The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.

  • Fast kam ich mir wie ein Bohémien vor. Die zwei Cappuccini, mehrere Luckies, ein aufgeschlagenes Notizbuch nebst einem dunklen Stift, der den vorbeigehenden Leuten eine gewisse Tüchtigkeit vermitteln sollte. Dazu noch eine Zigarettenspitze, ein feiner, spitzer Bart, eine Jacke aus Tweet und ich hätte versucht, den Nachmittag irgendwo in Montmartre, abseits der Touristenscharen, herumzubringen.

    Und wirklich, ich hätte nichts dagegen gehabt. Für diesen Tag war es schon Vorbote genug, wieder auf der Terrasse des Cafés zu sitzen und wieder darauf zu warten, eine Idee zu haben. Aber alles, was mir unter kam, war eine schreckliche Nacht nach der anderen. Stickige, viel zu heiße und vorallem schlaflose Nächte in kleinen Zimmern mit hölzernen Fensterläden.

    Der heiße Zigarettensud zäumte meine Zunge und Gedanken. Ein, zwei Züge Glück, der Rest war bloße Gewohnheit. Zum Mittagessen einen Kognac. Und wieder sehnte ich mich danach, es einfach für diesen Tag sein zu lassen und nach der Perlenstrippe greifen zu können, ein Klicken zu vernehmen und überall das Licht ausgehen zu sehen. Morgen! Sicher! Vielleicht.

    Schön aber, dass es noch Alleen inmitten des Zentrums gibt, dachte ich und rieb mir die müden Augen. Kleine, schwarzgraue Straßen mit vom kurzen Regenguß bunt glitzerndem Kopfsteinpflaster. Mit blutrotem Ahorn, dessen Laub sich entgegen der Jahreszeit auf den kleinen Erdinseln am Gehweg sammelt. Ich hatte mir einen besonders schönen Platz nahe am Geländer ausgesucht, von dem aus ich einen weiten Blick in die angrenzenden Straßen hatte. Hier und dort hüpfte ein Blatt vorbei, zwinkerte mir zu und zog mit galanter Drehung unbeirrt weiter seiner Pfade.

    Nach einer Weile, ich wollte gerade doch noch den Stift zu Hand nehmen und wenigstens ein dickes Fragezeichen oder einen Ruf an die vorbeihuschenden Blätter schreiben, da klopfte es plötzlich vor mir auf den Tisch. Ganz automatisch zog ich in einem hektischen Zug mein Sammelsurium mit dem Arm näher an mich und ließ meinen Blick gleichzeitig langsam nach oben wandern. Aber jene Augen, in die ich sah, kannte ich allzu gut und nur die dazugehörige Gestallt hatte sich etwas verändert. Die vormals langen Haare waren jetzt kurz und der Nacken lag frei. Nur bei genauem Hinsehen erkannte man einen graülichen Schimmer im Sonnenlicht.

    «Was denn, was denn?», mahnte ein alter Freund, den ich seit Jahren nicht gesehen hatte, väterlich, “So viel zu tun?»
    «Ja, sicher.», raunte ich, «Und selbst?»
    «Oh ja!», nickte er lang.
    Wenn ein Gespräch auf diese Weise beginnt, dachte ich, dann ist es meist zum Scheitern verurteilt, es sei denn die Gesprächspartner legen es darauf an, sich mit Nichtigkeiten zu bewerfen.
    Doch er seufzte lang und fuhr fort: «Wohin ich auch komme, alle haben zu tun!» Er strich sich über die Wangen und drückte seine Hand fest auf die Haut, als könne er, wenn er nur genug Druck aufbringen würde, alle Sorgen einfach von sich abstreifen. «Jeder ist etwas, will etwas sein. Aber wenn man sich die meisten von ihnen beschaut, dann tun sie nicht viel mehr, als am Leben zu sein
    «Ich weiß.», versuchte ich mit einzustimmen.
    «Weißt du nicht, weißt du eben nicht! Du nicht. Warum wäre ich sonst hier?»
    Ich versuchte Luft zu holen, sog heftig etwas von dem warmen Dunst der Umgebung in meine Lungen, kam jedoch nicht über die inneren Hürden, sodass
    mir das entspannende Kribbeln nach einem tiefen Durchatmen verwehrt blieb.

    Dass wir einige Minuten schwiegen war mir mehr als recht. Lieber sagte ich überhaupt nichts, als ins Floskeln zu verfallen. Und meine Erinnerung versprach mir, dass auch mein guter Freund diese Vorliebe hatte. Wahrscheinlich hätten wir noch lange fortfahren können, aber sie erzählte mir ebenso von den vielen fesselnden Gesprächen, die wir einst gehalten hatten, den erschöpfenden Diskussionen und heftigen Auseinandersetzungen, sodass ich an einem Punkt nicht länger still bleiben konnte und wollte. Und ganz allgemein konnte es auch ein gutes Zeichen sein, selbst über einen so langen Zeitraum hinweg noch so miteinander umgehen zu können, als wäre man erst gestern auseinandergegangen.

    «Wir könnten tauschen!», rief ich, zwinkerte ihm zu und lächelte, «Hättest du Interesse?» Ich schlug die Beine übereinander und wippte mit dem oberen ungeduldig vor mich hin.
    «Das hätte ich mir vorher überlegen müssen, stimmt’s?», lachte er lauthals und schlug mit der flachen Hand weit aus, als wolle er unsichtbaren Fliegen vertreiben.
    Ich setzte mich auf. «Wenn du es endlich ernst meinst, sicher.», murmelte ich und dachte zuerst, er hätte es nicht vernommen.
    Ein dünnes, tränenes Rinnsal bahnte sich seinen Weg die alternden Wangen hinab. Er setzte sich mir gegenüber und ließ den Kopf in seine Hände sinken. Diesmal war mir das Schweigen unangenehm.

    Sofort fuhr ein kalter Luftzug durch die Straße und einige Borkenkäfer, die den Halt an ihren Bäumen verloren hatten, fielen krachend auf die Erde, sodass alle Stühle des kleinen Cafés zu zittern begannen. Schlagartig zogen Wolken am Himmel auf und drohten, den Tag zu vernichten. Und mit einem Mal hätte der sonst milde Frühlingstag auch großartig in einen November gepasst.
    Die Retourkutsche war vorgefahren. Ein Diener im Frack öffnete die großen Flügeltüren des violetten Wagens und hieß uns einsteigen.
    «Komm, keine falsche Scheu.», sagte mein Freund, der bereits wieder deutlicher besser aussah, da er bemerkte, dass ich zögerte.
    Als ich einstieg, war es, als betraten wir in eine völlig andere Welt. Statt eines engen, hölzernen Verschlags baute sich eine riesige Halle vor mir auf, die zu allen Seiten mit breiten Gängen versehen war. Die Wände waren mit schönen Stoffen tapeziert, überall hingen wunderbare Älgemälde und es duftete nach Blumen jeder Art. Wir gingen in einen hübschen, aber weitaus kleineren Raum, in dem vor jeder Wand ein mächtiger Bücherschrank seinen Platz hatte. In seiner Mitte fand sich ein schwerer Tisch, auf dem man große Schalen voll Obst platziert hatte. Rundherum standen ein Kanapee und etliche Sofas, sowie in gebührendem Abstand ein großer, napoleonischer Stuhl, in dem mein Gefährte mit einer merkwürdigen Ehrfurcht Platz nahm. Ich nahm mit einem weinroten Kanapee vorlieb und zündete mir eine weitere Zigarette an.

    «Würdest du es machen?», hakte ich, nachdem wir lange so zusammengesessen hatten, doch noch einmal nach.
    «Was denn?», fragte er freundlich, obwohl er genaz genau wusste, was ich meinte. Er musste es unbedingt aus meinem Mund hören.
    «Tauschen natürlich!», ich streckte meine Arme aus und schob mich an der Lehne in eine aufrechte Position, um meinem Ernst einen gewissen Rückhalt zu verschaffen.
    Er aber ließ sich nur immer tiefer in seinen Stuhl zurücksinken, sodass sein Gesicht mehr und mehr verdunkelt wurde.
    Sehr bedächtig hob er an: «Würdest du etwas anders machen?»
    Alles kam mir lächerlich vor. Ich kam mir lächerlich vor. Lächerlich und längst wieder müde.
    «Ich weiß nicht.», sagte ich und verfiel ins Sinnieren. «Vielleicht. Ich könnte allem den finalen Stoß versetzen.», erklärte ich und malte mir dabei aus, dass ich es ja doch nicht tun würde. So wenig, wie er es je getan hatte.
    Er sagte nichts, in einem Hinterzimmer pfiff ein Teekessel und pustete gelben Dampf durch die Gänge zum Kutscher hin. Ein weiterer Diener kam eine lange Treppe hinab und reichte Tee mit Biskuit.
    «Ich könnte aber auch hier und dort ein wenig drehen und der Welt ein paar würdige Bewohner schenken.», berichtigte ich mich und untermalte meine Ausführungen mit wilden Gesten.
    Er lachte schallend und ich wusste nicht, ob ich wirklich etwas Lächerliches gesagt hatte, beschloss aber, darauf zu beharren.
    «Stell dir vor —», begann ich und er ging dazwischen.
    «Habe ich!», prustete er, «Mehrere Male sogar. Aufgehangenen wurden sie von deinen Leuten, oder schlimmer noch, einfach nicht beachtet.»
    Er begann, mir einen langen Vortrag über all die Versuche zu halten, die er unternommen hatte, um den Menschen ihr Zusammenleben ein wenig leichter zu gestalten. Nach den ersten paar Beispielen gab ich endlich der Trägheit in meinem Kopf nach und schaltete ab. Sicher liegt es genau daran, dachte ich noch, ehe ich allein den Bewegungen und Tönen folgte, ohne mir wieder einen Reim darauf zu machen.
    Irgendwann aber hatte er sich wieder beruhigt und sich selbst weiter ins Licht gerückt. Er musterte mich streng. Dann streckte er mir lächelnd eine glänzende Porzellantasse entgegen: «Trink deinen Tee.»

    Es war schon dunkel geworden, als wir wieder am Café ankamen und uns verabschiedeten. Die Kellner waren längst dabei, Stühle und Tische in ihren Räumlichkeiten zu verstauen und beschwerten sich kräftig, dass wir einfach verschwunden wären, ohne unsere Rechnung zu bezahlen. Wir bezahlten viel mehr als nötig und genehmigten uns ein letztes, gemeinsames Glas zum Abschied.
    Es war wunderbar, ihn wiederzusehen. Ich bewunderte seine Entscheidung. Nur haderte ich mit mir selbst, ob ich es ein letztes Mal angehen sollte. Als ich mein Glas geleert und die Leichtigkeit in meine Knochen zurückgekehrt war, fasste ich mir ein Herz:
    «Wo waren wir?»
    Er zuckte mir den Schultern. «Im Wind, nichts Aufregendes.», sagte er und grinste vor sich hin, als er mein ungläubiges Gesicht sah.»
    Ich fühlte mich unglaublich erleichert. Wir verstanden uns immer noch.
    «Nunja.», rief ich, «Arbeit, Arbeit, Arbeit», und zeigte auf ein paar auf dem Tisch des Cafés verstreut liegende Skizzen für irgendwelche Geschichte, deren Fertigstellung in weiter ferne lag.
    «Ja», antwortete er verschmitzt und zwinkerte mir zu, «Das habe ich doch schon einmal gehört. Aber bist du glücklich?»
    Ich wartete einige Sekunden und versuchte, den leisen Windzug, der sich gerade seinen Weg durch unsere Straße bahnte, spüren zu können. Dann legte ich die rechte Hand auf meine Brust: «Ich bin’s.»

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