The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.

  • bis dahin

    Manche sagen, dass sich gerade die Dinge, von denen man überhaupt nichts mitbekommt, besonders prägend auf den eigenen Charakter auswirken. Sie nennen sich Freudianer oder Aufgeklärte und führen das Unbewusste wieder aufs Schlachtfeld der Diskussionen. Sie orakeln, dass es nichts am menschlichen Verhalten gibt, das man nicht auf äußere Einflüsse zurückführen könnte. Das finde ich faszinierend.

    Denn ich habe in meiner Zeit, die ich hier nun schon sitze, auf den Fluss hinunter schaue und eine Zigarette nach der anderen zu rauchen pflege, Vieles gesehen, Vieles gehört und mindestens genauso viel nachgedacht.

    Vielleicht, dachte ich erst vor ein paar Minuten, habe ich gerade daher diese Affinität für das Extravagante, wer weiß. Weil ich schon in einem Szenario des Ausnahmezustands zur Welt gekommen bin.
    Mit großem Tam-Tam betrat ich damals die Bühne. Begleitet von einschlagenden Bomben am anderen Ende der Welt, die sich in der Vorstellung der Leute nur wie dumpfe Paukenschläge anhörten, und der blendenden Angst meiner Großmutter, die kurz darauf ihren Verstand verlor.

    «Nicht schon wieder, nein, nein, nein! Ich habe diese Scheiße schon einmal erlebt. Nicht noch einmal!», soll sie irgendwann gesagt haben, kurz bevor es passiert sei. Und mehr noch, als dass es für eine Dame, die immer à la mode gekleidet war, verwunderlich gewesen wäre, den Verstand zu verlieren, wunderte es meine Eltern, dass sie tatsächlich «Scheiße» gesagt hatte. Das ziemte sich nicht. Aber bestimmt, dachte ich, hatte sie es sehr ernst gemeint.

    Sie war noch sehr jung damals. Und als ich älter wurde, lernte ich sie als stets lächelnde, alte Frau kennen, die den ganzen Tag aus dem Fenster unseres Wohnzimmers schaute. Immer genau dorthin, wo die Zeitungen von zerfetzten Menschen und zerrissenen Familien berichteten.
    «Die lebt jetzt ganz weit weg.», sagte mein Cousin immer, wenn ich sie auf ihrem Stuhl am Fenster betrachtete.
    Mit dem Finger zeigte er auf einen beliebigen Punkt am Horizont: «So weit weg, dass sie dich nicht einmal mehr hört.»

    Doch ich mochte die alte Dame sehr. Erst später, als ich dann schon viel älter war, wurde mir das wirklich bewusst. Uns verband jenes Chaos, das Menschen zu verursachen in der Lage sind. Vielmehr noch die Erfahrung der Folgen, die es für alle Anderen hat.

    Und manchmal habe ich dann wirklich Angst, auch den Verstand zu verlieren. Denn mittlerweile habe ich niemanden mehr, am dessen Fenster ich sitzen könnte. Die Ärzte sagen, dass ich es vielleicht nicht überstehen könnte.
    «Warum dann liegen bleiben?», habe ich sie gefragt, kurz bevor ich mich aus dem Bett hievte und zum Fluss spazierte.

    nach dem Glück

    Man könnte fast sagen, dass ich allein bin, seit Einer nach dem Anderen nicht mehr zum gemeinsamen Frühstück erschienen ist. Seither bleiben die Stühle um den Tisch herum leer und ich lasse mir von Tag zu Tag mehr Zeit mit mir selbst. Aber was mir geblieben ist, ist das Wertvollste überhaupt. Es sind die schönsten Erinnerungen, die ich mir vorstellen kann. Sie trage ich fest in meinem Herzen. Wenn ich dereinst meinen letzten Tag erleben und zum Resümieren kommen werde, kann ich gewiss sein, dass es mir an nichts, keiner Farbe, keinem Pinsel und keinem Lichtblick fehlen wird, ein wunderbares Bild meiner Zeit hier zu malen. Ich trage sie immer griffbereit. Denn jedes Mal, wenn ich die Einsamkeit wieder anbranden spüre, ihre Fühler sich langsam durch meine Adern kriechen und die Sehnsucht sich aufbäumen spüre, lasse ich sie frei. Sie breiten ihre Schwingen aus, ich steige auf und lasse mich mitnehmen. Wir bleiben so lang weg, bis in der Küche wieder Ruhe eingekehrt ist.

    Vor ein paar Tagen setzten sich mich an einer besonders schönen Stelle ab. Ich kam gerade von der Schule, hatte mir ein, zwei Stunden eher Schulschluss gegönnt und schlenderte durch die Straßen und Gässchen nach Hause. Dabei liebte ich es über alle Maßen, Umwege zu machen, in der Hoffnung, dabei etwas Neues entdecken zu können, das sich bisher meinem suchenden Blick verschlossen hatte.

    Der Sommer hatte eine erste, harte Runde prachtvoll durchstanden und sich alles zuunterst gemacht. Die letzten Tage waren unendlich heiß gewesen, nachdem es kurz zuvor noch kaum mehr hatte aufhören wollen zu regnen. Obwohl es Freitag war und sich alle auf das bevorstehende Wochenende freuten, waren ungewöhnlich viele Leute auf den Straßen. Männer, Frauen und Kinder, die es mir gleichgetan haben mussten, alles schien dem Hafenviertel entgegen zu strömen. Ich schloss mich einer Gruppe von Arbeitern an, die ihr Werkzeug hatten in ihrer Werkstatt liegen lassen, um einem Trupp Anderer zu folgen, der in Richtung des Flusses zog. Ich streckte die Brust weit nach vorn und versuchte, Schritt zu halten.

    «Scheiße, verdammte!», riefen die Ersten, die weiter vorn schon sehen konnten, was passierte. Die Schimpfworte und das Erstaunen wurden nach hinten durchgereicht, bis sie auch bei mir angelangt waren. Dann endlich konnte ich sehen, was die halbe Stadt so in Rage versetzt hatte. Das ganze Viertel, das etwas abgesenkt auf gleicher Höhe mit dem Fluss lag und nur über ein paar feste Brücken zu erreichen war, war völlig von Wasser durchlaufen. In den Straßen stand es schon kniehoch, überall schöpften und stöhnten Frauen, deren Männer noch auf irgendeinem Fischerboot unterwegs gewesen sein mussten, hier und da konnte eine ihre Tränen nicht länger zurückhalten.

    Man verteilte erste Schläuche, schaffte Pumpen heran und versuchte, der Lage Herr zu werden. Aber selbst ich konnte die Strömung erkennen, die sich durch jede Straße zog und immer mehr Schaden in die Häuser brachte.

    Bald traf ich auf die ersten Klassenkameraden, die mir berichteten, dass die Schule vorzeitig geschlossen hätte und ich wieder einmal davongekommen sei. Alles schien auf den Beinen zu sein. Man sammelte sich auf den großen Plätzen der anliegenden Viertel und wartete auf die großen Laster, die, einer nach dem anderen, Fuhre um Fuhre Sand herbei schafften. Auf der anderen Seite hatte man Leinensäcke angehäuft.

    Ach, ich fühlte mich so glücklich und frei. Man musste nur auf eine Gruppe von Helfern zugehen, sich Schippe oder Leinensack nehmen, man gehörte dazu und war sich sicher, einer guten Sache beizustehen. Fremde gaben sich die Hände, schleppten Karren voll Sand, flickten eilig zerschlissene Sandsäcke und trieben sich gegenseitig zu Höchstleistungen an. Wer so nicht helfen konnte, der brachte kalten Tee mit Brot und sagte den schon völlig Erschöpften, sie sollten eine Pause einlegen.

    Den ganzen Tag über schippte und schleppte ich, rief Wildfremden meine Grüße zu, wenn sie sich meldeten, um uns zur Hand zu gehen. Keine Pause gönnte ich mir und schlang auf dem Weg zu jenem Platz, auf dem die gefüllten Säcke zum Abtransport gelagert wurden, dann und wann ein Brötchen hinunter, sodass es beim Kauen knirschte. Ich nahm mir nicht einmal mehr die Zeit, mir die Hände zu waschen. Ich hörte nur dann auf, wenn der Pegelstand die Runde machte.

    Am Abend kehrte ich erschöpft zu Hause ein. Mit jedem Schritt, den ich unserem Haus im Norden der Stadt näher gekommen war, war ich müder geworden. Mein Vater war längst zurück und meine Mutter hatte sich gesorgt. Es fühlte sich fabelhaft an.

    Doch schon nach ein paar Stunden Schlaf wurde ich wieder wach und eine Unruhe trieb mich, von der ich nicht wusste, woher sie kam. Und ich fragte mich, wie hoch der Pegel wohl stünde, setzte mich in meinem Bett auf und betrachtete den Mond, der zum Trotze aller Abwegigkeiten auch in dieser Nacht wie eh und je seiner Aufgabe fröhnte.

    Draußen war es merklich kühler geworden und die Laternen leuchteten nur spärlich. Aber ich ging mit einer Sicherheit, dass mich in dieser Nacht nicht einmal jemand schief angucken würde, wieder in Richtung des Hafenviertels. Und als ich über die Barrikaden und Behelfsdämme kletterte, offenbarte sich mir eine andere Welt.

    Überall hatte man Kerzen in die Laternen gestellt, um wenigstens etwas Licht zu haben. Die Leute saßen in ihren Hauseingängen auf dicken Reihen von Sandsäcken, ließen die Füße ins vorbeifließende Wasser hängen und schauten den Vorbeiwatenden nach. Sie sahen nicht einmal mehr verzweifelt oder traurig aus. Sie warteten nur noch. Es sah fast so aus, als würde es sie von allen Bürgern am wenigsten treffen, die Fischer und Seefahrer mit ihren Kuttern und Booten. Bei ihnen war die nötige Ruhe beheimatet, auch dies zu durchstehen.

    Ich begrüßte einige Männer mit Handschlag, als ich sie beim Füllen neuer Sandsäcke traf. Wir prosteten einander mit ein paar Feuerwehrleuten zu. Selbst das Wasser schien eine kleine Auszeit zu nehmen. Für eine Weile schien sich die Hierarchie der Prioritäten gewandelt zu haben. Niemand dachte zuvorderst an Dinge wie Arbeit oder Schule. Ganz vorn standen das Wasser, der Pegel und die Dämme. Danach kam der Rest.

    Tagelang fragte mich keiner danach, wo ich herkam, wie alt ich war oder wie mein Name sei. Ich genoss es. Denn als das Wasser nach gut einer Woche langsam seinen Rückzug antrat, man noch gemeinsam die Aufräumarbeiten erledigte und letztendlich zu vormaligen Trott zurückkerte, war das erste, was man mich in der Schule wieder fragte, ob es ich gut fände, ein elender Schwänzer zu sein.

    einen warmen Platz hinterlassen

    Ich habe mich nie so verloren am Tisch sitzen sehen. Aber wahrscheinlich lächle ich die ganze über, so wie meine Großmutter. Einzig und allein wird sie nie wieder zurückgekommen, sondern einfach bei besseren Tagen geblieben sein.

    Nun denn, die Erde dreht sich. Ich weiß nicht einmal, wie viele Winter ich gesehen habe. Und ich verrechne mich bestimmt um einen oder zwei, wenn ich versuche, es herauszufinden.

    Die zwei jungen Kerle hatten noch keinen vollen Bartwuchs, nur silbrig glänzende Armbänder und einen Platz zu verteidigen, wer weiß.
    «Hast du Kohle, Alter?», riefen sie. Einer hielt mich an der Schulter. Sie schoben mich an eine Hauswand und wiederholten: «Kohle raus, man!»

    Da war es gerade Abend geworden. In der Stadt herrschte wieder der Föhn, die Restaurants und Straßencafés waren noch voll besetzt. Man fühlte sich beinahe göttlich, mit einem Leinenhemd auf der Haut.
    Und ich kam nicht davon los, an die besten Sommer meines Lebens zurückzudenken, an die Kornernten, den Schweiß und das kühle Bier am Abend. Im Föhn.
    Ich ließ mich so sehr gefangen nehmen, dass ich gar nicht mehr recht bei mir war und verträumt lächeln musste.

    Doch der Messerstich in den Bauch holte mich alsbald zurück. Als wäre ich im bunten Katalog der vergangenen Ereignisse auf eine schwarze Seite gestoßen. Und noch eine, die direkt in die linke Niere trieb.
    Ich blätterte weiter. Hinüber zur ersten Liebe, zum ersten Kuss, der nach frischen Aprikosen schmeckte. Und fühlte mich so lebendig wie seit langem nicht mehr.

    Das sieht sehr schlecht aus, sagten die Götter in weiß ein wenig später, als ich die Augen zusammenkneifen musste, um gegen die Lichter anzukommen. Drei Tage blieb ich bei ihnen. Aber es wäre kein guter Abschluss, auch weiterhin bei ihnen zu bleiben. Deshalb sitze ich hier. Ich werde es meiner Großmutter gleichtun, werde es aussitzen.
    Und wenn ich es wirklich nicht überstehen sollte, dann habe ich wenigstens schon gepackt. Das Stechen spüre ich kaum noch. Beinahe nichts, das mit Schmerz vergleichbar wäre, ist geblieben.
    Ich werde meinen Koffer, voll mit den schönen Momenten, nehmen und einfach hinüber gehen. Ich habe alles verlebt. Wahrscheinlich warten die Anderen schon am reich gedeckten Frühstückstisch auf mich.
    Zum Abschied werde ich winken.

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