The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.

  • And our schools look like prisons
    And our prisons look like malls
    And downtown’s just a sick parade
    Where no-one cares at all

    A Silver Mt. Zion - horses in the sky

    Ich weiß nicht, wie es mit Ihnen steht. Aber ich kenne genügend Ecken in meiner Umgebung, die von den meisten Leuten entweder gänzlich gemieden oder besonders schnell passiert werden. Sie wahrscheinlich auch. Es sind entweder Orte, die aufgrund früherer Geschehnisse einen sonderbaren Ruf bekommen haben, oder solche, an denen man Menschen begegnen würde, mit denen man lieber nichts zu tun haben möchte.

    Früher gab es gegenüber des Hauptbahnhofs noch diesen großen Park, durch dessen dicht gepflanzte Bäume sich viele kleine Wege hindurch schlängelten, die sich hier und dort trafen, bloss um wieder in völlig andere Richtungen auseinander zu laufen und letztlich irgendwo an einer stark befahrenen Straße aus dem Grün heraus zu führen. Wenn man dort einfach nur herum lief und nichts Besonderes vor hatte, als möglichst viele Umwege zu nehmen, um nicht schon bald von einer Abgaswolke und dem Hupen der LKW-Fahrer erschlagen zu werden, erlebte man es, als würde sich die Zeit endlos dehnen. Sogar der kalte Winterwind prallte an den dunkelgrünen Zäunen ab, mit denen man die vielleicht zwei Quadratkilometer umrandet hatte.

    Und schon damals traf man an der Ares-Stuatue, nicht weit von der Kathrinenstraße, auf den umstehenden Holzbänken mit Stifterplaketten die örtlichen Clochards. Immer gegen zehn Uhr morgens kamen die ersten von ihnen und richteten sich auf einen gemütlichen Tag wie eh und je bei Bier, Schnaps und feuchtfröhlichen Gesprächen über semibrisante Themen ein. Einige brachten ihre Hunde mit, denen sie beim teuersten Fleischer der Stadt Wurst kauften, der Rest von ihnen hielt sich an das Dosenbier vom nächsten Kiosk. Man erzählte sich die unglaublichsten Geschichten über diese zwischen zehn und zwanzig Mann, seit sich eine Gruppe Jugendlicher eines Abends mit ihnen angelegt und wohl oder übel den kürzeren gezogen hatte. Man versucht selbst die wehrlos Aussehenden nicht zu überfallen und weint erst recht nicht, wenn man es doch getan und Prügel bezogen hat.

    Oft sehe ich Mütter, ihre Kinder an der rechten Hand führend, einen großen Bogen um solche Leute machen. Ich habe das Gefühl, es würde ihr Weltbild zerrütten, wenn sie, vielleicht fünf Meter von sich entfernt, eine Gruppe erleben müsste, die sie als Kind selbst schon als Spritties, die sich ausschließlich vom Pennerglück ernähren sollten, vorgestellt bekommen hatte, was ihre Scheu vor ihnen Jahr um Jahr gesteigert hatte. Hinzu kamen diese Anekdoten. Zum Beispiel kannte jeder in der Stadt Holle, wenn vielleicht auch nur vom Namen her. Er habe den ganzen Tag am Bahnhof gelungert und Großmüttern geholfen, zu schwere Taschen die paar Treppen hinauf zu bugsieren. Von den paar Mark, die sie ihm dafür gaben, kaufte er sich besagtes Glück. In den Zeitungen stand hin und wieder, dass er sich mit einer Tasche oder einem Koffer davon gemacht haben soll. Dann sah man ihn drei Wochen lang nicht, danach aber in gewaschenen Klamotten, mit gekämmten Haaren und rasiertem Gesicht. Wäre das schäbige Fahrrad mit dem Leergut nicht gewesen, keiner hätte ihn erkannt.

    Als er dann starb, mit fünfzig oder so, machte man den Vorschlag, die bald darauf neu eingeweihte Bahnhofshalle nach ihm zu benennen. Holle-Halle, wer das vorgeschlagen hatte, wusste wohl niemand mehr so recht, aber gedruckt wurde es trotzdem. So lang, bis sich die ersten empörten. Ich nehme an, dass es den meisten Leuten egal war, wie die Halle die Halle im Endeffekt genannt wurde, die Hauptsache war doch, dass sie nicht Holle-Halle hieß. Madonna-Halle, in Ordnung, aber dann lieber der eigene Name auf dem Blechschild neben dem Eingang, als der von so einem.

    Man hatte den Männern und Frauen viele Angebote gemacht, ihre Vor- und Nachmittage irgendwo zu verbringen, wo es die normalen Menschen nicht mitbekämen, aber es nützte nichts. Als Hoffnungsschimmer erschien es den Argwöhnenden erst dann, da man den illusorischen Plan, den Park zu plätten und anstelle dessen ein neues Einkaufszentrum dorthin zu setzen, in die Tat umsetzen wollte. Was heißt wollte, man tat es. Gleich im Erdgeschoss vermittelte man sich eine Suchtberatung als Mieter, die nach ein paar Monaten schon wieder schloss. Kein Klientel, es gibt keine Alkoholier, nur Trinker, die es nicht zugeben wollen und einstmalige Trinker, die auf dem Weg sind, keine mehr zu sein. Sie müssten es schon gesehen haben, das ganze Vorhaben hat nichts gebracht. Gleich an der ersten Imbissbude versammeln sie sich nun und trinken ihr Bier für eins fünfzig. Jetzt müssen erst recht alle Normalen an ihnen vorbei.

    “Hey Kollege, wie geht’s dir, mein Freund.” rief mir beinahe jeden Tag einer der alten Kohlenschipper zu. “Dreht sich die Erde noch?” oder etwas in der Art hängte er immer noch hinten dran, ohne eine Antwort zwecks meines Befindens abzuwarten. “Alles geht weiter.” sagte ich meist und er lachte. Manchmal scherzte er, ob er sich mein Fahrrad ausborgen könne, obwohl ich immer zu Fuss vorbei ging, damit er in das neue Haus seiner Frau fahren könne, um ihr “wat zu saufn aus de Kommode zu klaun.”. Wenn ich nur halb in Gedanken den Mund verzog, dann sah er das noch. Hinter den dicken Brillengläsern in pechschwarzem Rahmen, unter der dunklen Schiebermütze und den langen, blonden Haaren schien sich zum Trotze der täglichen Alkholangriffe noch ein Gemüt versteckt zu halten, das, wenn es sich hervor wagte, nur kurze Klagelieder sang: “Weisst du, Kollege, mich hammse verarscht. Die hamm gesacht, ihr weert alle reich, mit de Vereinijung, weeste? Verarscht hammse uns und gleich rausjeschmissen.”. Er warf sein linkes Bein mit solchem Schwung und völlig ohne Kontrolle über das rechte, dass es aussah, als hätte schon kein Gefühl mehr darin, was zeitweilig auch zugetroffen haben mag. “Ick war schon immern Säufer, dit jeb ick zu. Aber ick hab och noch nebenbei jearbetet. Dit muss man mich zujute haltn, wa?”. Ich weiß nicht, ob er mir leid tat, nur war ich, so nehme ich an, einer der Wenigen, die sich wirklich die zwei Minuten anhörten, was er zu sagen hatte und zurück grüßten, wenn er grüßte. Vielleicht stimmten ja auch die Gerüchte und er wurde jähzornig, wenn man ihn als Penner abzufertigen suchte. “Aber ick kieke denen inne Ooren, weil ick jetz frei bin. Am Ende, wa, aber frei.”.

    Ein paar Mal war ich geschäftlich mit dem Zug unterwegs. Einmal am späten Nachmittag schlenderte ich durch den Tag und steckte mir die erste Kippe an. Ich kam auch an Ares vorbei und musste nach Feuer fragen. Es war überhaupt kein Problem, ich es gern gereicht und bedankte mich. Bemerkt hatte ich nicht, dass der Kohlenschipper auch mit in der Runde saß. Wahrscheinlich hatte er hinter einer der Bänke gelegen und zuerst nur mein Fragen gehört, ehe er aufstand und auf mich zukam. “Hey.” haute er mich an. “Haste ma ne Lunte für mich? Ich bin, janz ehrlich, füll zu faul um mich jetz eene zu drehn.” lallte er und hielt mir eine halbleere Tüte Tabak entgegen. Er sah noch schrecklicher aus als sonst. Er war gestürzt oder hatte sich geprügelt, unter dem linken Auge hing ein dicker Sack voller Blut, der mit grüngelben Streifen umzogen war. An der Hand, mit der er das Tütchen hielt, klebte noch frisches Blut, die Haut war stellenweise abgeschabt und pumpte kleine Wassertröpfchen an die Oberfläche. Er konnte kaum noch stehen, ich musste ihn festhalten, als er sich im Delirium nach seinen Kumpanen umdrehen wollte. Von diesem Mal kann ich mit absoluter Sicherheit sagen, dass ich Mitleid hatte. Ich zog eine Zigarette aus meiner Schachtel und wickelte sie hastig in einen Fünfer ein. “Für die Mission heute Abend.” sagte ich und deutete auf die vielen Schlafsäcke hinter der Statue.

    “Dit ist ein feiner Kerl.” konnte ich noch im Weggehen hören, bevor ich meinen Uralt-Walkman in der Tasche anschaltete und den Bahnhof ins Auge fasste. Ich wäre so abweisend wie viele, wenn ich dächte, er hätte das Geld damals nicht für Bier oder ähnliches ausgegeben, aber die Alternative wiegt schwer. Dennoch schließe ich nicht aus, dass man ihn in der Mission für ein, zwei Tage aufgenommen und ihm vielleicht gut zureden konnte, denn ich habe ich ihn danach nicht mehr wieder gesehen, bis heute nicht. Nur dass ich noch keinen erlebt habe, der einen Passanten gebeten hat, ihm das Bier wegzunehmen und ihm fünf Mark für eine kalte Dusche zu geben, finde ich wirklich schade. Das bisschen Geld ist mit scheissegal.

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