The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.

  • Peer Gynt

    Von staubigen Texten und nicht Zeitgemäßem hört man die Feuilletonisten und Theaterkritiker oftmals reden. Manchmal haben sie auch ganz recht damit. Und das, obwohl der Urstoff der meisten Erzählungen, Gedichte, Dramen und Romane noch immer derselbe geblieben ist: Liebe, Tod, Erkenntnis, Gott. Dann liegt es bei den Intendanten und Filmemachern, den alten Stoff so aufzuarbeiten, dass auch der Zuschauer von heute noch Gefallen daran finden mag. Eben so geschah es just mit Peer Gynt, dem dramatischen Gedicht von Henrik Ibsen, dem so genannten Faust des Nordens.

    Peer Gynt lebt buchstäblich in seiner eigenen Welt. Weil er seine recht armselige Existenz als armer Bauernsohn nicht einsehen will, erfindet er sich eine komplett neue Realität. Die heruntergekommene Behausung ein Palast, die Welt eine Gegend, bevölkert von Fabelwesen, sein dahingeträumtes Leben ein einziges Abenteuer und er selbst König über allem. Peer macht sich um nichts Gedanken und lebt die Tage, wie sie kommen. Er tut, was immer er will. So entführt er die Braut eines Anderen und lässt sie kurz darauf wieder fallen, so macht er Eheversprechen und zieht immer kurz bevor es drauf ankommt seinen Kopf aus der Schlinge, indem er einfach schier vogelfrei weiter zieht.

    Vom dem Urstoff findet sich in Peer Gynt alles, was man sich wünschen könnte. Die Geschichte erzählt episodenhaft von der inneren Zerrüttung des Protagonisten Peer, der glaubt, sein Selbst zu suchen, doch ihm in Wirklichkeit immer nur vor eben seinem Selbst davon läuft. Zum Faust macht ihn sein stetes Suchen und der Kampf gegen den Teufel, den Knopfgießer, der über das Leben die so wunderbare Metapher vom Knopfgießen zu erzählen weiß:

    DER KNOPFGIESSER:
    Ein Brauch, alt, wie die Erschaffung der Schlange; -
    Damit, was ein Wert, auch zur Geltung gelange.
    Du kennst ja das Handwerk, - weißt wohl, daß oft
    Ein Guß mißraten kann, unverhofft.
    Oft werden die Knöpfe ösenlos.
    Was tätest Du da?

    PEER GYNT:
    Ich würf’ sie beiseite.

    DER KNOPFGIESSER:
    Jawohl; Jon Gynt war im Wegwerfen groß,
    Solang’ sich noch Geldsack an Geldsack reihte.
    Der Meister aber faßt’s anders an -
    Und bleibt auch darum ein sicherer Mann.
    Er wirft nichts weg, als schlechthin verächtlich,
    Was irgendwie noch als Rohstoff beträchtlich.
    Du warst nun gedacht als ein blinkender Knopf
    Auf der Weste der Welt; doch die öse mißlang.
    So mußt Du denn, Freund, in den Ausschußtopf -
    Und nimmst wieder in die Masse den Gang.

    Die Problematik, man selbst zu sein, steht bei diesem Werk im Mittelpunkt. Peer aber ist sich, so der genaue Gegenpart, sein ganzes Leben lang nur selbst genug. Er zieht rastlos hin und her, ist nirgends stetig und träumt sich seine Probleme einfach schön, um sie nicht anerkennen zu müssen. Und nur seine Angst vor dem Tod, die ihn in der Gestalt des Knopfgießers immerzu begleitet, die ihm anhaftet und die er nur durch einen Halt im Leben erträglich machen könnte, kann er niemals leugnen. Denn er findet nirgendwo Halt, sei es, weil er ihn nicht anerkennt, vor ihm weg rennt oder er ihn wirklich nicht zu greifen bekommt.

    Peers Einsicht erfolgt erst am Ende seines Lebens, indem er sich an einer besonders schönen Stelle selbst mit einer Zwiebel vergleicht, die zwar mit vielen Häuten, Gesichtern und Facetten, aber ohne wirklichen Kern, ohne eigene Persönlichkeit daherkommt, also mehr dahinlebt als ist und sich vielmehr selbst genügt, als etwas zu werden und dies schließlich zu sein und zu bleiben. Er muss erkennen, dass er vor lauter Suchen den Grund seines Suchens verloren hat:

    (Peer Gynt kriecht im Gehölz umher und sammelt wilde Zwiebeln.)
    [...]
    PEER GYNT:
    Du bist kein Kaiser; du bist eine Zwiebel.
    Jetzt will ich dich einmal schälen, mein Peer!
    Es hilft dir nichts, stöhnst du auch noch so sehr.
    (Nimmt eine Zwiebel und pflückt Haut um Haut ab.)
    Da liegt die äußre, zerfetzte Schicht; -
    Der Gescheiterte, der um sein Leben ficht.
    [...]
    Das hört ja nicht auf! Immer Schicht noch um Schicht!
    Kommt denn der Kern nun nicht endlich ans Licht?!
    (Zerpflückt die ganze Zwiebel.)
    Bis zum innersten Innern, - da schau’ mir einer! -
    Bloß Häute, - nur immer kleiner und kleiner. -
    Die Natur ist witzig!
    (Wirft den Rest fort.)

    Regisseur Janson transferierte das Geschehen vom Theater auf die Leinwand, besser gesagt nach Peenemünde auf Usedom. Er schuf Bilder, die aus einer ganz anderen Welt, eben einer wie Peers zu kommen scheinen. Er ließ Robert Stadlober die Hauptperson sein und gab ihm so den nötigen modernen Anstrich, um ihn als einen Bohémien zu zeichnen, der uns wieder und wieder sympathisch wird, dem wir nur zu gern in seine Träume folgen würden. Janson brachte das Stück in die heutige Zeit und riss es gleich wieder komplett aus der Zeit heraus. Handlung und Atmosphäre sind so losgelöst von allem, dass man sich nur noch zurücklehnen, genießen und mitsehnen kann. Und man kommt nicht umhin, immer wieder wemütig und gerührt zu sein, wenn Peer zu Karoline Herfurth als Solvejg und Susanne-Marie Wrage als Aase, den beiden großen Ruhepolen seines Lebens, zurückkehrt, um wieder einen Schnitt zu machen.

    Ausnahmsweise:


    YouTube direkt

    Theaterfilm von Uwe Janson
    Nach der Vorlage von Henrik Ibsen
    Deutschland 2006

    Regie: Uwe Janson
    Darsteller: Robert Stadlober, Susanne-Marie Wrage, Karoline Herfurth, Kathi Angerer, Max Hopp, Ulrich Mühe, Henny Reents, Patrick Güldenberg, Bernhard Piesk
    Länge: 81 min
    Start: 14.12.2006

    Text zitiert nach Projekt Gutenberg.

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