Kategorienarchiv Literatur
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Eines Abends besteigen wir ein Schiff. Ohne Fahrkarte laufen wir einem langen Steg entlang übers Wasser. Unter uns schimmert es brakig, mit ein paar zerfetzten, schwimmenden Milchtüten besetzt, schwappt es vor sich langhin. Und die Morgensonne wird daneben steh’n und lächeln, wenn sie uns die Hände auf die Schultern legt, uns innerlich erhellt und endlich glücklich macht. Fern ab von den Trivialitäten, die uns dunkle Striche ins Gesicht gemalt hat, gehen wir davon. Alles lassen wir liegen, es interessiert nicht mehr, vielmehr hat es nie interessiert, nur haben wir uns endgültig überwunden, dies auch anzuerkennen. Nur die Narben bleiben, und man wird uns daran erkennen. Wahrscheinlich treffen wir irgendwo auch andere Vernarbte.
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Zwei Cappuccini, mehrere Luckies, ein aufgeschlagenes Moleskine mit einem Stift daneben, der nur zur Zierde da zu liegen scheint, so saß ich heute morgen in einem kleinen Café in der Innenstadt. Es reicht als Vorbote für einen Tag mehr als genug. Der heiße Sud zäumt meine Zunge, das Nikotin bewirkt mit etwas Glück bei den ersten zwei Zügen etwas, der Rest ist bloße Gewohnheit. Schön aber, dass es noch Alleen mitten im Zentrum gibt, kleine, schwarzgraue Straßen mit vom kurzen Regenguß bunten glitzerndem Kopfsteinpflaster und Ahornbäumen, deren rotes Laub sich der Jahreszeit entgegen auf den kleinen Erdinseln am Gehweg sammelt. Hier und dort hüpfte ein Blatt an vorbei, zwinkerte mir zu und zog mit galanter Drehung unbeirrt weiter seiner Pfade.
Nach einer Weile, ich wollte gerade doch noch den Stift zu Hand nehmen und wenigstens ein dickes Fragezeichen nebst einigen Tanzblättern zeichnen, da klopfte es plötzlich auf den Tisch, sodass ich ganz automatisch in einem hektischen Zug mein Sammelsurium mit dem Arm näher an mich heran zog, um dann einen kurzen Blick auf die verursachende Kraft werfen zu können. Die Augen kannte ich gut, nur das Restliche hatte sich etwas geändert. Die vormals langen Haare waren heute morgen kurz und schwarz gefärbt, nur bei genauem Hinsehen erkannte man einen gräulichen Schimmer in der Sonne.
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“Hast du das gehört” sagt X und keucht ein Lachen, “Integrieren kann er!” Ein paar Kubikzentimeter Luft pressen sich aus seiner Luftlöhre und vermehren das Keuchen. “Und? ist das so ungewöhnlich?” frage ich und entlade die Spannung aus Xs gequälter Beherrschung. Sein Augenlid beginnt zu zucken und kleine, blonde Schweissperlen zittertn im Takt seiner Halsschlagadern eine geblähte Symphony auf Ecstasy. Während seine Finger versuchen sich in die Oberschenkel zu graben wippt sein Bein auf und ab, dazu beginnt er mit den Fingern das Fest der Schweissperlen überall an seinem Körper auf der Tastatur zu begleiten.
Aber ich lege noch ein paar mehre Scheite ins Feuer: “Integrieren ist doch ganz spaßig und so voller Regeln, dass man es kaum falsch machen kann, beachtet beachtet man sie.”. Ich zucke die Schultern und breche eine Reiswaffel in zwei Teile. Das größere Stück reiche ich X, während große Brocken an meinem Hemd festklammern und gegen die Schwerkraft kämpfen. Derweilen hat jemand die Sonne verletzt, ein Schwall von blutgetränktem Licht erwärmt meinen Arm, macht ihn feucht. Ein ausblutender Tag. “Jetzt hör mir mal gut zu, mein Herr” X hat wieder zu wettern angehoben, doch stockt kurz, um sich noch einmal mit genügend Atemluft zu bewaffnen. “Der Kerl kommt von was weiß ich für einer Realschule und will mir erklären, er könne dies und das? Soll ich mich etwa von so einem belehren lassen? Der hat ja nicht mal was vorzuweisen! Nichts!” und sein Gesicht verzieht sich wieder zu einer antiken Kriegermaske. “Was kann er denn dafür, dass wir unsere Zeit für ein Abitur vergeudet haben?”
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Vorab, dieser Beitrag ist nicht als polemisch anzusehen, es ist nur ein Gefühl, so wie es eben da ist. Von mir aus kann mir dann vorwerfen, dass es existiert, doch so verantwortlich mag ich mich dafür nicht fühlen, solange wir das Freudjahr haben und jeder das Unterbewusste feiert.
Ich hatte in Von den Nicht-Funktionierenden über die Kinder- und Jugendpsychiatrie geschrieben, an der ich täglich vorbei komme. Aber es fehlte noch etwas, ein kleiner Zusatz. Vielleicht erinnert sich noch jemand an die Apathie, die ich zu beschreiben versuchte, oder auch nicht.
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Ich komme jeden Tag an einer Tagesklinik vorbei, genauer gesagt an einer Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Morgens stehen schon die ersten Autos vor den Toren. Darin sitzen dann besorgt dreinblickende Mütter, niemals Väter, die ihre Töchter oder Söhne den Tag über dort abladen und dann zur Arbeit fahren oder sonst irgendetwas tun. Mal davon abgesehen, dass ich solche Häuser nicht leiden kann, sehen die Insassen dort nicht sonderlich gesünder oder kranker aus als die, die allmorgendlich apathisch am Zaun vorbei taumeln. Allein strahlen sie eine unglaubliche Langeweile und Gleichgültigkeit aus, denn sie haben ihren Stempel weg. Niemand, der sie dort sieht, wird sie unvoreingenommen beurteilen, besonders nicht die, die genau darauf bedacht sind. Sie wägen so lang ab, bis sie entweder überhaupt keine Meinung mehr, oder nur noch falsches Mitgefühl, oder noch schlimmer, tolle Sprüche für sie übrig haben. Ein reiß dich mal zusammen! oder Kopf hoch! hilft keinem von ihnen.











