The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.

  • Als ich einen Sommer lang auf einem Reformbauernhof arbeitete, an den eine Wohngemeinschaft für geistig Behinderte angeschlossen war, die jeden Tag für ein Taschengeld entweder in den Gärten, im Stall oder auf den Feldern halfen, hatte ich oft mit dem verrückten Heinrich zu tun.

    Heinrich war ein komischer Typ. Er war nicht behindert, aber trotzdem echt verrückt. Mit Mitte dreißig wohnte er in einem ein paar Kilometer entfernten Dorf bei seiner alten Mutter in einem verfallenen Haus und half auf dem Hof als Mädchen für alles. Ich schätze ihn auf gute 150 Kilo, mit seinem Vollbart und der ewig glimmenden Zigarette im Mundwinkel. Der Chefbauer hatte ihn schon ein paar Mal rausgeschmissen, aber irgendwie hatte er es doch immer wieder geschafft, wieder eingestellt zu werden.

    Einmal bekamen wir die Order, Metallzäune zu verladen und sie mit dem Traktor zu ein paar großen Weideflächen zu bringen, auf denen neues Gatter errichtet werden sollte. Den ganzen Vormittag lang hievten Heinrich und ich Zaunteil um Zaunteil auf den großen Hänger.

    Er wusste, wo wir hinmussten, denn er hatte schon einmal eine Fuhre dorthin gefahren und gleichzeitig die Spanngurte für den Hänger dort liegen gelassen.
    „Das macht gar nix!“, meinte Heinrich, „Da muss einfach mehr Zaun rauf, damit da erst gar nix wackeln kann.“
    Er hatte gut reden. Denn weil er der Einzige war, der den Weg kannte, musste er natürlich auch fahren und ich währenddessen hinten auf dem Hänger bleiben.

    Nach der Mittagspause ging es los. Wir hielten kurz bei Heinrichs Mutter, um einen Kaffee zu trinken und ein Wurstbrot zu essen, dann ging es weiter. Der Kaffee bekam ihm nicht gut. Er musste seinem Namen als Verrückter wieder alle Ehre machen.

    „Kennst du überhaupt meine Narbe schon?“, brüllte er bei voller Fahrt aus der kleinen Fahrerkabine zu mir nach hinten.
    „Fahr lieber!“, schrie ich zurück.
    „Da hat mich der eine Eber angemacht. Hab ich ihn mit’m Stock wegjagen wollen. Und was macht das Mistvieh? Beißt mir volles Rohr in den Oberschenkel“
    Mühselig drehte er sich auf dem Plastiksitz um, zog seine verdreckte Hose ein Stück herunter und präsentierte mir stolz eine tief in seinen Oberschenkel geschobene Narbe. Es sah Ekel erregend aus, nicht zuletzt, da Heinrich nicht gerade eine traumhafte Erscheinung war. Wie er mich mit verzogenem Gesicht sah, grunzte er vor lachen.

    Auf dem Hänger wurde es unruhig. Der Traktor hüpfte von Schlagloch zu Schlagloch und gab jede Erschütterung ohne Weiteres an mich und die Zäune weiter. Ich musste mich mit aller Kraft gegen sie stemmen, damit sie mir nicht um die Ohren flogen.

    „Sieht hübsch aus, wah?“, grunzte er, „Das Mistvieh! Hab ihn mit’m Bolzenschussgerät zerlegt, das Vieh. Dann haben die mich das erste Mal rausgeschmissen!“

    Aber noch ehe ich ihm sagen konnte, er solle sich endlich wieder ums Fahren kümmern, passierte es auch schon. Wir polterten durch ein kleines Wäldchen, rammten anschließend den Eckpfosten einer anderen Weidefläche, rissen ihm um, knallten gleich darauf hintereinander durch mehrere Schlaglöcher, ich verlor den Halt, rutschte mit der Hand auf den Ladeklappe des Hängers und alle Zäune schepperten auf sie nieder.

    Mir wurde abwechselnd schwarz und weiß vor Augen. Der Schmerz ließ sich ein wenig Zeit, ehe er zuschlug. Ich sah, wie meine Finger sofort blau anliefen und die oberste Hautschicht sich unter dem Druck des Metalls von meinen Fingern schälte.
    „Halt an! Halt an, verdammt!“, brüllte ich wie am Spieß.
    Heinrich reagierte nicht, sondern schunkelte fröhlich zu einem gepfiffenen Gassenhauer vor sich, als wäre gar nichts passiert.
    „Halt aaaaan!“, schrie ich, bis sich meine Stimme mehrmals überschlug und auch für Heinrich eine hörbare Tonhöhe dabei gewesen sein musste. Als er mich mit bleichem Gesicht wild auf dem Hänger zappeln sah, bremste er so stark, dass sie Zäune noch ein Stück auf den Fingern herum rutschten und ich vor Schmerz nur noch ächzte. Er sprang vom Traktor, humpelte so schnell er konnte nach hinten zum Hänger, sodass sein dicker Bauch hin und her schaukelte, wuchtete sich hinauf zu mir und löste die Teile von meiner Hand.

    Ich hatte sofort bewusstlos umfallen wollen, aber mein Körper spielte nicht mit. Ich blieb bei Bewusstsein und durfte beobachten, wie aus der matschigen Haut um die Knöchel im Rhythmus des Pulses kleine Tröpfchen Blut an die Oberfläche suppten. Fast hätte ich angefangen zu lachen, denn es erschien mir komischerweise als das einzig Vernünftige in diesem Augenblick, einfach loszulachen. Was mich störte, war nicht der widerliche Anblick meiner Hand oder der Schmerz im ersten Moment, sondern die Vorstellung, wie lang ich hiermit noch zu tun haben würde. Wem ich es zu verdanken hatte. Es war einfach nur lächerlich. Und mit dieser Lächerlichkeit schwappte die Wut auf Heinrich mit nach oben.

    „Willst du fahren?“, fragte er in der Absicht, nicht etwas zu sagen, dass ihm noch eine Schelle hätte einbringen können. Auch wenn er mich mit seinem Gewicht mit Leichtigkeit einfach hätte platt walzen können, wäre es mir jetzt egal gewesen. Ich fühlte mich so oder so schon fast tot.
    „Halt die Klappe.“, schluchzte ich.
    Es tat ihm leid, das sah man. Beruhigend, wenigstens noch eine menschliche Reaktion in diesem Sack Fleisch zu sehen, dachte ich. Das alles sah ganz und gar nicht gut aus.
    „Versuch mal die Finger zu bewegen!“, rief Heinrich und schien sich zu freuen, solch einen Ratschlag fertig gebracht zu haben.
    Ich hielt ihm die Hand vors Gesicht, die jetzt schon aussah, als gehörte sie zu einem 200-Kilo-Mann, so dick war bereits. Das reichte selbst ihm als Begründung, dass es offensichtlich schon längst nicht mehr möglich war, irgendetwas an dieser Hand zu bewegen.

    Trotzdem bestand er darauf, die Zaunteile wenigstens die letzten fünfhundert Meter bis zum Abladeplatz zu bringen. Er traute sich kaum noch, schneller als Schrittgeschwindigkeit zu fahren und begann wieder, von seinem Erlebnis mit dem Eber zu erzählen.

    „Fahr mich lieber ins Krankenhaus, du Arsch.“, sagte ich mit Tränen in den Augen, als wir endlich am Ziel waren. Ich spürte schon längst nichts mehr. Alles schien unendlich weit entfernt, nur ich und der Ton der knackenden Fingerknochen waren noch da. Völlig abwesend trottete ich zum Traktor und löste den Hänger von der Kupplung.
    Heinrich winkte ab und deutete auf meine Hand, die inzwischen eine Farbe irgendwo zwischen blutrot und giftgrün angenommen hatte.
    „Die Finger sind eh durch. Wenn wir schon mal da sind, können wir auch erstmal abladen.“

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