The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.
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In eine andere Stadt zu ziehen, heißt einmal mehr die große Option zugesprochen zu bekommen, sein ganzes gesellschaftliches Leben von Grund auf neu zu gestalten. Plötzlich hat man die Chance, endlich so zu werden, wie man es immer sein wollte, endlich als das wahrgenommen zu werden, was man wirklich zu sein glaubt. Man ist ein unbeschriebenes Blatt und gleichzeitig derjenige, der es beschreiben darf. Es ist, als würde sich die soziale Weste während des Umzugs auf wundersame Weise selbst weißen. Nun liegt sie vor einem. Was man tun muss ist nichts Anderes zu tun als sie anzuziehen und vor die Tür zu gehen. Alles fällt von einem ab und schafft dabei kleine Anlegeplätze für längst verloren geglaubte Zustände wie Abenteuer oder Aufregung. Die aufkeimende Chance, sich in einem der Freundschaftsbiotope inmitten des dynamischen Kessels der anonymen Großstadt einzunisten, schmeckt süß und macht ein wenig high.
Die gute Zeit jedenfalls, die sich nach meinem ersten Zusammentreffen mit Peter bereits angekündigt hatte, ließ nicht lange auf sich warten. Schon Monate zuvor hatte ich meine wenigen Bekannten und Freunde, die schon weit vor mir ihren Weg in die Stadt gefunden hatten, großspurig darauf aufmerksam gemacht, dass ich bald nachkommen würde. So war es denn nun auch nur meiner Glaubwürdigkeit wirklich zuträglich, dass ich endlich da war.
Mittlerweile war es Samstag geworden. Über die Tage verteilt hatte ich alle notwendigen Behördengänge hinter mich gebracht, tausend Formulare ausgefüllt, die Gegend erkundet, Studienbescheinigungen abgeholt und sie weiterverteilt. Die Einführungswoche mit den ersten Kneipentouren konnte kommen. Ich war gewappnet.
Gleich mittags klingelte es an der Tür. Aus reiner Neugierde ging ich und öffnete. Und tatsächlich stand Till, ein guter Freund von mir, leicht gebückt davor und äugte unter dem Rahmen hindurch, sodass sich seine wild wachsenden Haare an der Zarge bogen. Er war einfach zu groß, um noch aufrecht durch handelsübliche Türen zu passen.
„Mensch!”, rief ich und gab ihm die Hand, „Wie kommst du denn her? Komm rein!”
Till war ein paar Jahre älter als ich und vor etwa vier Jahren zu Hause ausgezogen, um hier eine Designerlehre zu machen. Wir kannten uns schon so lang, dass ich kaum mehr richtig sagen konnte, woher wir uns ursprünglich kannten. Seit er seinen Abschluss in der Tasche hatte, jobbte er nebenher in einer kleinen Videothek.
„Bin mit dem Fahrrad gekommen. Ein Stückchen S-Bahn, den Rest mit dem Fahrrad. Ich musste mich ja erst noch bei der Verwaltung zu dir durchfragen.”, sagte er.
Die Vorstellung, den riesigen Till auf einem stinknormalen Fahrrad zu sehen, ging mir so leicht nicht mehr aus dem Kopf. Man würde ihn, nicht zuletzt seiner Haare wegen, schon hunderte Meter entfernt erkennen, dachte ich. Selbst Peter überragte er noch um ein paar Zentimeter.
„Ich dachte du wohnst immer noch so weit draußen?”
„Tu ich ja auch. Wollte trotzdem mal vorbeikommen.”
Wenn ich ihn früher besuchen war, dann lag Tills ganze Wohnung unter einer dicken Schicht von Zeichen- und Malutensilien. Blätter, Stifte, Kohlen, Farben. So als hätte er Angst gehabt, nicht jeden Impuls sofort bildlich festhalten zu können. Für mich war er immer der Inbegriff eines Künstlers gewesen, ich liebte seit jeher den herben Geruch des getrockneten Acryls, der sich seine die Wohnung streckte. Die Wände des Altbaus waren in ihrer ganzen Höhe über und über mit Bildern und Skizzen behangen, hier standen Farbtöpfe, dazwischen leere Bierflaschen. Aber wenn jemand bei ihm war, dann machte er nicht einen Strich, sondern räumte hektisch die nötigsten Durchgänge frei.Ich hatte ihm zwar erzählt, wann ich einziehen würde, nicht aber wo genau. Dass er sich die Mühe gemacht hatte, es herauszufinden, freute mich besonders.
„Komm rein.”, sagte ich und lotste ihn durch den schmalen Flur in mein Zimmer.
Über eine halbe Stunde lang erzählte er von seiner Arbeit. In der Videothek. Er erzählte mir von all den aktuellen Neuerscheinungen, welche Filme gut und welche schlecht waren und dass es überhaupt kein Problem sei, die Star-Wars-Saga hintereinander weg zu schauen, ohne dabei einzuschlafen.
„Du kommst dann sicher heute Abend mit, oder?”, meinte er nach einer Weile.
„Wohin?”, fragte ich, obwohl ich natürlich genau wusste, worauf er hinaus wollte. Ich saugte alles auf, was er sprach.
„Irgendwohin. Das ergibt sich. Was trinken, Einstand geben.”
Seinen Einstand geben, dachte ich, das hatte ich erst vor ein paar Tagen zu hören bekommen. Also warum sich dessen erwehren?
„Klar.”, antwortete ich.
Start.Nachdem ich zwanzig Minuten zu früh an der abgesprochenen Haltestelle gewesen war und mir die Beine in den Bauch gestanden hatte, kam auch endlich Till in Sichtweite. Er hatte noch ein paar andere Leute mit dabei und trug einen kleinen, gelben Stoffbeutel über die Schulter.
„Wartest du schon lange?”, fragte er, indem sie näher kamen. Wir gaben uns die Hand.
„Ach was.”, log ich. Nie im Leben hätte ich ihm auf die Nase binden wollen, dass ich mich bereits hatte zügeln müssen, nicht noch zeitiger da zu sein.
Er nickte und gab mit einer ausladenden Armbewegung den Blick auf seine Begleiter frei: „Raphael — Lena — Ben.”
Etwas unsicher gab ich allen nacheinander die Hand.
Sie grinsten.„Lena”, sagte das Mädchen, „Ich heiß Lena — bin die Freundin von Raphael.” und drückte beiläufig dessen Hand. “Till hat schon von dir erzählt.”
„Ja, ja. Ach, ja?”, sagte ich mehr abwesend. Hinter meiner Stirn durchwühlte ich schon alle mir bekannten Gesichter und versuchte eine Übereinstimmung mit Lenas Erscheinung zu finden. Irgendwie kam sie mir bekannt vor.
Ich kramte und suchte in meinen Erinnerungen, aber kam nicht drauf. Nach gefühlten Stunden endlich der erleichternde Einfall.
Lena war ohne Zweifel die deutsche Uma Thurman.
Sie trug ein leichtes, gestreiftes Stoffkleid, Ballerinas und Leggins in Anthrazit. Ihre Haare waren gerade so lang, dass sie nicht auf den Schultern aufsetzten, pechschwarz und mit Pony geschnitten. Man musste schon einen tiefen Blick in ihr helles Gesicht nehmen, um den schmalen, dunkel umrandeten Augen Gewahr zu werden, die sich im Schatten der fein gezupften Brauen andeuteten. Das RosĂ© ihres Mundes machte ihr Gesicht blumig. Wie einen ganzjährigen Frühling.
„Tschuldigung”, sagte ich nach meinem Abgleich, „Hat er?”Wir nahmen die nächste Straßenbahn in Richtung Prager Straße. Ich stand, eingezwängt zwischen mehreren Leuten am vorderen Gelenk des Waggons und ließ mich von den Gummilamellen hin und her schubsen. Das Surren der Stromabnehmer auf dem Dach versetzte mich in einen schönen Dämmerzustand.
„Und?”, fragte mich ein Typ mit einem Klopfen an mein Bein, „Wo geht’s hin?”
„Prager Straße.”, sagte ich und kam mir wie ein bekloppter Tourist vor, der versucht, Einheimischen den Weg zu erklären.
Er lachte laut und schlug seinem Nachbarn auf den Oberschenkel, sodass dieser ruckartig aus seinem Halbschlaf erwachte, „Saufen, wah?”
„Und selbst?”
„Nahause!”, rief er. Die halb volle Bierflasche in seiner Hand und der verquere Blick seiner Augen stimmten zu.
„Soso.”
„Stand vorne janz jros dran!”, erklärte er, „Na — Hause — Tchaaa! Wennwa zuhause sinn, denn muss ick raus!”Währenddessen rätselten Lena, Raphael und Till vor einem der großen Fahrpläne an den Wänden, wann wir aussteigen müssten. Da lang, dorthin, nein wir sind hier, Quatsch!, noch nicht, soundsoviele Stationen.
Ben, der mir gegenüber an den Lamellen lehnte, grinste nur. Mit seinem 3-Tage-Bart, den abgewetzten Sneakers und dem dunklen Windbreaker sah er wie ein Großstadtcowboy aus. Einer, der immer zu wissen schien, wo etwas los war und eine passende Meinung dazu hätte. Er kramte in seinen Taschen nach seinem Tabakbeutel.
„Was studierst du noch mal?”, fragte er beiläufig.
„BWL”, sagte ich.
Er sagte nichts, sondern schmunzelte vor sich hin, während er sich eine Kippe drehte.„Wieso eigentlich Ben?”, wollte ich wissen.
„Eigentlich Bennet. Aber das kapiert niemand. Gefällt mir auch ganz gut.”
Seine Augen glänzten. Er schien es überhaupt nicht abwarten zu können, endlich aus der Straßenbahn zu kommen und sah andauernd ungeduldig aus dem Fenster.
„Und was machst du tagsüber?”, fragte ich.
„Arbeite bei einem kleinen Label als Grafiker. Hab Grafikdesign gelernt. ?Wie verarsche ich am Besten andere Leute??”
„Macht dir wohl keinen Spaß?”
„Spaß würde es machen, wenn ich tun und lassen könnte, was ich wollte. Wie überall. Meist ist das alles so strikt, dass man von vornherein keine Lust mehr hat. Nur manchmal darf man sich richtig austoben und einfach machen, wozu man Lust hat.”
Je mehr er mir von seinen Vorlieben erzählte, den Vektoren und Farbpaletten, den Farbverläufen und Texturen, desto faszinierter wurde er und gestikulierte immer rücksichtsloser und ausschweifender, zeichnete eifrig kleine Muster in der Luft und versuchte mir alles haargenau zu erklären.Unterbrochen wurde er erst von Raphael, der ihn an der Schulter packte und aus der Bahn zerrte: „Wir müssen ra — haus!”
Nachdem wir uns zwei Stunden lang in einer Bar herum gedrückt und die erste Flaschen Bier hinter und gebracht hatten, kam Lena auf eine Idee.
„Ich kenne einen, der bringt uns bestimmt ins Tuesday rein.”, sagte sie und begann gleichzeitig auf ihrem Handy zu tippen.
„Wass? Willst du da wirklich hin?”, muckierte sich Raphael, der ein wenig lispelte, „In diesen Ssnöselclub? Das wird doch nie wass.”
Es gefiel ihm nicht, das sah man. Zumal keiner von uns, mit Ausnahme Lenas, so aussah, als wäre er passend genug gekleidet.
„Warum soll das nichts werden? Der macht da die Bar oder so was. Muss doch nur mal kurz runter kommen und uns reinbringen.”, erklärte sie, während sie weitertippte.Raphael lehnte sich missmutig zurück und zog sich sein Baseball-Cap ins Gesicht. Wie mir Ben gesagt hatte, lief er fast ausnahmslos damit herum, nur bei der Arbeit nicht. Er war der einzige werdende Wissenschaftler unserer Runde und studierte Biologie. In ein paar Monaten müsste er seine Diplomarbeit abgeben und würde dafür seine Tage fast ausschließlich im Labor seiner Uni zubringen, zwischen eingesperrten Professoren und verrückten Tieren, oder umgekehrt.
Lenas Handy vibrierte.
„Vier!”, rief sie, „Vier kommen rein.”
„Super, wo wir doch vier plus eins sind.”, grinste Raphael.
„Dann legen wir halt alle für den Fünften zusammen. Ist doch nicht so viel.”
Alle blieben still. Niemand wollte dieser ominöse Fünfte sein, von dem Lena gesprochen hatte.
„Oder wie lassen’s.”, meinte sie und sah Raphael an.
„Quatsch!”, rief Ben, „Wo ist denn das Problem? Erstmal gucken gehen.”
„Erstmal austrinken.”, schloss Till und hob zum Anstoßen an.„Und jetzt?”, fragte Raphael, als wir auf dem Stefanplatz standen, direkt vor jenem Hochhaus, in dessen oberster Etage sich das Tuesday befand. Im ganzen Block waren die Lichter aus, nur ganz oben sah man immer wieder kurzzeitig bunter Lichter aufblitzen.
„Jetzt warten wir, bis er runterkommt.”, meinte Lena, sichtlich genervt von Raphaels Sticheleien, „Der kommt schon.”
Ben rauchte schon wieder, Till und ich beobachteten interessiert die drei Türsteher unten am Eingang.
Sie schickten Einen nach dem Anderen weg und selbst von den poliertesten Typen in Anzügen ließen sie nur bestimmte hinein.
„Keine Sneakers, anständige Klamotten, niemals in großen Gruppen.”, erklärte Ben nebenher, „Das wird sonst nie was. Am Besten man kommt immer nur zu zweit und trifft sich oben dann wieder. So schraubst du deine Chancen, da rein zu kommen, schon mal weiter nach oben.”
Till grinste und nickte hinüber zur Tür, an der gerade zehn oder zwölf junge Frauen gleichzeitig reinmarschierten.
„Oder du bist ne Frau, genau.”Dann kam Hans.
Hans sah nicht gut aus. Er trug dunkle Jeans und einen grauen, völlig verschwitzten Pullover. Seine Augen waren von dunklen Ringen beschwert und hingen auf Halbmast, sein Gesicht hatte bereits eine milchige Farbe angenommen. Allgemein schien er nur noch von ganz weit entfernt mitzubekommen, was sich direkt vor seiner Nase abspielte. Ganz behutsam und etwas tapsig kam aus dem Haus getrottet, blieb stehen und versuchte etwas im Halbdunkeln zu erkennen, was ihm aber nicht recht zu gelingen schien.
Eigentlich war Hans Broker an der hiesigen Börse, wie mir Lena später erzählen sollte, und half für ein paar Wochen an der Bar aus. Ob ich aber wollte oder nicht, wenn ich mir Franz besah, konnte ich das nur sehr schwer glauben.
Sie ging, ihn zu begrüßen und umarmte ihn. Raphael verdrehte die Augen.„Die fünf!”, sprach sich Hans mit den Türstehern ab und brachte uns in das Haus. Es ging so langsam voran, dass man die abfälligen Blicke der hünenhaften Wärter noch im eigenen Rücken spüren konnte, während sie fünf Typen in Smokings wegschickten und uns komischen Haufen reinlassen mussten.
Aber schon an der Garderobe ging es nicht weiter.
„Wie kommt ihr denn hier rein? Habt ihr überhaupt bezahlt?”, meckerte ein neuer Berg von Mann.
„Ich bin Hans.”, flüsterte ihm Hans ins Ohr.
„Wat? Wer?”
„Hans!”
„Ey!”, rief der Türsteher dem Mann an der Kasse zu, „Kennst du den?”
„Wer bist du denn?”, meinte dieser, während er mit Zwanzigern hantierte.
„Hans!”, sagte Hans wieder.
„Ach, Hans! Ja, ist gut! Hans!”
Ich kam mir total verarscht vor, aber es funktionierte und wir rauschten im Fahrstuhl nach oben.Zwanzig, fünfundzwanzig Sekunden Zeit zum Resümieren. Wie ich uns, eingezwängt neben zwei jungen Mädchen in schnittigen Abendkleidern im Fahrstuhl stehen sah, in durchgetretenen Sneakers, abgewetzten Jeans und verschwitzten T-Shirts, mit unförmigen Haaren und von der Bierfee längst bezaubert in perfekter Slacker-Attitüde, begann ich zu lachen und hielt mich an Ben.
„Meintest du vorhin, dass man genau so, wie wir aussehen, nicht aussehen sollte, wenn man hier rein will?”, fragte ich ihn.
„Es sei denn, man kennt Hans.”, grinste er.Die fünf Muskelmänner vor den dicken Glastüren überraschten mich nicht mehr sonderlich. Sie nickten verhalten zum unterschwelligen Bass, der einem das Blut in den Zehen hüpfen ließ.
Als sie die Tür aufrissen presste sich einem eine unglaubliche Schallwelle entgegen, die sich wie ein kleiner Bodycheck anfühlte. Sofort begann auch die Pizza, die wir noch in der Bar gegessen hatten, in unseren Bäuchen zu springen. Ben, der sich schon kaum mehr wirklich still halten konnte, ging schnell voran und verschwand sofort im Dunkeln, wir Anderen folgten im Gänsemarsch.
Drinnen war es noch lauter. Mein Trommelfell schleuderte durch mein Ohr, dass es den Anschein hatte, es würde nur noch an einem winzigen Faden halten. Es brannte und biss tief in den Gehörgängen und der dröhnende Bass massierte einem den ganzen Körper im Takt. Überall drückten sich schwitzende Leute am Rand der Tanzfläche entlang, balancierten auf wackeligen Beinen ihre Getränke von einer Ecke des Raumes zur anderen, schrieen sich gegenseitig an und verstanden sich trotzdem nicht.„Du musst mal auf die Dachterrasse gehen!”, brüllte mir Ben ins Ohr, als bemerkte, wie ich später das linke Ohr zuhalten musste und zeigte auf einen Punkt in der Dunkelheit, „Lohnt sich!”
Ich drängte mich an zuckenden Gestalten vorbei, von denen ich nur die Umrisse und alle paar Sekunden einen Gesichtsausdruck erhaschen konnte. Mit nach außen gestellten Ellenbogen bahnte ich mir meinen Weg zu einer kleinen Treppe, bei der jede Stufe eine Verringerung der Lautstärke um geschätzte 20 Dezibel bedeutete. Als die äußere Schallschutztür hinter mir ins Schloss klackerte und nur etwas kleinere Boxen weitaus leiser die Atmosphäre untermalten, sah ich etwas, das mir noch lange die Zeit versüßen sollte.Vom Geländer aus hatte man eine Wahnsinnsaussicht auf die Stadt. Je nachdem, wie man den Kopf hielt, hatte man eine anders gezackte Skyline am glühenden Horizont, hinter dem sich der neue Tag ankündigte. Durch die Maschen des Sicherheitszauns breitete sich vor mir jene wunderbare Mischung aus schlafender Stadt und pulsierender Metropole aus, die ich so liebte, weit gestreut mit graugrün schillernden Parks und vor Werbetafeln blinkenden Bürohäusern. Ich roch die Nacht und den Schweiß der Stadt, bei dem man nie ausmachen konnte, ob er nach getanem Tagewerk oder hitzigen Partys roch. Unter mir rauschten die schwermetallenen S-Bahnen vorbei, hupten die beigefarbenen Taxis in den Verkehrknäuels und drängten die schlaftrunkenen Nachtschwärmer in die Clubs. In ein paar Stunden würde all dies wieder verschwunden sein, dachte ich, und dem Alltag Platz machen, der wiederum bis spät abends alles in Aufregung halten wird.
Mit Einsetzen der Dämmerung beschlossen wir zu gehen.
Raphael und Lena lagen sich in den Armen, Till lehnte an den schweren Marmortafeln vor der Tür des Clubs. Alle waren einverstanden. Bis auf Ben, der zwar extrem müde aussah, sich aber anscheinend keineswegs müde fühlte.
„Jetzt schon? Kommt, noch eine1 Stunde.”, protestierte er, gab sich aber dann doch geschlagen.
Im Fahrstuhl wartete wieder ein muskelbepackter Kerl, der auf einem Barhocker saß und in einer Men?s Health blätterte, während er die Gäste nach unten chauffierte. Im Hintergrund lief ganz leise, sodass es die meisten Leute nach einer ganzen Nacht im Tuesday bestimmt nicht mehr hören konnten, ein zähes Jazz-Musical.
Draußen zogen wir wie eine kleine Horde von Veteranen in einer Reihe zum Bahnhof. Gesprochen wurde nicht mehr sonderlich viel. Das Kommando war allen klar. Unten in der Halle bekam ich noch alle Telefonnummern zugesteckt, dann verabschiedeten wir uns und jeder strömte mit der Bekundung, dass es ein toller Abend war, in eine andere Richtung davon.Als ich schließlich allein der S-Bahn saß und nach Hause gondelte, merkte ich erst recht, wie kaputt ich war. Ich hing schief auf dem eklig harten Sitz und versuchte an den einzelnen Bahnhöfen auszumachen, wo ich überhaupt war.
In der Wohnung angekommen, klatschte ich aufs Bett wie ein feuchter Klumpen Teig und konnte trotzdem nicht einmal einschlafen. Ich öffnete wieder das Fenster und ließ etwas kühle Morgenluft herein. Mein Hals kratzte. Meine Arme und Füße schmerzten. Meine Klamotten stanken.
Ich war völlig fertig. Die Stadt hatte mich ausgesaugt und alle Kraft für sich beansprucht. Sie hatte mich ein paar Stunden durch ihren Blutkreislauf geschickt und jetzt wieder ausgespuckt. Genau so fühlte ich mich, ausgespuckt. Aber ich war glücklich - vollends glücklich im eigenen Sud.












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