The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.
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Glücklicherweise wohnte ich schon seit einiger Zeit mit Johannes und Jana zusammen, anderenfalls möchte ich mir gar nicht ausmalen, wie es womöglich allein geendet hätte. Man hört es ja immer wieder, wenn man sich mit Dutzenden von Schreiberlingen umgibt. Dass es ein Tanz auf schmalen Graden und gefährlich sei. So war ich, ohne es zu bemerken, in den Sumpf der Schreibwut abgerutscht.
Schleichend ging es. Ich hatte es völlig übertrieben. Jeden Tag eine Lesung, am Wochenende Slams, vormittags Workshops in Schulen. Zuerst schlief ich nicht mehr, ich tippte ohne Unterlass, aus Angst, etwas vergessen und eine Pointe verpassen zu können. Dann begann ich, Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme auf das Nötigste zu beschränken, Hefeweizen also, gut wie ein halbes Brot, und ging schließlich dazu über, meine Wände mit flüchtigen Aufzeichnungen und Quittungen für Aufwandsentschädigungen neu zu tapezieren.
Johannes und Jana reagierten schnell. Sie riefen die Künstlersozialkasse. Sofort wurde ich in die Uniklinik verfrachtet. Zur Entgiftung. Drei Tage lang schale Kost. Hier mal die BUNTE, dort mal die BILD, grauenhaft. Danach erst der schwierige Teil, Therapie. Das heißt, ab ins Deutsche Literaturinstitut Leipzig, Schriftstellerklapse auf unbestimmte Zeit.
Rückblickend gesprochen, durchlebte ich eine wahre Katharsis in der Abteilung für Lyrik und Prosa. Acht Monate Exzess hin zur Erleuchtung.
Ich teilte mein Zimmer mit zwei anderen, jungen Männern. Robert litt an einer heimtückischen Alliterationsaffinität. Man sah ihm die Schwere seiner Erkrankung eigentlich gar nicht an. Er war Sonett. Ich weiß nicht, ob er sich meinen Namen einfach nicht merken konnte oder ob er mich einfach immer nur so nannte, wie es ihm gerade passte.
«Na, Niklas! Nichtsdestoweniger natürlich nett nebst Neuankömmling neuerdings Nachtruhe zu nehmen.»
— oder wenn er mich nachts beim heimlichen Schreiben erwischte —
«Axel! Alte Arschkrampe! Alles angenehm? Aussiehste, Alter! Allenthalben Anwandlungen allzugroßen Ausbruchs abartiger Allergie, ah?»Die Neue Rechtschreibung hatte sein Krankheitsbild noch verschlimmert, sagte er. Zudem war er kurz vor stadio ultimo. Bald würde er vollständig einem einzigen Buchstaben verfallen und endgültig durchdrehen. Welcher Wuchstabe was wiederum wein würde, wisse wiemand. Wabwarten walso.
Meinen Stoff ließ ich mir heimlich von Olaf, meinem zweiten Zimmergenossen, besorgen, der sich auf Schreibwarenschmuggel spezialisiert hatte. Früher war er selbst Dealer gewesen. Bis er schließlich metaphorische Euphemismie bekommen hatte. So besorgte er mir nicht einfach Papier und Notizbücher, nein, er verschaffte mir der Weisheit wunderliche Grundierung und Papyruspaläste gekerkerter Gedanken.
Er konnte alles besorgen. Exotisches wie Russischen Charms oder Altbewährtes, guten alten Dürrenmatt und nietzscheanische Verse. Manchmal kam er an kleine Goldstücke heran. Dann zogen wir nachts ekstatisch einige Lines aus Kindlers Literaturlexikon oder waren stundenlang auf Hesse, irgendwo zwischen Orwelltrip und Huxleyschem Eiland.Den Gang hinunter, vier Türen weiter, hatte die hübsche Sarah ein Einzelzimmer bekommen. Sie litt an Diaryah, einer Mischung aus Ein- und Durchfall, die sie krampfhaft abwechselnd an Tagebuch und Toilette fesselte, sie entweder in die Ketten kläglicher Katatonie schlug oder dahingehend determinierte, ihr Leben auf das Beschreiben eines Phantasielebens in ihrem Tagebuch hin zu beschränken. Die Ärzte machten ihr wenig Hoffnung, wenn sie nicht irgendwann von der ersten Person Singular loskäme. Es war traurig, diese bildhübsche Blüte eines Mädchens welken zu sehen. Aber als ich sie einmal unvorsichtigerweise küsste, wäre sie fast daran kollabiert. Ich war voll auf Trakl gewesen, hatte eine gefährliche Verschiebung des Realität-Tagebuch-Kontinuums verursacht und sie somit fast umgebracht.
Wenn man nachts nicht schlafen konnte, hörte man immerzu die Schreie der völlig Verkrachten, die der Klimaxkranken, der Oxymorösen, der Onomatopoeten, der Metonymisten und Assonanten. Man munkelte, dass sich in der Dunkelkammer, einem gut ausgepolsterten Verschlag ohne Fenster, noch einige, in die Wand geschnitzte Verse von Ernst Jandl höchstpersönlich fänden. Nur Juli Zeh sei bisher eine erfolgreiche Flucht gelungen.
Aber wir, die jungen Wilden. Rampensäue und Bühnebastarde. Wenn alles schlief, schlichen wir uns zu Poetry Slams. Und schwankend kamen wir wieder zurück. Volltrunken von Gedichten und Geschichten. Weil Olaf die besten Fluchtwege kannte, erwischte uns niemals irgendjemand. Bis auf einmal, als die dicke Nachtschwester, eine ehemalige Deutschlehrerin, unser Fliehen bemerkt zu haben schien und schon auf unser Heimkommen wartete, uns an die Wand stellte und sogleich nach geschmuggelten Stiften, Tintenfässern und sogar Notebooks durchsuchte. Dabei entdeckten wir auch den Schrank mit den eingezogenen Gegenständen: Gedichtbände, Literaturtheorie und bergeweise Prosa. Der Himmel auf Erden für einen Junkie.
Alles lief so dahin. Seit wir uns nachts regelmäßig am Schreibschrank bedienten, vergingen die Wochen im Delirium. Wir zechten, was das Zeug hielt, feierten prosaische Orgien mit den hübschen, durchgehend weiblichen, zivildienstleistenden Nachtwachen, rezitierten die Nächste hindurch alles von Aesop bis Stefan Zweig, schrieben Lieder, dramatisierten, komödierten, poesierten, ja dichteten bis zum Erbrechten. Und all das hätte ewig so weitergehen können. Hätte sich Robert nicht schon bald den goldenen Schuss gesetzt.
Es war ein Donnerstag, glaube ich. Wir waren gut in Fahrt, hatten uns mit ein bisschen Beckett und einigen Limericks in Schwung gedichtet, wollten gerade die nächste Runde Rilke einleiten, als Robert es endgültig übertrieb: Wie im Wahn stand er im Schwesternzimmer, schwankte sichtlich betrunken und begann in einem Atemzug, aus dem Gedächtnis heraus James Joyce’ Machtwort - Finnegan’s Wake - aufzusagen. Rückwärts. In Alliterationen umgearbeitet. Aber er kam nicht einmal über die erste Seite hinaus. Als ihm der erste Stabreim für sein monumentales Tautogramm fehlte, riss er sich den ersten Büschel Haare aus. Es half kein Rufen oder Flehen. Wir schüttelten ihn, aber die Wirkung hatte bereits eingesetzt. Nicht einmal zu übergeben vermochte er sich noch. Es war zu spät. Beim zweiten fehlenden Reim biss er sich bis aufs Blut in die Arme, und beim dritten sackte er bereits zusammen. Sie begruben ihn auf dem hauseigenen Friedhof. Sein Grabstein trägt bis heute das Spiegelbild seiner letzten Attacke: Unter Umständen unken Urologen ungeheuer unheimliche Ursachen und unterstellen unsachlich unverschämte Untersuchungsmethoden.
Danach ging für mich alles ganz schnell. Ich begriff, dass zu schreiben ein schöner Masochismus und kein leichtes Gewerbe ist. Er hält davon ab einfach dahinzuleben und die vielen, kleinen Details unerkannt vorbeiflattern zu lassen. Stattdessen darf man ungehindert Gott spielen, so lang man damit umgehen kann, Fiktion und Realität nicht zu vermischen, oder bald nur noch gekünstelt, um des Schreibens als Selbstzweck Willen, da zu sein. Es hieß also ganz oder gar nicht.
Seit ich wieder draußen bin und mein Diplom in Kreativem Schreiben in der Tasche habe, geht es mir weitestgehend gut. Ich bin clean, bin weg vom Schreiben, treibe viel Sport und arbeite halbtags als Plagiator. Das heißt, ich stückele für überforderte Germanistinnen gegen Entgelt Hausarbeiten aus Standardwerken zusammen. Monatlich lese ich alte Kurzgeschichten bei den Anonymen Dichtern. Und manchmal erzähle ich auf Alumifeiern des DLL von meinem Weg aus der Sucht, meiner bespiellosen Genesung.












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