The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.
-
Als die Tür in die Angeln zurückschlug und ihren Schmerz mit einem metallischen Knarzen kund tat, hatte er mit ihr nichts mehr zu tun. Jetzt, irgendwann gegen 19 Uhr, begann sein Tag. “Komm’, komm’!” wisperte hinter den halboffnen Fenstern hervor. “Du hast nichts mehr, das dich nicht hier hielte, also komm und bleib!” Aber all das kannte er von unzähligen anderen Tagen, wenn ihm die irreale Pflicht gegenüber jemandem, den er nicht kannte, aus allen Häusern hinterher rief und ihn verhöhnte. Trotz des dampfenden Regens schien der Tag mit Sonne zu beginnen. Sie sah viel zutraulicher aus als sonst, nicht mehr wie ein falscher Freund, an dem man sich verbrennt, wenn man ihm zu nahe kommt. Jetzt aber hatte sie sich ganz auf sie Schornsteine der Häuser gelegt und beseelte die Straße mit einem herbstlichen Schein, dem letzten Lächeln eines Sterbenden auf dem Totenbett. “Komm’, komm’!”
Der Asphalt schien unter ihm zu zittern, jedes Mal wenn er auf ihn trat. Die Stahlseile der Hängebrücke bogen sich unter der Last eines Gefangenen, der jetzt die über Jahre hinweg gesammelte Kraft auf einen Punkt der Welt entläd. Er sah nicht mehr, wie die Seile geräuschlos rissen und die Brücke in sich zusammen fiel, als die Amplituden aus Schwingung der Straße über und dem Abgang seiner selbst sich überlagerten. Ehe es die Feierabendtrunkenen Autofahrer endlich bemerkten, mussten noch ein paar vor ihnen mit in den Fluss stürzen, der alles bereitwillig schluckte, sowohl Existenzen als auch alles Menschgemachte.
“Das ist aber ein schöner Hund!” bemerkte eine alte Frau, die seit geraumer Zeit neben ihm her ging. Sie war etwas untersetzt und die Natur ihres vormals wohlgeformten Körpers hatte längst ihrer Fresssucht nachgegeben müssen und sich mit den vielen Ausstülpungen und Falten arrangiert. Unter ihren mit Schlaf und Sorgen verklebten Augen hatte sich die wellige Haut dunkel gefärbt, ihre Lippen waren aufgebissen, sie verströmte ein Geruchsgemisch aus dem Schweiss der Rastlosigkeit und schleichender Verwesung. Er wollte sich nicht mit ihr beschäftigen, doch sein Gemüt drängte ihn dazu. “Welchen Hund meinen Sie?” fragte er. “Na der ist aber auch hübsch. Cha, ein ganz feiner bist du!” “Welchen —? Ach.” brach er ab, als er die Frau zum ersten Mal gemustert hatte und erschrak. “Cha — Cha. Wie alt ist der Gute?” wollte sie wissen. “Er ist neun.” “Und wie alt werden die?” “Vierzehn, fünfzehn, wahrscheinlich lebt er noch eine Weile.”. Er sah die Frau an. Ihre Augen glänzten hilflos und verworren in der Illusion, einen Freund gefunden zu haben und seit langer Zeit fragte er sich beim Anblick wieder, weshalb seine Augen nicht ständig so, in einem Anflug von Wahnsinn, glänzten. “Sagen Sie — Wie alt wird so ein Tier?” rief die Alte ihm nach, als er an den Regierungsgebüden entlangschlenderte, von denen er schon längst nicht mehr wusste, ob sie den ganzen Tag leer standen, oder nur zum MIttagessen besucht wurden.Eingeschlafenen Welt, dachte er. Die Häuser waren im Laufe der Zeit mit seinen Bewohner und Besuchern ergraut. Gleichsam ergraute die Demokratie zu einem schwerfälligen Greis, für den die Probleme seiner ewig jung gebliebenen Kinder nur moderner Quatsch waren. Je älter er wurde, desto instabiler wurde das Verhältnis der einstmals blühenden Familie, denn der Vater war zu müde, sich um Verständnis für das Neue zu bemühen und tolerierte es lieber. Manchmal warf er etwas in die Regierungsgespräche ein, jedoch nur, um zu zeigen, dass er noch da war. Sterben würde doch aber nie.
Kurz hinter einem großen Einkaufszentrum gab es einen Knall. Ein Auto flog hoch in die Luft, verdrehte sich um Griff von zwei Streifen aus Feuer und Rauch, wurde auf seinem Zenit losgelassen und schlug mit voller Wucht auf den Boden. Ein paar Splitter sausten auf die nahe stehenden Gaffer nieder, einer wurde in den Arm getroffen und sank melodramatisch zu Boden. Niedergestreckt von seiner Einfältigkeit beobachtete er mit großen Augen, wie ein Rinnsal aus Blut langsam seinen Weg in den Abfluss fand. Als wolle er etwas von seiner WIchtigkeit retten, kratze der Mann sein weglaufendes Blut zurück zu sich und bedauerte jeden Partikel, der sich in das Teergeflecht zwängte. Unser Held aber ging teilnahmslos vorrüber. Ehe er sich für solche Dinger wieder interessieren könne, hatte er vor ein paar Tagen gesagt, müsse er erst wieder lernen zu fühlen, dass überhaupt er noch am Leben sei. Ein Straßenmusikant trug halb singend eine Elegie vor, wurde nicht beachtet, aber hörte nicht auf.
Mit dem Zerbersten der Autoteile, der Fenster und des Blechs aber schien sich etwas in ihm gewandelt zu haben. Plötzlich pulste Agilität durch seine Venen. Woher als das Adrenalin kam, konnte er sich nur so erklären, dass aus irgendeinem Grund die schwarze Galle jetzt Energie erzeugte. Auf dem gepflasterten Kreis in der Hauptstraße, der die vor ein paar Jahren feierlich ausgemessene Stadtmitte kennzeichnen sollte, blieb er unversehens stehen. Es dauerte ein wenig, ehe die ersten angehaltenen Autofahrer hupten oder die Fenster herunter kurbelten, um zornig die Fäuste in die Höhe zu heben und dabei etwas von Feierabend, Irrer und diversen Schimpfwörtern von sich gaben.
Er bog sich zurück, sodass er fast zurück fiel und mit dem Kopf auf die Erde schlug, hielt krampfhaft die Balance und versuchte die aufsteigende Hitze in seinem Körper zu lokalisieren. Direkt aus dem Herzen kam sie und presste mit ungekannter Wucht gegen die behindernde Wand seiner Rippen. “Und jetzt –” dachte er, “jetzt explodieren.” Er dachte an die Zeilen in der Zeitung, die von Terrorismus in Kleinsträdten sprechen und keinen blassen Schimmer haben würden. Denn er bräuchte keinen Sprengstoff, er würde aus eigener Kraft sich selbst in Stücke reissen, nicht Blut, Knochen und verbranntes Fleisch aus die Umstehenden nieder regnen lassen, sondern weisses Licht. Doch es geschah nichts. Nach ein paar Sekunden, die Leute waren still geworden und schauten ungläubig, fast ängstlich auf ihn, fühlte er die stichelnden Drücke, die in seinem Rücken umher schwirrten und jeden Muskel überfielen.
Bei einer Neuordnung der Welt, hatte er gelesen, wäre nichts mehr real, wenn überhaupt etwas je real gewesen wäre, nichts hätte mehr einen Wert, nichts würde mehr ein Antlitz, nichts würde irgendetwas haben, nicht einmal nichts wäre. Doch er sah, dass nichts war. Alles hatte einen Ton zwischen violett, weinrot und schwarz, ineinander verwaschen und überall. Er schwebte zwischen nichts auf der linken und nichts auf der rechten Seite, oben und unten war nichts. Mit einer kleinen Träne im Winkel seines Auges wünschte er, wenigstens zusammenzubrechen - nichts geschah, nur ein Schleier aus Schwarz legte sich für ein paar Stunden über seine Augen. Ein Autofahrer hatte nicht länger warten wollen und war in einer besonders dummen Fahrweise losgeprescht, hatte unseren Helden erwischt und blindlings gegen ein paar Randsteine geworden. Es war das Beste, wenigstens zusammengebrochen zu werden, wenn man schon nie zusammenbricht












ANTWORTE / SAG DEINE MEINUNG