The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.

  • »So, Schluss jetzt mit der Tipperei!«, Peter hatte meine Tür aufgerissen und stand mit seiner riesigen Sporttasche da.
    »Was soll das?«, fragte ich.
    »Den ganzen Tag nur Klack-Klack, und dann beschwerst du dich, dass sowieso nur die Hälfte brauchbar ist.«
    »Ja, und?«
    »Ja nix und! Die andere Hälfte wird dann eben anderweitig genutzt. Und jetzt pack dir saubere Klamotten für morgen zusammen und komm mit.«
    Ich hatte keine Ahnung, was er von mir wollte. Ich war mit der Zeit schon Einiges gewohnt, aber er schaffte es scheinbar immer noch, seine Aktionen zu übertrumpfen. »Was willst du?«, fragte ich genervt.
    »Man, hörst du gar nicht mehr zu? Bundesliga, morgen. Und du kommst mit.«, er zog das mit so lang, dass ich mir echt verarscht vorkam.
    »Wer sagt das?«, hakte ich nach.
    »Na ich!«, rief er und machte mit der rechten Hand eine Faust, die er sich gründlich besah. »Brauchst doch gar nix zu machen. Nur mitkommen.«
    Ich konnte es nicht ausstehen, wenn es so Schlag auf Schlag ging. Aber so war Peter. Und in gewisser Hinsicht war es ganz praktisch gewesen. Der alte Seesack, in dem ich immer meine Dreckwäsche gelagert hatte, bis ich mich bequemen konnte, zum Waschsalon zu gehen, musste für die paar Klamotten reichen.
    »Ich kauf dir unterwegs an der Tanke auch Stift und Papier.«, lachte er, als er schon einmal vorgegangen war.

    Unten an der Tür wurde es mir dann auch erst richtig wieder bewusst. Peter musste nach Hamburg. Seit er aus dem Verein der Stadt ausgetreten und für den uniinternen TuS boxte, war es mit diesem mächtig bergauf gegangen. Sie hatten es sogar in die Bundesliga geschafft. Und Peter schätzte seine neue Heimat, wie er den TuS gern nannte, sehr.
    »Die haben sogar einen Bus, mit dem sie einen überall hin kutschieren. Da kannst du auf der Hinfahrt in aller Seelenruhe pennen, und auf der Rückfahrt auch. Sogar mehr Kohle bekomme ich dafür.«
    Ich hatte nie gefragt, wieviel er bekam, aber es musste sehr ausreichend gewesen sein. Denn arbeiten ging Peter nicht. Sein Studium schien ihm als Basis für die Mitgliedschaft im TuS auch als solche zu genügen. Es gefiel ihm. Einmal, kurz nachdem Peter seinen ersten Ligakampf gewonnen hatte und wir gemeinsam auf seinem kleinen Balkon standen, sagte er mir sogar, dass es eigentlich gar keine Veränderungen mehr wollte. Es sollte am Besten so bleiben, wie es war. Und auch da hatte er nicht Unrecht. Mir gefiel es genau so gut.

    An diesem Wochenende war sein Trainer ausgefallen und hatte schon alles abblasen wollen. Aber Peter hatte sich mächtig aufgeregt und so lang auf ihn eingeredet, bis er nachgegeben und ihm erlaubte hatte, ausnahmsweise allein zum Kampf zu fahren.
    »Die Punkte schenk’ ich denen doch nicht.«, hatte Peter gesagt und damit wohl das Sportlerherz im erkrankten Trainer erweicht.

    Und so mussten wir mit dem Auto nach Hamburg fahren. Umso verständlicher war es mir dann auch, dass er einen Beifahrer haben wollte. Die vier Stunden bis dort hoch allein wären ja doch nur langweilig geworden. Nachdem Peter sich in seinen kleinen Corsa gezwängt hatte, ein Auto, dass für Menschen seiner Größe prinzipiell nur schwer zu gebrauchen war, ging es auch schon los.
    »Immer schnurgeradeaus nach schräg oben.«, sagte ich nach einem Blick auf die Karte, »So.« und ich zeigte mit der linken Hand in die Richtung, die ich meinte.
    »Na vielen Dank auch.«, lachte er schallend.

    Ich hatte das Gefühl, als durchschnitten wir die Luft wie ein Samuraischwert. Neben mir schnellte die Umgebung in einem bunten Streifen vorbei. Ich hätte zu gern meinen Kopf zum Fenster hinaus gehalten, einfach um den Widerstand zu spüren. Erst die größten Kräfte bringen einen dazu, zu spüren, dass man am leben ist.

    Die Turnhalle, in der die Kämpfe abgehalten werden sollten, sah ziemlich abgewrackt aus. Nichtsdestotrotz blieb ich eine Weile vor den vielen, schönen Graffitipieces stehen, die ringsum auf der Turnhalle angebracht worden waren. An einer Ecke hatte jemand eine riesige Dose 7-Up gesprüht, die mich daran erinnerte, dass ich seit dem Mittag schon nichts mehr gegessen, geschweige denn getrunken hatte. Jetzt war es schon fast acht.
    »Sollen wir hier auch pennen?«, fragte ich die beiden.
    »Klar.«, meinte Tim, den wir noch am Hauptbahnhof aufgelesen hatten und der Assistenztrainer der Boxmannschaft war, dröge. Es schien ihn ziemlich zu nerven, dass er vom Cheftrainer dazu verdonnert worden war, anstatt seiner selbst das Wochenende mit uns zu verbringen.
    »Du wirst dich wundern, die Mannschaftkabinen sind garantiert niegelnagelneu.«, hängte Peter an.
    Da war ich mir ganz und gar nicht sicher. Die Pieces schienen nur den abbröckelnden Putz eine Art letzte ölung verpasst zu haben, der trotzdem an einigen Stellen schon abgefallen war. Wir waren in einer riesigen Plattenbausiedlung gelandet und ich konnte mich nicht erinnern, auf dem Weg hierher eine Tankstelle oder etwas ähnliches gesehen zu haben.
    »Kriegen wir wenigstens was zu essen?«, wollte ich wissen.
    »Alles paletti, ist für alles gesorgt!«, rief Peter fröhlich, und das beruhigte mich.
    Gut gegessen ist halb gewonnen, dachte ich. Aber so richtig geheuer wollte mir alles hier trotzdem nicht sein. In den umliegenden Hauseingängen drückten sich die örtlichen Jugendlichen herum. Nichts Besonderes, schloss ich, gibt’s bei uns viel mehr, aber trotzdem nerven die. Ich hatte nie herausfinden können, wie sie sich die Hauseingänge oder Spielplätze zum Rumhängen hatten aussuchen können. Sollten sie doch lieber in eine Kneipe gehen. Sie soffen ja eh.

    »Dann mal rein in die gute Stube.«, Peter warf mir meinen Seesack entgegen und schulterte Tims und seine Tasche.
    »Ich weiß nicht, ich weiß nicht.«, stammelte ich, als wir an die dicken Türen kamen, deren Fenster eigentlich nichts als Dunkelheit zeigten.
    »Wird schon.«, meinte Tim. Er schlug dreimal mit der Faust gegen den Türrahmen.
    Klasse, dachte ich, als nach einer Minute immer noch keine Regung zu vernehmen war und wir in der Kälte herumstanden. Aber dann lugte aus einer der Seitentüren ein Kopf hervor. Glattgeschoren und wahrscheinlich zu einem richtigen Atzen gehörend, schaute er in unsere Richtung. Dann kam der Rest des dazugehörigen Körpers nach und im Näherkommen erkannte man einen Kerl von etwa Peters Statur, nur durch seine Glatze ein wenig furchteinflößender.
    »Pedder! Alter!«, rief er, als er die Tür aufgeschlossen hatte und Peter erblickte.
    »Jo, grüß dich!«, antworte Peter lachend.
    »Kommt rein, los. Hast Kumpels mitgebracht, ja?«, meinte der Riese mit einem Wink zu Tim und mir.
    »Ja ja.«

    Am nächsten Morgen wachte ich ziemlich spät auf, zumindest dachte ich das, als mir der Geruch von Bockwürstchen in die Nase stieg. Nach einigen Minuten, in denen ich mir langsam klar darüber geworden war, wo ich mich befand und wie ich hierher gekommen war, sah ich schon Peter und den Glatzkopf, der Steffen hieß, wie er sich mir am letzten Abend noch einmal vorgestellt hatte und eigentlich ein netter Kerl war, vor dem Herd sitzen und einen Topf voller Würstchen musternd. Ich sah auf die Uhr, sieben Uhr dreißig.
    »Moin, alter! Willst auch?«, rief mir Steffen gleich zu. Er gehörte zur anderen Mannschaft und sollte, zum Trotze dessen, dass ich ihn und Peter für gute Gegner gehalten hätte, nicht gegen ihn antreten. Die beiden hatten sich bei einem der früheren Wettkämpfe kennengelernt und sich gleich bestens verstanden. So langsam verstand auch ich, warum wir nicht erst am Samstagmorgen gefahren waren.

    Aber das war egal. Es war gut, mal wieder in eine neue Gegend zu kommen. Wir hatten den Abend mit vielen lustigen Anekdoten aus den ganzen Vereinen, durch die sie getingelt waren, verbracht und viel gelacht. Ich hatte auch irgendwann aufgehört, die Anzahl der Nasenbeinbrüche länger zu verfolgen und musste mich wundern, dass Peters Gesicht im Vergleich zu Steffens echter Boxervisage noch ziemlich normal aussah.

    Gegen zehn Uhr begannen dann auch die Kämpfe. Ich hatte so wenig Lust wie Peter, mir sie anzusehen und deshalb saßen wir in der kleinen Küche und warteten darauf, dass es dreizehn Uhr werden und Karls Kampf stattfinden würde.
    »Ich hab Hunger.«, meinte er nach einer Weile.
    »Wir haben doch erst vor zwei Stunden Würstchen gegessen.«, sagte ich.
    »Und Tim und ich davor noch Kuchen. Hat seine Mutter ihm mitgeschickt.«, grinste Peter mich an.
    »Aber trotzdem hast du Hunger?«, fragte ich und versuchte mir auszumalen, wo er das ganze Essen eigentlich hinsteckte. Zwar war er riesig im Vergleich zu mir und ziemlich muskulös, aber keineswegs mit irgendwo ein Gramm Fett an seinem Körper.
    Peter ging zu der kleinen Kühltruhe hinüber und hob gut ein halbes Dutzend Schachteln Fertiggerichte heraus.
    »Was willst du?«, fragte er und versuchte schielend die Aufschriften der Packungen in seinen Armen zu entziffern, »Thai-Hühnchen, Hirschragout oder Wiener Schnitzel an Puffern? Alles ausgezeichnet, vom Feinsten, selbst getestet.«

    Peter hatte Recht, meine Spätzle in Pfifferlingsauce schmeckten wirklich gut. Ich kaute langsam, da ich mich kaum aufs Essen konzertrieren konnte. Von draußen schallten immer wieder Wellen von Rufen herein, die den gerade Boxenden galten, Trainerrufe, blökende Zuschauer und mitgebrachte Freundinnen.
    »Weisst du, was mir an diesen Wochenenden am Wichstigsten ist?«, fragte er nach einer Weile.
    »Keine Ahnung.«, meinte ich und musste mir schnell die Hand vor den Mund halten, denn ich hatte einen zu großen Bissen genommen.
    »Ich habe immer das Gefühl, dass mir niemand etwas anhaben kann.«
    »Wie?«, fragte ich.
    »Wie Schulschluss, aber du weisst, dass ab jetzt Sommerferien sind. Du fühlst dich absolut gewichtslos und frei. Keine Steine im Magen.«
    Ich hatte mit Peter nie über solche Themen geredet, und das war auch gut so. Genau dafür schätzte ich ihn so besonders.
    »Gott, ich könnte tausend Teller von dem Scheiss essen.«, sagte Peter plötzlich.
    »Lieber nicht.«, sagte ich und war erleichtert, dass er sich doch noch von allein gefangen hatte. Er hätte anderenfalls genau so gut mit seinem Hühnchen diskutieren können. Denn aus unerklärlichen Gründen war ich körperlich total fertig. Peter hatte sich die halbe Nacht um die Ohren geschlagen und grinste wie ein Honigkuchenpferd. Er war topfit. Es kam mir fast so vor, als hätte ich seine Müdigkeit gleich mit übernommen.
    »Tausend!«, rief er und streckte seine Gabel in die Luft, dass ich lachen musste. »Aber das wird nix, bin bald dran.«
    »Viel Glück schonmal, ich glaub ich kann mir das nicht mit ansehen.«, sagte ich und stellte unsere Teller in die Spülmaschine.
    »Ist auch besser so. Ich hätte dich eh gefragt. Komme mir irgendwie blöd vor, wenn meine besten Freunde zusehen.«
    »Schon okay, ich geh spazieren.«, sagte ich und versuchte in Gedanken herauszufinden, wo ein guter Platz wäre, um sich hinzulegen.
    »Mach das.«, sagte Peter und klopfte mir auf die Schulter.

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