The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.

  • Der Zeitplan für das Bauvorhaben direkt vor meiner Wohnungstür war sowieso im Eimer. Aber außer mich und ein paar genervten Nachbarn, deren Schwerhörigkeit noch nicht dahingehend ausreichte, zwei gleichzeitig ratternde Presslufthämmer überhören zu können, störte das in unserem Aufgang niemanden. Ausgerechnet an den Wochenenden versuchten die Bauarbeiter nun die bisher aufgeschobenen Arbeiten nachzuholen.

    Da an Schlaf keineswegs zu denken war, solang mir das Knattern mit jedem Atemzug in die weit geöffneten Gehörgänge drängte und ich mich beim ersten Nachsehen am Fenster eh ans Tageslicht gewohnt hatte, beschloss ich ganz einfach wach zu bleiben. Wach, was heißt schon wach, wenn man vor vier, fünf Stunden irgendwie, noch voll bekleidet in sein Bett gefallen war und der über Nacht gewachsene Kater im eigenen Kopf Hasstiraden auf Wein und Tabakwaren singt? Es heißt, dass man vielmehr gähnend dem Mittagessen entgegen dämmert und hoffentlich die Zeit bis dahin auf einer Einstiegsdroge aus Kaffee und Aspirin und einer kalten Dusche übersteht.

    Die Arbeiter grüssten mich, als ich im Bademental und Boxer Shorts die Zeitung aus einem der Briefkästen zog, so wie ich es immer tat, wenn mir nach Nachrichten zumute war. Mir war an diesem Morgen ganz und gar nicht danach zumute, aber alles, was mir in der Wartezeit auf die Wirkung der Tablette etwas Ablenkung vom Dröhnen der Hydraulikpumpen versprach, sollte mir nur recht sein.

    Am Küchentisch die erste Zigarette. Ich blätterte durch die Seiten und klammerte mich mit meinen Augen wahllos an Buchstabenkombinationen fest, die wahrscheinlich Wörter darstellten. So flog ich mit dem Blick durch die Artikel der Titelseite. Es hätte der Weltuntergang prophezeit werden können und ich hätte es nicht einmal registriert. Wie die pubertierenden Mädchen ihre Gesichter an Schaufensterscheiben der Szeneläden platt drücken, sodass man bangt, dieser leuchtend gelbe Vulkan auf ihrer Stirn könnte direkt am Glas explodieren und einen dicken Tropfen daran zurück lassen, so schaute ich wie abgetrennt von allem auf die Zeitung. Weit weg von ihr und meinen Händen, deren Sensoren keinerlei Signale an mein Hirn zu schicken schienen und mich somit gefühlloser als Robocop und lethargischer als die damalige Regierung zurückließen.

    Die Zigarette war überhaupt keine gute Idee gewesen. Zu dem dicken Vorhang, der sich an diesem Tag einfach nicht aus meinem Sichtfeld entfernen lassen wollte, gesellte sich bald eine milchige Färbung, wie sie Brillenträger in der Sauna stets beklagen. Dazu kam Schüttelfrost wie in jenen Nächten, in denen man stolz behauptet hatte, dass fünf Grad Außentemperatur bei einer Körperwärme von sechsunddreißig Grad rein rechnerisch vollkommen erträglich seien und sich trotzdem fast zu Tode gefroren hatte. Nur um mit blauen Zehen und Fingern stolz verkünden zu können, dass es so schlimm ja gar nicht gewesen war. Und zu allem überfluss musste es natürlich noch an der Tür klingeln. Ich schnürte den dünnen Gürtel des Bademantels enger und summte mich gerade in Stimmung, um einen lebensmüden Bauarbeiter so richtig schon abzufertigen, als ich die Tür mit vollem Schwung aufriss und T vor mir stehen fand.

    »Geht’s dir gut?« fragte er mich, obwohl das eigentlich mein Text war.
    »Das ist eigentlich mein Text, oder?« gab ich zurück und deutete mit einem kurzen Nicken von den fleckigen Knien seiner Hose hinauf zu den dunkelbraunen Augenringen, die in Farbe und Klebrigkeit Ts Haare nachzuahmen schienen.
    »Auch wieder wahr.« sagte er. »Aber ich dachte …«
    »Jaja, komm rein.«

    Als wir uns auf meine just bei der Wohlfahrt für zwanzig Mark neu erstandene Couch gesetzt hatten und ich ihm die offene Zigarettenschachtel mit dem Fingerzeig, er solle sich ruhig bedienen, gezeigt hatte, hätte ich fast schon einen dämlichen Spruch losgelassen. Aber einem Mann, der die Beine überkreuz und die Hände gefaltet im Schoss hält, dachte ich, sollte man nicht unbedingt noch vorsätzlich auf den Schlips treten. Auch wenn ich, wie ich in meiner Situation fand, allen Grund dazu gehabt hätte. Schließlich befand ich mich in der Gewalt einer autonom agierenden Bauarbeiterbande, die mich nunmehr seit mehreren Wochen Tag und Tag terrorisierte. Und trotzdem tat ich es nicht. Er schlug sogar Kaffee aus. Ungewöhnlich.

    »Mensch …« begann T, »Hmm …« und er ließ es vorerst bleiben. Wie in schlechten Kinofilmen, bei denen sich meine Nervosität mit jeder Minute steigerte, sodass ich in der letzten halbe Stunde längst dazu überging, an meinen Fingernägeln zu knabbern, biss ich mir jetzt schon gedanklich abwesend voll ins Fleisch. T viel es schwer, überhaupt einen Anfang zu finden. Das ist überhaupt das schwierigste, dachte ich. Den Anfang finden. Wie auf einer großen Rutsche. Ein Anstoss, der Rest geht von allein.

    Dann aber sah er mir plötzlich starr in die Augen. Ich weiß nicht, ob es so eine Art Schock oder nur ein Alles oder nichts! war.
    »K ist weg.«, sagte er.
    »Wie, weg?« Ich gab mir im Stillen eine Schelle für diese Frage. Was kann man daran schon falsch verstehen. Wenn sie zum Bäcker gegangen wäre, hätte er sicher nichts gesagt.
    »Na weg eben. Hat ihre Sachen gepackt. Reicht, meint sie.« Er versuchte verkrampft zu lächeln, erkannte aber wohl selbst, dass es ihm nicht sonderlich gelang und ließ die Träne los, die er bis dahin noch mit aller Kraft an seinem Auge gehalten hatte.

    K und T hatten sich nachts mitten auf der Straße kennen gelernt. Und so unglaublich ihre Geschichte klang, von einem der einfach auf der Straße einen anderen Menschen anspricht, um ihn zu sagen, dass er ihn attraktiv findet, so unglaublich verlief auch beider Beziehung. Man könnte wirklich sagen, dass sie durch Himmel und Hölle gegangen waren. Zumindest habe ich nie wieder ein Paar gesehen, dass sich selbst im Nichtstun noch einig war. Ebenso wie sie sich wegen nur einem Satz fast hätten umbringen können.

    »Ach.« sagte er. Ich bin eigentlich nur gekommen, um zu fragen, ob du mir beim Umzug helfen kannst. Nächste Woche muss ich aus der Wohnung. Eine neue Bude such’ ich selbst. Aber tragen helfen wäre sehr gut.«
    »Klar.« antwortete ich und hielt ihm noch einmal die Kippenpackung hin. Er nahm sich bereitwillig grinsend eine Kippe, steckte sie in die Brusttasche seines Jacketts und klopfte mir auf die Schulter.
    »Bist in Ordnung.« sagte er. »Wusste ich doch, wo ich hingehen kann, damit es mir besser geht.«
    So langsam begriff ich, worin meine Qualitäten lagen. Ich war ein Zuhörer, kein Gut-Zureder. Also machte ich auch keine Anstalten, einer zu werden. Zwar verstand ich immer noch nicht, was ich getan hatte, aber ich beließ es besser dabei. Solang sie dir trotzdem danken, ist es wohl in Ordnung, dachte ich.

    Als er unten auf die Straße kam zündete er sich die Zigarette an und schien erleichtert. Dabei hatten wir eigentlich nichts gesagt. Vielmehr kam es mir vor, als hätte er seine Gedanken bei mir abgeladen. Ich konnte einfach nicht aufhören darüber nachzudenken, während er schon fast beschwingt um die Ecke bog und wasweissichwohin schlenderte.

    Eine komische Zweisamkeit, die irgendwie immer isoliert von allem Schlecht in der Welt bestanden hatte. Als ob sie unangreifbar gewesen waren. Meine Beziehungen beschränkten sich nie auf lange Zeiräume, begannen heftig und endeten schnell. Normal eben. K erzählte mir oft, dass es eine Hassliebe sei, die beide zusammenhielt. Dass es nicht so einfach sei und auch nur Sekunden davon wirklich das Allerbeste waren. Der Rest war irgendwie nur Liebe, meine T.

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