The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.

  • Vladimir kam aus Moskau und war russischer Austauschstudent. Wie ich studierte er Wirtschaft, nur mit dem Unterschied, dass er es mit der Fächerwahl ernst gemeint zu haben schien. Ein Semester lang sollte er bleiben, währenddessen er ein paar Vorlesungen hören und später durch einige der ansässigen Konzerne tingeln, um ein wenig Praxisluft zu schnuppern.

    All das hätte mich gar nicht interessieren müssen, wenn es nicht eines Samstagvormittags an der Tür geklingelt und Vladimir davor gestanden hätte. Anfang April. Im dicken Pelzmantel, eine Flasche Wodka vor meinem Gesicht schwenkend.

    „Strasdwuij!“, rief er und tippte auf das kleine Schildchen neben der Tür.
    Ich war völlig perplex. War der Kerl wahnsinnig? Es war frühmorgens. Vielleicht acht. Voll befreit von Anstand und Stilbewusstsein stand ich in Boxershorts und Socken an der Tür, glotzte ihn an und tat ansonsten gar nichts. Das Sprechen war noch nicht so weit. Ebenso wenig das Denken.

    „Du Drei Null Sechs!“, setzte er nach.
    Ich kapierte nichts.
    „Poka“, sagte ich automatisch.

    Die letzte Nacht war lang gewesen. In diesem Zustand hätte ich wohl kaum ohne größere Probleme meinen Namen schreiben können. Dass dazwischen genau die Russischstunden aus der Schule wieder auftauchen mussten, verwunderte nicht nur mich, sondern auch Vladimir.

    „Poka!“, brüllte er euphorisch, riss mich an seine Brust und brabbelte irgendetwas Unverständliches, während er mich zur Seite schob und schonmal in Richtung Küche stolzierte.

    Ich setzt mich zu ihm und starrte ins Leere. In meinem Kopf kreiste nichts Anderes als zwei Worte, „Zu früh!“, und um ihn herum einige winzig kleine Fliegen.
    Peter hatte es nicht für nötig gehalten, den Bioabfall mitzunehmen, als er gegen sechs Uhr zu irgendeinem Kampf aufgebrochen war, sodass er schon halb zu leben begonnen hatte. Vor fünf wäre er nicht wieder da, hatte er gesagt.
    Seit ich im Zimmer war, schienen die Fliegen es mehr auf mich abgesehen zu haben als auf den Abfall. Wahrscheinlich roch ich so gut. Ich griff mir das erstbeste Buch in der Nähe und hämmerte es mit einigen Flatterviechern darunter mürrisch gegen die Wand. Fruchtfliegen mit Tolstoi erschlagen. Eine geballte Ladung Krieg und Frieden.

    Dieser Tandemscheiß! Jetzt fiel es mir wieder ein. Gleich zum Beginn meines Studiums hatte ich mich aus einer Laune heraus im Sekretariat für dieses verdammte Projekt angemeldet, bei dem jeder ausländische Student nach Bedarf einen deutschen Tandempartner zur Seite gestellt bekommen konnte, damit er ihm die Gegend zeigen und ihn durch die Uni schleppen könnte. Aktion für Einsame. Ich konnte ja nicht ahnen, mit Peter einen Glücksgriff unter den Mitbewohnern zu machen. Bezahlt wurde das Ganze natürlich mit nichts als gutem Willen. Lohn sollten die „einmalige Erfahrung“ und „Möglichkeit des kulturellen Austauschs“ sein. Wie blauäugig man doch als Ersti ist.

    Aber was tut man nicht alles…

    Vladmimir fühlte sich bereits wie zu Hause. Eine Schnapsidee. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn gleich nachdem er sich seines Mantel entledigt hatte, knallte er mit viel Schwung den Wodka auf den Tisch.
    „Iiich Bruder Tandem!“, lachte er, setzte an und zog etwa ein Viertel des Flascheninhalts mit einem Mal weg.
    Das war respektabel, dachte ich und nippte nur an der Flasche, die nichtmal ein Etikett hatte und härter roch als mein Rasierwasser.

    Nachdem er etwa die halbe Flasche intus hatte und mir immer wärmer wurde, fingen wir an, uns in einem Mix aus Deutsch, Russisch und Englisch bestens zu verstehen. Vladi, wie ich ihn nur noch nannte, erzählte mir von Moskau und Russland. Sein Vater war ein neureicher Industrieller, der alle Welt mit Erdgas belieferte. Vladimir hatte seine eigene kleine Suite in einem noblen Hotel, mitten in der Moskauer City, von wo aus er sich regelmäßig im chicen Daimler zur Uni chauffieren ließ.

    „Wo du hast hübsche Freundin?“, fragte er.
    „Hä?“
    „Iiich suche hübsche deutsche Mädchen.“, erklärte er und gestikulierte nebenbei seine Absichten. Mächtiger Vorbau, Haut, weiß wie Milch und dunkle Haare.
    „Du suchst Schneewitchen.“

    Wir verabredeten uns für den Abend und ich bugsierte ihn vor die Tür. Er wollte das hiesige Nachtleben kennen lernen und hatte sich nicht davon abbringen lassen, es auf einen anderen Samstag zu verschieben. Keine Chance zur Flucht.
    „Du zeigen, iiich zahlen!“, sagte er und klatschte sich fahrig auf die vom Portmonee weit ausgebeulte Innentasche seines Mantels. Dann war er weg. Fürs Erste.

    Der hat Nerven, dachte ich, an die Tür gelehnt. Kreuzt hier einfach auf und zerschmettert meine ganzen Vorhaben! Zwar hatte ich überhaupt nichts vor, aber hier ging es ums Prinzip! Aber was sollte er auch machen. Er hatte nur das in Anspruch nehmen wollen, was ich beim Studentenwerk angeboten hatte. In irgendeiner seltsamen Laune. Und immerhin, „Du zeigst, ich zahle“, das hörte sich doch vielversprechend an.

    Punkt acht klingelte es. Vladi war da und machte keine Anstalten, noch lange warten zu wollen und blieb gleich unten. Peter, dem ich die ganze Geschichte schon erzählt hatte, grinste nur ein wenig. Ihm war nicht wirklich zum Lachen zu Mute, nachdem er seinen Kampf zwar bravurös gewonnen, der Rest der Mannschaft aber „gnadenlos vernichtet“ worden war, wie er sagte. Mir sollte es ja nur recht sein, nicht auch noch von ihm die übliche Häme einstecken zu müssen.

    Vor der Haustür wartete ein Typ in Anzug und zeigte auf eine dunkle C-Klasse vor der Treppe, aus deren Fenster Vladi schon winkte.
    „Hab ich gedacht besorg ich schöne Auto für Fahrt!“, rief er fröhlich.
    Ach du scheiße, dachte ich.
    „Die lachen uns aus!“, versuchte ich ihm zu erklären, „Wo willst du hin?“
    „Schönes Disko!“
    „Vergiss es. Nicht im Maßanzug.“

    Während wir uns sinnlos durch die Gegend fahren ließen, blätterte Vladi fahrig in seinem Studienführer, der auch die üblichen Clubs und Kneipen auflistete. Immer, wenn er glaubte, einen ansprechenden Namen gefunden zu haben, kehrte die Vorfreude wieder in sein Gesicht. Aber ich wiegelte alles ab. Keine Chance. Ich würde mich nicht in solch einem Auto, gemeinsam mit einem Kerl in seidenen Anzug, zum Affen machen.

    Da kam mir eine Idee. Seit dem ersten Tag an der Uni lief mir ein Ukrainer hinterher, neben den ich mich zufälligerweise in einem Seminar gesetzt hatte. Er hieß Igor und war schon weit über die 30 hinaus, hatte früher in einem Atomkraftwerk gearbeitet, was man ihm irgendwie ansehen konnte, und war vor ein paar Jahren nach Deutschland gekommen, um zu studieren und danach „etwas für seine Rente zu tun“, wie er es mir immer und immer wieder erklärte, wenn ich ihm über den Weg lief. Zigmal hatte er mich zu sich eingeladen, in ein Wohnheim, das fast vollständig in russischsprachiger Hand war, und nie war ich vorbeigekommen. Sollte sich doch Vladi mit ihm anfreunden, zwei Fliegen mit einer Klappe sozusagen.

    Ich hätte es ahnen sollen, dass es eine schlechte Idee war. Ein ganzes Stockwerk voller befreundeter Russen, Ukrainer und Kasachen, die den Wodka pullenweise in ihren Badewannen deponierten. Vladis Welt. Und ich mittendrin.

    Gleich nachdem wir die ersten drei Leute wach geklingelt und uns zu Igor durchgefragt hatten, ging es schon los. Sie machten sich nicht mehr die Mühe, den Wodka zu mischen oder wenigstens aus kleinen Gläsern zu trinken, sondern schütteten sich dieses klare Zeug, das nicht einmal mehr nach strengem Wodka, nur nach astreinem Alkohol roch, in stinknormalen Gläsern in die Köpfe, immer begleitet vom „Trink, trink!“, Vladis und Igors.

    Sie besorgten einen großen Topf Pelmeni und rührten dazu einen Schwung klebrige Smetana an. Plötzlich schien das halbe Haus auf den Beinen zu sein. Feiern, warum auch immer, denn außer Igor schien niemand so recht zu wissen, wer wir waren und was wir bei ihnen wollten, das passte ihnen allen trotzdem vorzüglich in den Kram. Wir wurden wie Könige behandelt und ich wusste nicht warum. Erst ein wenig später bemerkte ich, wie Vladi hier und dort jedem, der ihm fröhlich zuprostete oder freundlich auf die Schulter klopfte, einen kleinen Geldschein aus seiner Tasche zusteckte.

    Pünktlich nach einer Stunde war ich halbtot. Ich ließ mich unter den Tisch der Gemeinschaftsküche sinken und kuschelte mich in der warmen Vorfreude ein, sicher auch irgendwann wieder einmal zu Hause in meinem Bett zu liegen und dieses Delirium endgültig ausstehen zu können.

    Aber die russischen Lieder und das Gegröhle, das Anstupsen von wildfremden Schuhen und das dazugehörige Gelächter über meine schnelle Aufgabe ließen mich nicht schlafen. Erst, als ich mir alles durch den Kopf gehen lassen konnte und den halben Abend auf dem Fussboden in Richtung der zwei Fenster verteilte, schlief ich wie ein Baby.

    „Gute deutsche Essen.“, schloss Vladi, als er sich das letzten Stück seiner Wurst in den Mund schob.
    Wir hatten an einer kleinen Brastwurstbude gehalten, die er während der Fahrt entdeckt hatte. Bratwurst, das ist so ein magisches Wort für alle Ausländer. Bratwürste sind Deutschland. Ich wusste nicht, wie spät es war und wie lange wir bei Igor geblieben waren. Es war mir völlig egal. Egal, was sie alle denken würden, egal, was ich getan oder was sie mit mir getan hatten. Aber die kühle Luft regelte Einiges. Das aufbrausende Fieber, den Kater vor dem womöglich viel schlimmeren Kater und den Brechreiz, jemandem in diesem Zustand auch noch beim Essen zusehen zu müssen.

    Ich sagte nichts. Ich hatte nicht einmal eine Wurst gegessen. Es hätte nur fatal enden können. Stattdessen saß ich neben Vladi, der sich genüsslich den Mund abwischte, in diesem blinkenden Benz und wusste nicht so recht, wie ich den weiteren Abend überstehen sollte. Alles schmeckte nach Galle und Smetana, obwohl ich nicht mehr recht wusste, was meinem Magen mehr geschadet hatte.

    „Du fragst dein Mitbewohner, ob sie haben Lust mit mir zu fahren.“, fragte Vladi auf seine eigentümliche Art, als ich die Stufen zur Tür hinauf schlürfte und nach meinem Schlüssel suchte. Er hatte mich gleich danach nach Hause fahren lassen. Das Einzige, wofür ich ihm wirklich dankbar sein konnte.
    „Ja ja.“, sagte ich, stieg in den Aufzug und sagte niemandem irgendetwas. Ein, zwei solcher Ausflüge noch, und ich würde kläglicher als Janis Joplin und Jim Morrisson gemeinsam dahingehen.

    Den reichen Russen Vladimir habe ich nach Schließen der Aufzugtüren nicht wieder gesehen. Etwas später, als ich mein Tandemangebot annulieren wollte, erfuhr ich dann im Sekretariat, dass er sich einen anderen Partner hatte zuweisen lassen.
    „Weil er näher bei ihm wohnen soll.“, steht hier, sagte die dicke Tandemfrau hinter ihrem Tresen.
    Näher bei ihm. Pff. Ich wusste ja, woran es gelegen hatte. Und wen er sich ausgesucht hatte. Integration gescheitert.

    Ich war ihm einfach nicht Russe genug gewesen. Gut so.

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