Selbstweihräucherung von Dekan, Bildungsminister und allerlei meist dicker, anzutragender, alter Männer damit, gegen die in mir aufstrebende Müdigkeit anzukämpfen. Das Klatschen der Massen nach jeder beendeten Rede holte mich schlagartig in die Härte des Geschehens zurück. Irgendwann musste es ja vorbei sein.

    Vor dem Audimax begrüßte mich, der ich als erster gleich aus dem Saal gekommen war, schon eine Meute älterer Studenten. «Glückwunsch, du bist an einer katastrophalen Uni gelandet.», riefen sie mir bereits im Näherkommen zu.
    «Du wirst feststellen, dass hier längst nicht alles so toll ist, wie man es dir vielleicht erzählt oder du es irgendwo gelesen hast. Im Prinzip geht nämlich hier so ziemlich alles gegen den Baum.», erklärte ein langhaariger Typ mit Ziegenbart, während ich das Freibier sondierte.

    Dann fuhr er fort: «Die Uni gibt ein Heidengeld für ihre Reputation aus und vernachlässigt dabei mehr und mehr die Lehre. Da wird eingespart, Seminare sind überfüllt, Tutorien finden nicht statt, Professoren korrigieren Hausarbeiten auch mal erst ein Semester später?»
    «Freibier?», stammelte ich und kam mir nun endgültig wie ein Neandertaler vor.
    «Da vorn.»

    Kurz nachdem ich mich auf einer Bank niedergelassen hatte, nahm ich einen ersten Schluck Bier. Scheußlich. Gerade versuchte ich auszurechnen, wie oft ich, wenn man einer Mailabruffrequenz von einer Sekunde ausginge, in den letzten zweieinhalb Stunden bereits hätte auf den lustigen Knopf klicken und nichts Anderes tun können, als sich jemand zu mir setzte.

    «Darf ich?», fragte ein Mädchen.
    Radiofee, schepperte es durch meinen Kopf. Ich suchte nach irgendeinem Grund, der diese Stimme so einschneidend gemacht hatte, suchte nach Drehknöpfen an meinem Kopf oder Werbejingles, die verraten mochten, dass ich mich im falschen Film befand.
    Ich nickte.
    «War langweilig, oder?»
    Ich nickte ein zweites Mal, ohne zu wagen, einen Blick auf sie zu werfen. Die Stimme des Mädchens blieb unentwegt bezaubernd und machte keine Anstalten, etwas daran zu ändern. Sie kam von weit her. Rund und weich, aber gleichzeitig schwer und kraftvoll. Elegant, perfekt proportioniert und intoniert.
    Gebannt starrte ich nach vorn ins Leere. Die Zeit dehnte sich ins Endlose. Ich ging dazu über, jede Redeblockade mit einem Schluck Bier zu quittieren. Verhängnisvoller Fehler.

    «Ich studiere Psychologie.», nahm sie den Faden nach einer Weile wieder auf, «Und du?»
    «Kartographeologonomie», versuchte ich, irgendein exotisches Fach zu improvisieren, was mir aber schon im holprigen Tonfall misslang, «BWL!», berichtigte ich mich.
    «Oh.», kam es zurück.
    «Braucht es nicht. Tut mir auch leid.», sagte ich.
    Sie lachte wieder. Die Wahrheit schien ein genauso schlechter Partner für mich zu sein, wie die Lüge.

    Bereits nach 10 Minuten des Frage-Nicken-Spiels merkte ich, wie mich das Bier zum Vollidioten zu karikieren begann. Mehrmals pro Minute strich ich mir mit der flachen Hand durchs Gesicht, als könnte ich die verschwiegene Schüchternheit wie eine ledrige Maske ganz einfach abstreifen.
    «Nicht dein Tag, was?», versuchte sie, mich aus der Reserve zu locken. Es gelang. Ganz und gar nicht mein Tag. Ganz und gar nicht meine Situation. Ich kam mir vor, als würde das Schicksal persönlich zu mir sprechen, wie sollte ich da bitte ruhig bleiben? Ich musste grinsen und sah sie an. Ach du Scheiße! Sie war in der Tat das Schicksal.

    Wie immer ich mir auch Schneewittchen vorgestellt haben mochte, der Spiegel hatte gelogen! Neben mir saß die personifizierte Ästhetik. Sie war makellos. Die hohen, markanten Wangenknochen, dazu die feine, forsche Nase, die Lippen, deren Pinsel zur Entstehung nur ein wahrer Meister hatte führen können. Bei einem Blick in ihre Augen, schien Ertrinken ein wunderschöner Tod zu sein. Ihre langen Haare lagen wie ein sauber gesetzter Schatten auf ihren Schultern. Und diese Stimme!

    Sofort, als ich mich halbwegs gefangen hatte, starrte ich wieder ins Leere, vollends versteinert.
    «Hab ich dich erschreckt?», hakte sie nach.
    «Nein, ich —», begann ich, «Nein, es braucht nur ein bisschen, dich zu verdauen.», sagte ich.
    Vollidiot!, schallte es sogleich durch meinen Kopf. Voll-i-diot!
    «Mich?»
    «Deinen Anblick, deine Stimme, dich.»
    Sie lachte nicht. Stattdessen spürte ich, wie ihr Blick starr auf meiner rechten Wange ruhte und abwartete, eine Reaktion erhaschen zu können. Ich drehte mich wieder zu ihr. Sie lächelte. Die Wahrheit, mein Partner!

    Es folgte unerträgliche Stille. Obgleich ich es liebte und immer wieder rekapitulierte, wie wertvoll ein gesundes Schweigen zwischen Menschen sein kann, war es mir jetzt nichts als unangenehm. Ich fühlte mich wehrlos, entwaffnet und war bereit, mich zu ergeben.

    «Ich bin ja nur wegen dem Freibier gekommen. Die Augen offen halten, das Essen mit geschlossenem Mund kauen, Bier trinken.», erklärte ich völlig abwesend und ebenso abwegig.
    Voll-i-diot!
    Jetzt hieß es einschreiten. Dem Vollidioten wieder die Kontrolle entreißen.
    «Hör zu —», sagte ich, «Auch wenn ich wie ein Vollidiot rüberkommen muss, ich bin?s eigentlich nicht. Das heißt, doch. Aber nicht willentlich. Was dann aber wiederum egal ist. Denn was zählt ist, was ist. Und es ist nun einmal.»
    Zu Hilfe! SOS!

    Statt zu antworten zog sie einen kleinen Block aus ihrer Jackentasche und begann, etwas aufzuschreiben.
    «Ich muss los.», sagte sie knapp.
    Sie muss los, klar, dachte ich.
    «Ciao.», antwortete ich ohne jede Regung. Wahrscheinlich liege ich, den Kopf im Nacken, im Audimax und präsentiere den Rednern mit offenem Mund meinen Oberkiefer, sinnierte ich.
    «Ciao.», erwiderte sie, «Und nicht vergessen!»
    Cut. Ende. Bandsalat.
    Nur noch den Zettel, den sie hinterließ, den nahm ich mit.

    Erst in der S-Bahn wagte ich einen Blick darauf zu werfen. «Armer Irrer!» wahrscheinlich. Doch, nein! Auf ihm eine Telefonnummer, darunter ein Name, Tina, dazu «Nicht vergessen!»
    Radiofee und Schneewittchen, dachte ich. Ich musste grinsen. Wie könnte ich…

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