The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.

  • Irgendwann zwischen dem zweiten und dritten Semester, wahrscheinlich irgendwo zwischen meinem Kissen und dem Kopfschmerz, der neben Peter zu einem meiner treuesten Begleiter avonciert war, hatte sich in mir langsam und bedächtig die Einsicht entwickelt, dass es nicht länger die Betriebswirtschaftslehre sein konnte, mit der ich meine Wochentage verbringen wollte. Peter hatte mir ja schon immer bescheinigt, der wahrscheinlich schlechteste Betriebswirt der Welt zu werden:
    «Guck dich lieber mal im Spiegel an!», lachte er immerzu, wenn ich wieder einen weiteren Schein in meinen Ordner abheftete, aus dem mir die kleinen BWL-Lügen in Form der vielen hässlichen Zettel entgegen grinsten, «Der erste Diplom-Betriebswirt, der seiner Zunft nichts als Ironie entgegen bringen kann und dem Geld völlig egal ist.»
    Er liebte es sichtlich, mir vorzuhalten, mich für das vollkommen Falsche entschieden zu haben.
    «Du wirst der Star der Branche!»

    Doch er hatte ja auch Recht. Alles in allem hatte ich einen Punkt erreicht, an dem mir die Handbücher zum Qualitätsmanagement unverständlicher als die Weltpolitik und die gesamte Finanzmathematik lästiger als beim Essen schmatzende Leute geworden waren. Controlling, Marketing, Entrepreneurship - zwar besuchte ich immer noch alle Pflichtveranstaltungen, soweit es eben nötig war, doch hatten sich meine Interessen von Beginn des Studiums an schon auf andere Gebiete beschränkt. Es hatte nicht lang gedauert, bis mir die Prüfungen und Hausarbeiten in anderen Fächern längst wichtiger waren, als mein eigentliches Fach. Peter hatte es viel eher als ich vollkommen richtig erkannt, ich war ein Chucks-tragender Star, der keiner sein wollte, gefangen im Dschungelcamp der Maßanzüge und Absatzstrategien.

    Einige Tage später hatten wir uns wieder im Dix eingefunden, jener französisch anmutenden Kneipe, von der ich beim letzten Besuch eher wenig mitbekommen hatte. Ich war gerade von einem der voll besetzten Tische an den Tresen geflohen. Langsam aber sicher schienen sich alle Kneipenbesucher miteinander zu verbrüdern. Peter war voll in seinem Element und prostete jedem zu, der gerade in seiner Reichweite war. Man hörte die Trinksprüche bis auf die Straße hinaus. Der Mann an der Bar arbeitete wie verrückt, warf ohne darauf achten zu müssen seine Zutaten in den Shaker und ließ seine Hände rotieren.
    «Nicht hingucken!», rief er ab und zu spaßeshalber den blond gelockten Mädchen zu, die sein Treiben mit großen Augen betrachteten, während sie artig auf ihren schwarzen Teufel warteten und insgeheim an die Warnungen ihrer besorgten Mütter dachten, sich kein Speed in die Getränke mischen zu lassen, «Betriebsgeheimnis!»
    Wir waren noch nicht einmal lang dort und mich hatte schon wieder die Müdigkeit überfallen. Ich starrte gelangweilt auf eine Kerze vor mir und dachte darüber nach, wie die Psychologie jemals im Stande sein können sollte, sich gegen falsche Aussagen zu wehren.

    «Herrjeh!», rief Peter, als er mich allein sitzen gesehen und sich zu mir aufgemacht hatte, ich drehte mich nach ihm um, «Schon wieder die Denkervisage aufgesetzt.»
    Er führte einen schlacksigen Kerl neben sich her, der wie die Mischung aus Woody Allen und einem übergroßen Basketballspieler aussah und redete ununterbrochen auf ihn ein. Wie eine riesige Puppe platzierte er den Typen vorsichtig neben mich, als könnten seine billigen Plastikgelenke jeden Moment auseinander schnappen. Dann winkte er den Barkeeper zu sich heran: «Kollege! Bier! Nein, eins nur! Danke!»
    Ich sah etwas verwundert drein, obwohl mich bei Peter prinzipiell nichts mehr hätte wundern müssen, und war ein bisschen gespannt, was er schon wieder im Schilde führte.
    «Das ist Mike!», erklärte er, «Mike studiert Architektur. Das heißt, bald nicht mehr.», und grinste fröhlich vor sich hin. «Mike ist auch Hilfskraft bei mir am Institut. Daher kenne ich ihn.»
    Wie Peter ihn trotz seiner dauernden Abwesenheit dann hatte kennenlernen können, ersparte ich mir zu fragen. Denn eigentlich wollte er ja nur, dass ich mich mit ihm freuen konnte.
    «Und?», brummte ich, ohne mir etwas davon anmerken zu lassen.
    «Ja nichts und. Ihr kennt euch noch nicht.», rief er, «Da dachte ich, dass sich das ändern muss.»
    «Aha.»

    Peter empfand meine Entscheidung, das BWL-Studium zu knicken und besser einen Quereinstieg in eines der übrigen Fächer, in denen ich ohnehin genug Prüfungen gemacht hatte, um meine Semesterzahl beibehalten zu können, vorzunehmen, als feiernswert genug. Ich hingegen hätte es lieber gesehen, wenn er mir wenigstens so viel Zeit gelassen hätte, zu überlegen, womit es denn nun genau weitergehen sollte. Aber so fiel ich wieder einmal zurück. Allein mit dem Gefühl, von den vorbei rauschenden Geschehnissen, von denen mir nichts als Kondensstreifen blieben, entmündigt worden zu sein.

    «Ich geh dann mal, ihr beiden.», sagte Peter und schob sich durch das Gedränge in Richtung einer Ecke, in der schon wieder die Gläser erhoben wurden. Es kam mir fast vor, als wollte er mich verkuppeln wie einen zu schüchternen Zwölfjährigen.
    «Ja ja, geh dann mal.», sagte ich und wandte mich wieder der Kerze zu.

    Ich hatte erst ein Bier getrunken, erst eine Zigarette geraucht. Beides gemeinsam hatte mir einen solchen Hieb versetzt, dass sich mein Blickfeld langsam in einem rotgetönten Farbstrudel verlor. Langsam driftete ich ab in einen Schwebezustand zwischen Wachen und Schlaf - einen, der das Blut in den Adern warm und den Holzhocker zu einem annehmbaren Schlafplatz werden lässt, einen Zustand, den das kleinste Gekrächze aus den bierbesprengten Lautsprechern in den Raumecken mit einem Mal in Milliarden kleiner Teilchen zerfetzen konnte. Die Filmemacher müssen für solche Szenen nicht einmal viel hinzuerfinden, dachte ich bruchstückhaft. Selbst wenn sie weit ab der süffisanten Alternative-Bars ihre Filme drehen, zur Not gibt es ja immer noch den noch zerschossener aussehenden Kerl direkt neben dem Protagonisten auf dem Weg ins Delirium.

    «So.», sagte das knöchrige Gestell, das Peter so schrecklich deutsch Meiiik genannt hatte, nach einer Weile und riss mich aus meinem Wachkoma, «Wir müssen jetzt reden.»
    Obwohl ich ihm am liebsten sofort eine mit auf den Weg gegeben hätte dafür, dass er mir wieder die Kälte einer Frühjahrsnacht in die Glieder gejagt hatte, reagierte ich ziemlich hölzern und dementsprechend eingefroren einsilbig.
    «So?», sagte ich in der Hoffnung, er würde sich vom Acker machen.
    «Also ich bin Meeeiiik, lallte er vor sich hin und schickte eine dicke Wolke Biergeruchs zu mir herüber.
    «Hallo Meeeiiik!», versuchte ich ihm gleich zu kommen und nahm mir vor, ihn von nun an nur noch so zu nennen. Nicht einmal Sprechakte sind derart künstlich, dachte ich.
    «Echt, ich will dich hier jetzt nicht bequatschen, damit du das weißt.», sagte er.
    «Ist schon in Ordnung.»
    «Ich find’s nur klasse - hat mir Peter erzählt - was du so machst.»
    Ich fuhr mir durchs Gesicht und drückte mir die Finger vorsichtig in die Augen, «Und was mache ich?»
    «Alles halt.», grinste er, «Dass du gut reden kannst hat er gesagt.»
    Was er genau von mir wollte, wusste ich nicht. Überhaupt wusste ich nicht einmal, warum er sich mit mir unterhielt. Noch weniger, warum ich mich mit ihm unterhielt. Mike, Maik, oder wie auch immer, war so betrunken, dass er garantiert auch mit den Pfeilern nahe dem Gang zur Toilette vorlieb genommen hätte, wäre er ihnen nur anständig vorgestellt worden.

    Es führt zu nichts, dachte ich. Wir hätten noch geschlagene 3 Wochen so weitermachen können, wenn nur der Alkoholzufluss nie gestoppt hätte. Ich suchte mit hilflosem Blick das Dix nach Peter ab und fand ihn mitten auf einem riesigen, seidenbezogenen Kissen liegend, daneben Patrick. Er schien sich zu amüsieren, gestikulierte wild in der Luft herum und erschlug hin und wieder einen unsichtbaren Gegner um sich herum. Zweifellos eine seiner Boxgeschichten, hörig verfolgt von ein paar Anderen, die sich dazu gesellt hatten. Er sah mich und freute sich, lachte und drohte zum Spaß mit der Faust, sodass auch ich lachen musste.

    «Und du bist bald fertig, ja?», versuchte ich es noch einmal in gutem Willen.
    «Jawohl!», raunte Mike und verdrehte die Augen.
    Er hatte ein Stadium erreicht, indem er sogar die Kontrolle über seine Augäpfel verloren hatte, sodass sie jetzt in ihren Höhlen hin und her kugelten. Ich konnte kaum noch vor Lachen. Sein Kopf fing an, abwechselnd auf seine linke und rechte Schulter zu fallen, je nachdem, von wo aus er ihn wieder in die Aufrechte zu rücken versuchte. Seine Zunge war schon längst zügellos und versuchte krampfhaft eine angenehme Lage im Mundraum zu finden.

    Ich sah wieder zu Peter. Er hatte Mikes Show bemerkt und Patrick darauf aufmerksam gemacht, die, an ihr Tonic geklammert, vor sich hin kicherte.

    «Weißt du?», lallte Mike wieder, «Ich hab die Schnauze voll von der Uni, ja?»
    «Nachvollziehbar. Gewissermaßen», sagte ich.
    «Das glaub ich dir.», prustete er laut, «Dir auf jeden Fall!»

    Dabei hatte ich nicht einmal gelogen. Die Uni störte mich nicht im Geringsten. Sie war ein perfektes Versteck vor der Welt. Immer wieder hörte man von Leuten, die sich auf gemacht hatten, irgendetwas über die 400 Euro-Jobs hinaus zu machen, vielleicht sogar Glück, von ihrem Gestöhne, der verlorenen Zeit und den dahinfliegenden Jahren, die man erst kurz vor der Rente richtig realisiert.
    Aber ich hatte die Schule schon seit der achten Klasse endgültig satt gehabt. Im Schrank meiner Cousine hatte ich einen dünnen Band von Sartre entdeckt, ein bisschen darin herum geblättert und natürlich nichts verstanden. Aber trotzdem gefiel mir dieser Mann ungemein. Er gefiel mir sogar so sehr, dass ich ihn mir für meinen letzten Schlag gegen den Schulmammon bereit gelegt hatte, indem ich mein erstes Gedicht gleich im Deutschunterricht zu Uraufführung gebracht hatte. Sein Titel: Nichts, nicht wenig inspiriert von meinem Vordenker. Ich hatte lange geübt, einfach überhaupt nichts zu sagen und mir gnadenlosen Beifall seitens meines Auditoriums erhofft, als ich nichts sagend und still ein paar Minuten vor der Klassen herum stand und meiner Eins plus entgegen sehnte. Die zu erwartende Sechs hatte ich dann doch nur dadurch zu Fünf machen können, dass ich erklärte, es wäre normalerweise viel länger, nur hätte es an der Aufregung gelegen.

    Vielleicht war mir Peter auch nur schon wieder einen Schritt voraus gewesen, dachte ich, indem ich Mike kritisch betrachtete, der meinem Gesicht ebenso wie einer Alkoholvergiftung verdächtig nahe gekommen war. Vielleicht ist es manchmal das Beste, einfach jenen zu vertrauen, die es gut mit einem meinen.

    «Wir schwenken um auf Vodka, Meister.», machte ich dem Barmann klar und nickte Mike zu, der zufrieden mit meiner Entscheidung schien.
    «Nein, man! Keine Gläser!», lachte er und wischte sich die Augen.

    Schon eine halbe Flasche später waren wir bereits auf einer Wellenlänge.

ANTWORTE / SAG DEINE MEINUNG

Name (muss sein)

Mail (nicht öffentlich) (muss sein)

Website

Return to Top