The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.

  • Momente, dahinzugehen, wie das Abendrot. Godspeed You! Black Emperor. Das Reißen der Geigen an der Seelenruhe, die ohnehin schon seit jeher nur ein allzu dünner und fest gespannter Faden ist. Alles, was dieses Rasen beschreibt, das unendliche Treiben, sich davonzustehlen und nur das Beste zurückzulassen, währenddessen man vollkommen einfriert.

    Getrieben vom Schlagzeug, den immerfort vibrierenden Snare drums, so wie es eben auch immer weitergehen wird. Mit der perfekten Vorahnung und der marternden Gewissheit ob des Vergangenen, den immer gleichen Weg zu gehen. Ihn vielleicht nur nicht allein zu beschreiten und dem Ganzen so etwas Licht abringen zu können.

    Wie der Schrecken Einzug ins Gesicht seiner Freundin hielt, als er ihr heimlich steckte, des Öfteren beim Autofahren vom Verlangen gepackt zu werden.
    „Und jetzt die Kurve einfach mal nicht nehmen!“
    All die kleinen Schatten. Längst überkommen. Wie alle lachten.

    Mit durchgedrücktem Rückrat den Abend bestreiten wie eine Vogelscheuche, aufrecht und doch längst schon wieder gebeugt. Wenn der Tag mit einer Sekunde zu Ende ist. Ein Schuss durch die Nacht und um die Welt zu sein, von allen erhöhrt. Bis sich die Füße wohlig wärmen und alles eine neue Färbung erhält. Mit einem Mal vermisst man sie alle. Du bist wieder da.

  • Als ich sechzehn wurde, meinte ich, dass es langsam an der Zeit wäre, mit dem Rauchen anzufangen. Sechzehn ist eigentlich kein Alter, um mit dem Rauchen anzufangen. Alle Rauchenden, die ich kannte, hatten mit zwölf oder spätestens vierzehn begonnen.
    Aber ich empfand den Anblick eines Vierzehnjährigen, der eine Kippe in seinem Mundwinkel balanciert und dabei versucht, möglichst verwegen auszusehen, seit jeher lächerlich. Da mussten wenigstens schon ein paar dunkle Bartstoppeln unter der Haut hervor schimmern, um wirklich rau zu wirken.

    Der Sommer kam zuverlässig und die Parties wurden wieder zahlreicher. Die wirklich relevanten Teile der Woche verteilten sich wieder auf Freitag und Samstag, der Rest wurde bloße Verpackung. Da das Geld für Clubs so gut wie nie ausreichte, blieben wir die meiste Zeit bei Bianca, einem recht hübschen Mädchen mit blondem Pferdeschwanz. Die hatte von ihren Eltern den gesamten Keller des Hauses ausgebaut bekommen und genügend Platz, um eine Horde von Trinkwut besessener Halbwüchsiger unterzubringen.

    Seit ich rauchte, scheuchte sie auch mich jedes Mal in den Hof hinaus, wenn ich drinnen ansetzte, mir eine Kippe zu drehen. So lernte ich zumindest Bärbel besser kennen.
    Bärbel war ein komischer Kerl. Faszinierend komisch und irgendwie einsam.
    Sobald wir nach einer halben Stunde zum ersten Mal geschlossen in den Hof drängten, um uns einzunebeln, blieb er meist für den Rest des ganzen Abends draußen stehen.

    «Das ist nix für mich.», erklärte er auf meine Frage hin, warum er nicht mit reinkomme.
    Er ging auf eine andere Schule als ich, kannte kaum einen von uns und hatte wenig Ambitionen, das zu ändern. Seine schwarzen Haare hingen ihm bis in die Augen. In einem angefressenen Anzug hätte er das perfekte Bild eines Gescheiterten verkörpert.
    «Hab einfach keine Lust, kapierst du?»
    Ein oder zwei Jahre älter war er auch. Er schwitzte viel. Sein Gesicht lief immer feuerrot an, sobald er den ersten Schluck Bier genommen hatte. Dann, wenn er grinste, zog sich seine Unterlippe so hoch, dass man mindestens genau so viel Zahnfleisch wie Zähne sehen konnte. Ich nannte ihn den Zahnfleischgrinser.

    Wenn er sich unbeobachtet fühlte, dann knöpfte Bärbel sein weißes Hemd bis zum Solarplexus hinunter auf, breitete die Arme aus und ließ die heiße Abendluft an seinem Körper entlang rauschen, als könne sie etwas von ihm mit sich in den Himmel tragen.
    Er lachte die ganze Zeit über und erzählte mir aufgeregt von seinen Erlebnissen. Aber er lachte anders, als ich es gewohnt war. Ich kam einfach nicht darauf, was für eine Art Lachen es war. Wenn man ihn schwanken sah, mit aufgeknöpftem Hemd und knallrotem Gesicht, hätte alles nahe gelegen. Wenn man die in seiner Kehle verkanntet unterschwellige Verzweiflung dabei hörte, die er Wochenende für Wochenende mit ein paar Flaschen Braunem zu lockern suchte.

    «Lass ihn einfach in Ruhe!», ermahnte mich Bianca, als ich wieder einmal zu Bärbel wollte. Sie hielt mich direkt am Hemdskragen und sah mir fest in die Augen: «Geh doch nicht auch noch zum ihm hin und hör dir seine Geschichten an! Er hat’s doch auch so schon nicht leicht. Sein Vater säuft wie verrückt und die Mutter verbringt fast jede zweite Woche im Frauenhaus. Geregelt läuft da schon lang nichts mehr. Meinst du das geht so einfach an ihm vorbei? Ich denke er braucht echt niemanden, dem er das alles noch erzählen kann.»
    «Ach», rief ich, «Und wenn er alles für sich behält, dann wird’s besser, ja?», stieß sie beseite und ging die Treppen hinauf in den Hof.

    Bärbel sah noch fertiger als gewöhnlich aus. Er lehnte im schnapsgetränkten Hemd an der Mauer und lachte wieder, er war schon völlig dicht.
    «Bin schon seit Mittag hier.», sagte er.
    «Wieso das?»
    «Mein Vater wollte meine Mutter totschlagen.», und er lachte, «Mal wieder.»
    Ich ging näher an ihn heran, um ihn zu stützten und auf den Moment gefasst zu sein, in dem er zusammensacken würde.
    «Da hab ich mich vor ihn gestellt und gesagt, er solle doch lieber mich totschlagen. Zwei Fliegen mit einer Klappe sozusagen.»
    «Und dann?»
    «Meine Mutter ist bei meiner Tante. Ich brauch noch mein Zeug. Und wenn er mich anmacht, dann knall ich ihn ab. Notwehr. Ich weiß, dass er ‘ne Knarre hat.»
    «Bist du bescheuert? Geh zu den Bullen. Jetzt gleich. Oder schlaf dich erst aus und geh dann. Kannst mit zu mir, wenn du willst.»
    Doch wo ich dachte, ein Meer aus Verzweiflung freizulegen, stieß ich längst auf eine tiefe, ausgehöhlte Grube voll Resignation.
    «Ach, ich will das heute noch geregelt haben.» Er stand wie angewurzelt da und schien nachzudenken. Er sprach nicht und war mit einem Mal sehr ernst geworden. Plötzlich kniff er die Augen zusammen, so als sei er beim Suchen auf eine besonders schmerzende Stelle gestoßen.
    Dann klopfte er mir auf die Schultern, ich hakte ihn unter und wir humpelten ins Haus, wo ich Bianca um einen ruhigen Schlafplatz für Bärbel bat.
    Der Abend endete früh.

    Am nächsten Morgen machte ich mich sehr früh auf den Weg zu Bianca, um ihr beim aufräumen zu helfen, wie ich mir einzureden versuchte. Aber insgeheim wusste ich ganz genau, dass ich nur in aller Ruhe mit ihr und Bärbel über all das reden wollte, was sie mir von seinen Eltern erzählt hatte. Mir war schlecht bei dem Gedanken, was ich alles noch über sie hören könnte.
    Bianca öffnete mir, noch immer im seidenen Schlafanzug, bat mich herein. Und noch ehe ich etwas sagen konnte plapperte sie ganz klar und schnell: «Bärbel ist tot.»
    Ich registrierte im ersten Moment noch gar nichts. Für mich schlief er immer noch ein paar Räume weiter wie ein Stein, eingesunken in Kissen und Decken, umhüllt von fetten Kopfschmerzen. Diese Wahrheit ging noch tiefer als alles, was ich erwartet hätte.
    «Hat sich erschossen. Gestern. Oder heute früh. Ist wohl nur noch dazu nach Hause gegangen. Irgendwann in der Nacht.»
    Jedes einzelne Wort schlug ein wie ein Meteor.
    «Hat er dir noch etwas gesagt?», fragte ich.
    «Dass er sich gern einmal mit mir so wie mit dir unterhalten hätte. ‘Ja ja, morgen.’, hab ich gesagt. Ich dachte doch, der schläft.», sagte sie verkrampft und versuchte die auftreibenden Tränen zu unterdrücken.
    Ich nahm sie in den Arm und ließ sie erst neun Monate später wieder los. Erst dann, als sie endgültig wieder mit einem Lächeln an ihre Freundschaft mit Bärbel denken konnte.
    «Er war total in mich verschossen. Ewig her.», erklärte sie dann lachend, «Und ich wollte ihn nicht. Aber wir sind Freunde geblieben, weil er mir gezeigt hat, wie man mit den Fingern pfeift.»

    Und ich habe mich selten wieder so beschissen gefühlt. Die Bestätigung, dass ich ihm nicht den letzten Stoß gegeben hatte gegen Bärbels verdammtes, zersprengtes Gehirn unter dem Poster der Tears for Fears. Ich hasste mich dafür, dass es mein erster Gedanke gewesen war, wer dafür verantwortlich sei. Nicht einmal Trauer. Nur verdammte Leere. Zum ersten Mal fühlte ich mich wirklich hilflos und glaubte im Ansatz nachvollziehen zu können, wie für ihn die letzte Jahre gewesen sein mussten.
    Seine Mutter folgte ihm schon kurz nach der Beerdigung.

  • Egal was auch kommen mag, es geht immer noch blöder Söder.

  • “Na Moritz, alles klar?”, fragte ich den Rothaarigen, der immer nur an den Wänden der Räume entlang ging und den sie immer wieder wegen des Vorfalls mit der Litfaßsäule aufzogen. Er war um Einiges älter als ich und das Einzige, worum er sich wirklich sorgte war sein Dreitagebart. Und trotzdem waren unsere Rollen verdreht. Es fühlte sich gerade deswegen so ungewohnt an, plötzlich Erwachsene zu bemuttern, die es gar nicht merken.

    “Nein, nein! Ich heiße jetzt anders!”, rief er aufgeregt und winkte aufgeregt mit seinen knochigen Fingern ab.

    “Wie denn?”, fragte ich und drückte ihm nebenbei einen Besen in die Hand. Er hatte sich vollauf begeistert für die Arbeit auf dem Bauernhof verpflichtet und verbrachte seither seine Vormittage damit, im Stall um die Buchten der Kühe zu achtern, wie es Daniel, der liebenswürdige Mongoloide immer nannte.

    “Nein, ich heiße jetzt Morritz.” Er bemühte sich, so amerikanisch wie die Typen zu klingen, die er aus der Malborowerbung kannte. “Weil meine Verwandten aus Amerika sind.”, erklärte er und wedelte mit seinen knochigen Fingern vor seinem Gesicht herum.

    “Ich dachte du kommst aus Itzehoe. Deine Eltern waren doch erst letztens hier!”, sagte ich und musste lachen.

    “Itzehoe, das kenn ich!”, bläkte Malte, der Zivi, vom anderen Ende der Buchte, “Ich sach dir, im Norden kriegst du viel häufiger Sackratten!” Irgendwann begann man die Schreierei, gepaart mit den vielen Sinnlosigkeiten, zu lieben. Oder man war bald wieder weg.

    “Ach, halt doch die Fresse.”, raunte das Malboroimitat Morritz und schlug mit der flachen Hand nach meinem Arm. Seit Tagen lief er nur noch im gelben Regenponcho umher, obwohl wir es Mitte Juli hatten. “Und der dumme Zivi auch!”

    “Schieb doch wenigstens mal die Mistkarre mal raus.”, bat ich und drückte ihn sachte in die Richtung der Tore.

    “Ja, man!”, brüllte er und zerrte mich bis an dieWand, von der aus er alleine weitergehen konnte.

    “Oder ich nehm dir deine Nase weg.”, rief ich.

    “Alter, Kacke! Nicht die Nase!”, schrie er und rannte wie gestochen nach draußen, “Ohne Nase sehe ich immer so verdammt scheisse aus. Und der Daniel nimmt die auch immer weg, der blöde Wichser der.”

  • Als Peter mich aufgeweckt hatte, was es schon wieder dunkel geworden. Ich hatte ihn nicht gefragt, wo er den Tag über gesteckt und was er getrieben hatte, aber seine Freude hatte ihm immer noch ins Gesicht geschrieben gestanden. Der Schlaf für mich hatte Einiges geklärt. Nichts beseitigt, aber wenigstens hatte er erst einmal alles vertrieben. Diese hässliche Mischung als Leere ob der Nachricht vom Tod meiner Tante und jener von Peters bstandener Prüfung. Mit meiner Tante war es wieder ein Mensch weniger geworden, der es gerechtfertigt hätte, nicht ganz allein auf der Welt zu sein.

    Ich hatte mich vom Bett hochgerafft und war durch durch die kleine Wohnung getaumelt. Dann einen Kaffee zum Wachwerden, ehe Peter schon wieder gedrängelt hatte. Er hatte es ernst gemeint mit seinem Satz, dass er mich an diesem Abend noch unbedingt in irgendeine Kneipe schleppen wollte. Und dann hatte er schon wieder ungeduldig in der Tür gestanden, sie immer provokatorisch geöffnet, sobald ich auch nur in ihre Nähe kam und noch einmal ins Bad abbog, damit ich auch ja mitbekam, dass er es eilig hatte.

    I can’t go on. I’ll go on. [weiterlesen ...]

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Neunzehnhundert, hier schreibt André Herrmann, Student, Schreiberling, Mitglied der Leipziger Lesebühne Schkeuditzer Kreuz und Teil des Team Totale Zerstörung, aufgrund manischer Veranlagung die meiste Zeit unaufhörlich Geschichten aus seinem noch jungen, aber bereits recht erfolgreich absurden Leben. Tagesmotto für heute:
Aufstehen, losgehen, was machen!

Geschichten, Philosophisches, Politisches und Absurdes.

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