The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.

  • Seit Peter sein Vordiplom, wenn auch mit einiger Verspätung, in der Tasche hatte und nur noch an besonders ruhigen Wochenendsvormittagen an seiner Abschlussarbeit herumfeilte, sah ich ihn noch weniger als es sonst ohnehin schon der Fall gewesen war.

    «Endlich habe ich wieder etwas Zeit.», pflegte er seither zu sagen und unterschlug damit bereitwillig seine lächerlichen 18 Semesterwochenstunden der letzten Jahre. Ihn aber auf diese Wichtigkeiten, mit denen er sein neu gewonnenes Gut zu füllen vorsah, musste ich mir schnell abgewöhnen. Ihn damit zu konfrontieren, dass er seine Freizeit im Endeffekt doch nur auf das Gewohnte, das lange Ausschlafen, die ausgedehnten Tage mit Patrick und die Nächte im Delirium, wenn auch großzügiger verteilte, war keine gute Idee. Peter hatte schon immer diesen Hang dazu, sich zu schnell zu sehr aufzuregen. Und in Anbetracht dessen, dass er ja immer noch beim Boxen den Gesichtern seiner Kontrahenten eine hübsche dunkelblaue Farbe verlieh, ließ ich es lieber sein.

     

    Ich hatte ja sowieso genug zu tun. Wenn ich Peter sah, dann war das höchstens abends beim Essen oder in den wenn es darum ging, wer wieder dieses oder jenes aus dem Kühlschrank geklaut hatte. Ansonsten verbrachte ich meine Zeit wie zu jedem Semesterbeginn meistens in den Bibliotheken der Stadt, um meine Hausarbeiten so bald als möglich fertig zu bekommen und so die Aussicht auf ruhige Semesterferien zu haben.

    Einmal jedoch, ich hatte gerade mein Zettelwerk zusammengesucht und das Notebook im Rucksack verstaut und wollte soeben zur Tür hinaus, als Peter aus seinem Zimmer getrottet kam und mich anhielt.
    «Wo willst du denn hin?», fragte er. Er sah ziemlich müde aus, wahrscheinlich war er gerade erst aufgestanden. Im Hintergrund hörte ich Peters neuen Wecker tönen, die 14-Uhr-Nachrichten.

    «Wohin wohl?!», sagte ich etwas mürrisch in der Aussicht, meinen Vormittag in überladenen Bücherstraßen zu verbringen, «In die Bibliothek natürlich.»
    «Ach, man, warum gehen wir nicht was trinken?»
    «Jetzt?»
    «Ja, man.», sagte er und ich fragte mich, ob er das überhaupt ernst meinte oder es allein die Nachwirkungen einer langen Nacht waren, die ihn dazu brachten.
    «Ab nächster Woche vielleicht. Muss noch den einen Text schreiben.», sagte ich und schob mich an ihm vorbei durch die Tür.

    Ich kannte Peter nun schon ein paar Jahre, wir waren echte Freunde geworden und ich konnte mir die Reaktion, die ich zu erwarten hatte, sehr gut ausmalen. Es würde ihm nicht schmecken, ganz sicher, und er würde es an der Person auslassen, die ihm gerade am nächste wäre, also warum warten und die Bahn verpassen?

    «Arschloch!», raunte Peter vor sich hin und drückte die Tür ins Schloss, als ich die Treppe hinunter lief, und humpelte ungelenk in sein Zimmer zurück.

    Eine Zeit lang hockte er auf seinem Bett herum, schaltete sich rauf und runter durch das Fernsehprogramm und schaltete bald die Kiste aus. Die ersten Wochen hatte er es noch genießen können, für fast nichts mehr verantwortlich zu sein. In den Kolloquien gab es im Unterschied zu den Vorlesungen nicht einmal Anwesenheitspflicht, was ihn dazu verführt hatte, sich nur beim ersten Mal das Gesicht des betreuenden Professors einzuprägen und dann die Veranstaltung in seinem Kopf in der Schublade mit der Aufschrift abgehakt weiter zu verwahren.

    Jetzt aber beschlich ihn langsam der Verdacht, dass es niemanden mehr in seinem Umfeld gab, der eben so viel Zeit zum Nichtstun hatte wie er selbst. Er dachte an die Diplomarbeit, die irgendwo auf der Festplatte seines Computers herum schwirrte und dass es solche Momente wären, die er zum Schreiben hätte nutzen sollen, konnte sich aber dennoch nicht überwinden. Zu der Zeit, da er selbst noch wenigstens die paar Kurse an der Uni zu besuchen hatte und ich mich in den Büchergruften vergrub, schien es ihn viel weniger berührt zu haben. Nun aber, da selbst Patricia entweder den geistigen Ergüssen eines Professors lauschte oder mit ihren BVG-Kollegen potentiell schwarz fahrenden Freunden aushalf, hielt er es allein nicht mehr so recht aus.

    Mit einem Ruck sprang er vom Bett auf und erledigte in nahezu unwirklicher Geschwindigkeit seine Morgentoilette, auch wenn es ein wolkenverhangener Nachmittag war, warf sich in saubere Klamotten und machte sich auf. Er wollte in das nächstbesten Pub, der ihm in die Quere kam, einfach um dann wenigstens allein etwas zu trinken, während ich viel zu viele Bücher wälzte.

    Ein paar Straßen weiter hatte glücklicherweise im Jahr zuvor ein neues Pub seine Pforten geöffnet, denn obwohl Peter nichts gegen kilometerlange Ausflüge zum Joggen einzuwenden hatte, bei denen ich nur ein Mal mein Leben aufs Spiel gesetzt hatte und fast erstickt wäre, empfand er trotzdem als lästig, weiter als bis zu seinem Auto zu Fuß zu gehen. Als er den Laden betrat hatte er eigentlich erwartet, mit Verwunderung angeschaut zu werden, wie jemand schon nachmittags auf die Idee kommen könnte, ein, zwei, vielleicht zu viel Bier zu trinken. Aber der Tresen war voll besetzt und bis auf eine Ausnahme am Ende des Raumes waren noch alle Tische ordentlich aufeinander gestapelt. Hinter dem Tresen schaukelte der dicke Barmann seinen Ballonbauch zu irgendwelchen Volksliedern aus unangenehm schlechten Boxen, davor wiegten sich ein paar bärtige, alte Männer gemeinsam mit ihren Gläsern in jenes wundersame Land, in dem alle Probleme von der lieben Guinnessfee beseitigt werden.

    Peter ging langsam ans Ende der Kneipe, setzte sich an den Tisch und orderte ein Pint. Kurz darauf kam der Wirt und brachte das Bier, Peter nippte probeweise an ihm, es schmeckte bitter.

    «Hi, du sitzt an meinem Tisch.», sagte ein aschblondes Mädchen, lächelte und setzte sich Peter gegenüber. Sie musste gerade von der Toilette gekommen sein. Im Schlepptau hatte sie einen bulligen Typen. Erst jetzt bemerkte Peter, dass in der Sitzecke die ganze Zeit über schon zwei Jacken gelegen hatten, die das Mädchen jetzt beiläufig prüfend abtastete.
    «Tut mir leid.», sagte Peter, «War nichts mehr frei. Ich hab da nicht rumgekramt.»
    «Schon in Ordnung. War auch nur so. Äfter hier?»
    Er sah sich misstrauisch um und beäugte die metallenen Bierwerbungen an den Wänden.

    «Ich glaube nicht.», sagte er.

    Der Typ neben dem Mädchen saß regungslos da, beobachtete ihn, sagte aber nichts.
    «Darf ich vorstellen? Das ist Tom, mein Freund.», hob das Mädchen an, als sie Peters Verwunderung über diesen komischen Kauz bemerkte.
    «Hallo.», antwortete Peter trocken.
    «Wie geht’s?», floskelte Tom. Er war sehr groß, hatte seine schwarzen Haare nach rechts zum Scheitel gekämmt und trug ein braun-weiß-kariertes Hemd, dazu klobige Schnürstiefel.
    «Hmm.», schnaufte Peter und nahm, um nicht noch antworten zu müssen, einen Zug aus seinem Glas. Er nahm sich vor, so schnell wie möglich das Bier auszutrinken und sich dann aus dem Staub zu machen. Es war keine besonders clevere Idee, allein in solch einem Laden aufzulaufen, wenn man nicht Gefahr laufen wollte, doch bloß nicht seine Ruhe haben zu können.

    Es war keine direkte Abneigung, die Peter Tom gegenüber empfand, und doch war es etwas, das ihn reserviert werden ließ. Tom war ihm nicht ganz geheuer mit seinen breiten Schultern. Zwar war er immer noch ein Stück weit kleiner als Peter, aber allein der Gedanke, solch ein Kerl würde, wenn er anfinge Probleme zu bereiten, Anstrengung bedeuten, passte ihm überhaupt nicht in seiner Laune.

    Er versuchte so gut als möglich beschäftigt auszusehen und tat so, als würde er dem Gelalle der Typen am Tresen lauschen. Aber es half nichts. Das Bier schmeckte beschissen, das Gebrabbel der Kerle vorm Tresen ergab aus fünf Metern Entfernung noch weniger Sinn, als es wohl ohnehin schon hatte. Er fasste voller Tatendrang sein Glas und nahm wieder einen Schluck, in der Hoffnung, er würde es übers Herz bringen, es jetzt endlich leer zu bekommen.

    «Und was machst du so?», fragte das Mädchen, um die peinliche Stille zu überwinden.
    «Was soll ich machen? Bier trinken. Nebenbei schreib’ ich noch meine Diplomarbeit.»
    «Wow, Diplom!», rief sie und sah Tom an.
    «Ja, schon faszinierend.», unkte Peter. Die Sache verspricht echt etwas Besonderes zu werden, dachte er. «Und wie habt ihr beiden Hübschen euch kennen gelernt?»
    «Im Tierpark. Also, du weißt schon, der Garten da.»

    «Ja ja.», sagte Peter und konnte sein Desinteresse nicht länger verbergen.
    «Wir waren total hacke.», lachte das Mädchen.
    Klingt richtig romantisch, dachte Peter. Die wahre Basis einer tiefgründigen Beziehung.
    «Tequila ohne Gnade!», rief Tom, ballte seine Linke zur Faust und fing sich einen verachtenden Blick des Barmanns ein.
    «Oh ja.», antwortete Peter, «Und gleich am nächsten Tag bezahlt, nicht wahr?»
    «Nein nein», erklärte er und seine Freundin übernahm, «Der hat nie ‘nen Kater.»

    «Voll um die Wette gesoffen, weißt du?», fuhr Tom fort, anscheinend endlich froh, in seinem Element zu sein, «Tequila und Prosecco, mit Bier aufgefüllt, das knallt so derbe, sag’ ich dir!»
    «Kann ich mir vorstellen.», sagte Peter und holte tief Luft. Er wurde diesen Geschmack des Biers nicht los, der ihn davon abhielt, den letzten Hieb zu nehmen.
    «Und stell dir vor, siebzehn Stück davon!», rief das Mädchen aufgeregt.
    «Klasse.»
    «Sieb - zehn!»
    «Ja, rekordverdächtig.», sagte Peter, verschluckte sich und kniff die Augen zusammen.

    «Ja.», lachte Tom und freute sich.
    Als er wieder die Augen öffnete, betrachtete er stolz sein leeres Glas.
    «Alter, vier!», johlte Tom.
    «Was, vier?», krächzte Peter.
    «Vier davon hab ich schon.»
    «Wahnsinn.», sagte er und, «Ich muss dann.»

    «Wir machen auch allein weiter.», meinte das Mädchen zum Abschied.

    Als Peter wieder auf der Straße war schien die Sonne. Er fühlte sich wie ein Bergarbeiter, der nach einer harten Nachtschicht tief unter der Erde endlich wieder das Tageslicht zu Gesicht bekam und warf einen letzten Blick in das dunkle und rauchige Pub. Das Mädchen ohne Namen und Tom, der offensichtliche Held, winkten lachend. Er ging die Straße hinauf in Richtung unserer Wohnung und machte noch kurz Halt bei Dursun, dem türkischen Dönerverkäufer, der immer einen Spruch auf den Lippen hatte, besorgte sich etwas zu essen, und schlenderte weiter, als ich gerade um die Ecke bog. Ich ging, ohne ihn zu bemerken, vielleicht hundert Meter vor ihm her.

    «Hey!», rief Peter, «Hey! Bist du blind?»
    Ich drehte mich um und sah Peter grinsend mit seinem Döner in der Hand.
    «Was machst du denn hier?», fragte er, als ich näher kam.
    «Ach, keinen Bock jetzt auf die Bücher. Gehen wir was trinken.»

    Peter brach in heilloses Gelächter aus und schlug mir auf den Rücken.
    «Ne, lass mal. Wir gehen nochmal zu Dursun, ich geb’ dir ‘nen Döner aus.»
    «Wieso das auf einmal?», fragte ich verwirrt.
    «Egal.», lachte er, «Und ‘nen Tee.»

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