The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.
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Warum ich eigentlich ganz normal bin
Steffen und ich stehen im Shuttle-Bus, der uns zum Messegelände bringen soll. Während er sich über die dreisprachige Ansage der Haltestellen amüsiert, habe ich Angst. So müssen sich Tokio-Hotel-Fans fühlen, denke ich: unverstanden, hilflos, eingeklemmt zwischen Teenies und deren Eltern, gefangen in einer fremden Welt.
Vor mir steht ein Mädchen in rotem Mini und Netzsstrümpfen, das mir von Zeit zu Zeit unruhig auf die Füße tritt. Da sie auf Steffens Einwurf «Füßeln is nich!» nicht angemessen reagieren will, muss ich mir einen Rest Selbstachtung bewahren und versuche zurückzutreten. Als ihre Mutter es bemerkt, will sie wissen, ob ich Probleme habe. Aber ich finde, dass ihr Kind weit größere Probleme haben muss und erkundige mich, ob es vom Rückwärtslesen der ganzen Mangas und eventuell darin versteckten, satanistischen Botschaften käme, dass ihr Kind so herumlaufe.
Hinter mir steht ein vor sich hin grinsender Spanier, der irgendwann angefangen hat, mir beiläufig den Rücken zu kraulen, dabei ein konstantes Rrrrrrr von sich gibt und erst damit aufhört, als ich ihn süßlich seufzend darauf hinweise, dass dies meinen Exzemen am Rücken wirklich sehr gut täte.Obwohl ich mich mittlerweile voll auf Klischee-Terrorist getrimmt habe, mich nicht mehr rasiere, ausschließlich weite, wallende Kleidung und hin und wieder Turban trage, werden wir am Eingang wider Erwarten nicht einmal durchsucht. Schöne neue Welt, denk ich. Im Gegenteil, man drückt uns überdimensionale, prall mit Müll gefüllte Taschen in die Hand und lässt uns ziehen. Es gibt nicht einmal ein lausiges Security-Männchen in der gesamten großen Glashalle. Steffen wird unruhig und sucht verzweifelt nach Kameras, an die er sich bezüglich dieses Mankos wenden kann. Als er fündig wird, versucht er es laut und deutlich:
«Was mach’ ich jetzt mit den 15 Kilo Sprengstoff in meiner Tasche?»Als wir über eine der großen Treppen auf Höhe der Halleneingänge gekommen sind, begegnet uns die erste Welle komischer Wesen. Eine Gruppe quietschender Mädchen drückt sich an uns vorrüber, ich bin sprachlos. Vielleicht vierzehnjährige Mädchen mit ausladenden, bunten Haare und Katzenohren auf dem Kopf, dazu die Gesichter voller Schminke, die sie sich mit ihren kleinen Wurstfingern bereits mehrmals breitgewischt haben. Sie nennen sich Ju, Ri, Hiko und dergleichen.
«Cosplay!», erklärt Steffen, «Cos — play!»
Ich wäre damals auf dem Schulhof für so etwas noch verprügelt worden, denke ich.
«Das passiert mit den Kindern, wenn man Killerspiele verbieten will!»Nur ein paar Meter weiter unterhalten sich am Arte-Stand zwei in bunte, wild zusammengeflickte Stofffetzen gehüllte Gestalten und Steffen begreift sofort: «Ökos!». Wir gesellen uns zu ihnen. Sie sprechen über die Emanzipation des Menschen von der selbst aufoktroyierten Hygiene:
«Wiesso sollt isch misch woschen, wenn isch nee vor hob, mei Haus zu verlossn?»
«Nu, weil… Isch weeß ne.»
«Siehsde! Weeßte wos? Ich wasch me gor nee mehr! Wäscht man sisch nee nur, um andern Leudn zu gefolln? Is des nee sowwas wie… Underdrüggung?»
«Underdrüggung, genau! Aber, wenn’s wie inner Schule wär, dass man nisch für de Lehrer oder de Eldern lernt, sondern für sich selber und des Lebn… »
«Sich-Woschn heißt Leben, meenste.»Sich-Waschen heißt Leben, genau. Und Leben heißt dann Freundschaft. Freundschaft ist Vertrauen. Sprache ist Glück. Glück heißt Vernunft. Schwarz ist weiß. Und Licht ist keine Farbe. Ja ja. Philosophische Probleme haben die Hardcoredenker dieser Welt schon immer zu nicht alltäglichen Verhaltensweisen inspiriert, denke ich. Da wohnte dann mancher in einem Fass, andere sprangen aus dem Fenster oder manche vergessen, dass sie früher mal bei der Waffen-SS waren.
Eins steht fest: ich muss weg.Aber die Buchmesse stellt einen vor völlig neue Probleme: Ist es ein tätlicher Angriff, wenn man sich von einem der Mangaloiden solch ein riesiges Pappmaschee-Schwert klaut und damit versucht, der Lage Herr zu werden? Ist es strafbar, wenn man schreiend mit einer Latex-Axt auf sich waschweigernde Waschweiber-Ökos losgeht und dabei japanische Beschwörungsformeln murmelt, oder ist es nur rollengerechtes Costume Play?
In Halle 5 angekommen, machen wir uns mit den Veranstaltern bekannt, die uns zum Lesen engagiert haben. Tom und die Anderen sind bereits da, gleich soll es losgehen, als plötzlich ein paar Stände weiter ein ohrenbetäubendes Geschrei losbricht. Tom rennt sofort los, wir hinterher.
«Bruce!», ruft er aufgeregt, «Bruuuce! Ick will ein Kind von dir!»
Ja, richtig, Bruce, der eigens für Germany’s Next Top Model synthetisierte Catwalk-Kasper ist gerade dabei, uns die Show zu stehlen. Irgendjemand hat ihm wohl ein Buch geschrieben, denke ich. Eine riesige Traube schwitzender Mädchen, Mütter, genervter Freunde und genervter Ehemänner drückt sich vor einer kleinen Bühne herum und beinahe jeder reckt hysterisch ein Fotohandy in die Luft, um auch ja einen Schnappschuss für die BILD-Zeitung zu ergattern.
«Bruce! Mack mick ssu dein Top Model, please!»
Aber Bruce reagiert nicht, was Tom das geschundene Poetenherz zu brechen droht. Ich fühle mich paralysiert von Bruce’ Weisheit:
«Wenn du fest an dick glaubst, ick sage dir, du kannst alles erreichen. Auck wenn du in eine Restaurante arbeitest. Wenn du glaubst fest an dick, du kannst alles erreichen!»
Ich wusste es. Auch in mir steckt in Top Model. Was habe ich bisher nur falsch gemacht? Mein Leben erscheint mir plötzlich so sinnlos. Ziellos irre ich umher und finde keinen Halt mehr. Steffen versucht mich aufzumuntern und versichert mir immerzu, ich sähe großartig aus. Aber nein, ich wünsche mir eine Schönheitsoperation.Als ich durch die Gänge stolpere, begegne ich geistesabwesend einem weiteren Phänomen, das die Buchmesse überfallen und bevölkert hat: Kinder.
Kinder lassen sie kostenlos rein, sodass sie losgelassen durch die Hallen stürmen und hilflosen Besuchern in die Beine grätschen können. Sicher machen sie das mit Absicht, denn wenn der Kunde erst einmal nicht mehr in der Lage ist, davon zu laufen, ist es viel einfacher ihm ein Abo irgendeiner abgefahrenen Astro-Illustrierten anzudrehen. Diese Kinder ziehen in marodierenden Horden von Halle zu Halle und hinterlassen nichts als Verwüstung, Hunger, Not und Verzweiflung. Möge die Macht mit dir sein, wenn du durch einen der Glastunnel spazierst und sie dir von beiden Seiten den Weg abschneiden, junger Padawan.Auf dem Weg zur Toilette erwischen sie mich schließlich. Gerade versuche ich, mich unentdeckt am Kinderparadies, dem Hauptquartier der Spielzeugmafia, in Richtung der Toiletten zu schleichen, als einer ihre wild gewordenen Kämpfer mit ausgestreckten Armen völlig frei dreht und um die eigene Achse rotierend auf mich zu rast. Schnell greife ich nach dem nächstbesten Lesestoff in meiner Nähe und erwische einen Jahresbericht des Statistischen Bundesamtes. Das wird ihm eine Lehre sein, denke ich, die Trockenheit dieses Epochalwerkes deutscher Bürokratie wird ihn aufhalten und recke ihm den Wälzer schützend entgegen.
Aber ich irre mich. Als er das Buch erreicht, zerreisst es in tausende Teile. Er erwischt mich genau mit der Faust im Schritt. Ich krümme mich vor Schmerzen. Die zweite Faust trifft mich gezielt am Kopf. Alles wird schwarz. Ich sinke zu Boden. Er ist kalt.
Nicht hier sterben, denke ich, nicht so. Aber was, wenn ich es überlebe? Ist ein Veteranenleben denn wirklich so ehrenwert? Wie soll ich diese schrecklichen Bilder jemals vergessen können? Wie soll ich je wieder ein normales Leben führen können? Und was wird meine Freundin sagen? «Kann doch jedem mal passieren!», oder was? Nein, lieber sterben. Hier und jetzt, wie ein Mann.












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