The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.
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„Hallo? — Hallo?!“
„Na endlich!“
„Wie jetzt?“
„Du rufst eine Woche lang an —“
„Eine Woche lang! Das waren doch — höchstens — Sechs Tage! Oder sechseinhalb!“, stammelte ich.
„— wagst aber kein einziges Wort zu sagen, sondern legst schon nach dem ersten Klingeln wieder auf, sodass mich tagtäglich hunderte Anrufe in Abwesenheit erwarten!“
„Aber ich hatte gedacht, die Nummer wäre unterdrückt.“
„Ist sie nicht!“
„Oh.“
„Ja, oh!“
„Du weißt, wer ich bin?“, fragte ich zögernd und wissend, wie idiotisch diese Frage eigentlich war.
„Dazu muss man nach so vielen Versuchen nicht einmal mehr clever sein. Niemand hat meine Nummer, außer so einem Verrückten, den ich bei der Immatrikulationsfeier getroffen habe.“, erklärte sie.Ihre Stimme klang wieder einmal fantastisch, selbst in der Verzerrtheit des Telefons und ihrer halb gespielten, halb gerechtfertigten Rage immer noch nichts als bezaubernd.
Jetzt hieß es loslegen. Ich zögerte, aber dann ging es. „Gut.“, sagte ich. Mein Themenvorrat war aufgebraucht. Mist. Was wollte ich eigentlich?
„Über Anrufe ohne Nummer hätte ich mich natürlich noch mehr gefreut! Anrufe von meinem persönlichen Stalker womöglich.“
„Das war aber nicht meine Absicht.“, versuchte ich zu erklären.
Aber sie ließ sich nicht davon abbringen: „Der irgendwie irgendwo irgendwann versteckt auf mich wartet, hinterrücks aus einem Busch springt und mir die Kehle durchschneidet, weil ihm das Anrufen allein nicht länger hinreichend Befriedigung sein kann!“
Ich wünschte, dass sie nur scherzte, dass sie mir nur meine Blödheit noch weiter und völlig zu Recht unter die Nase reiben wollte. Aber ich sagte ganz einfach überhaupt nichts. Ohne es zu wollen. Oder warum auch immer.
„Hallo?!“, kam es nach kurzer Zeit zurück.
Da war ich wieder: „Warum hast du nicht einfach zurückgerufen?“
Sie prustete unüberhörbar, „Den Gefallen wollte ich dir nun auch wieder nicht tun. Außerdem, vielleicht hätte ich ja einen Irren dran gehabt?!“
„Gar nicht so abwegig, wenn man bedenkt —“
Ihr Tonfall änderte sich mit einem Schlag vom Bezaubernden ins Orgiastische. Würde man Töne einrahmen und an die Wand hängen können, dieser Satz wäre unbezahlbar wertvoll gewesen: „Und du bist kein Irrer, oder?“
„Hm“, ich fragte mich, ob es auf solch eine Frage eine passende Standardantwort gab, “Ist das eine rhetorische Frage?“
Man konnte ihr Lächeln fast schon hören, „Nein.“
Wahrscheinlich wusste sie, wie sich mich kommunikativ quälen konnte, wie sie den Lächerlichkeitsschalter umlegen und mich nach Belieben wie einen seltsamen Verrückten dastehen lassen konnte. Ein Fingerschnippen und es ging los:
„Dann nein. Glaube ich. Hoffe ich! Hängt vom Betrachter ab! Und ist überdies Definitionssache! Aber vom allgemeinen Verständnis ausgehend —“
Das war es. Sie lachte. Ich wusste nicht einmal, wie sie es machte. Aber sie tat es. Spielend.
„Dich gibt’s nur ganz oder gar nicht, richtig?“, fragte sie schließlich, ließ ihren Finger ab vom Schalter und mich ziehen.
„Richtig.“, sagte ich, „Und ich im Ganzen würde dich gern wieder sehen. Gänzlich, selbstverständlich, mit gesunder Kehle.“Wir hatten uns auf ein paar Tage danach verabredet und ich hatte die ganze Zeit über schon keinen klaren Gedanken mehr fassen können. Immer und immer wieder hatte ich mich zu beruhigen versucht, hatte mir klarmachen wollen, dass es nur eine Verabredung war und es, wie so oft, wahrscheinlich nicht über das erste Kennenlernen hinaus kommen würde. Hatte versucht, exakt zu sein und empirisch zu agieren, selbst wenn ich wusste, dass Empirie und ich so viel gemeinsam hatten wie FDP und Sozialstaat. Ich war zum Nervenbündel mutiert.
Als ich schließlich an ihrer Tür stand und wartete, dehnte sich wieder einmal die Zeit ins Unendliche. Ich rauchte und fummelte simultan in meiner Tasche nach allem, was sich darin befand, als könnte ich mich daran festhalten. Ich rauchte und lief hin und her, rauchte und — rauchte. Und wie sie dann herunterkam, schien sich mein Schal plötzlich enger zu schnüren, sodass jeder Atemzug zu einer kleinen Hürde anschwoll.
Warum hatte solch eine Frau ihre Nummer gegeben und überhaupt meine Anrufkapriolen ertragen? Sie trug braune Stiefel, einen gehäkelten, bunten Schal, in dessen Gegenwart die Luft zu knistern begann, und zog ihre Handschuhe aus, bevor sie mir die Hand gab. Weich und zerbrechlich, auf dass ich mir mit meinen rauen Pranken wie ein Urmensch vorkam und das Gefühl der Sauberkeit, das einem nach jedem halbstündigen Duschen nachhängt, in auflodernder Nervosität verebbte.Der Wind hatte mir meine mühsam gelegten Haare längst schon wieder zu einer Wut undefinierbarer Unordnung verschandelt und tat es immerfort, da wir die an Stelle von Bäumen mit glitzernden Laternen gesäumte, künstliche Allee entlang schlenderten, ganz egal wohin. Verabredungen waren nicht dazu da, irgendwohin zu gehen, auch nicht, wenn man ins Kino ging oder sonstwohin. Dennoch hatte ich stundenlang im Bad verbracht, mich geduscht, mir die Nägel geschnitten und Zähne geputzt, frische Sachen übergezogen, sie aber gleich wieder ausgezogen und von Neuem begonnen. All das machte nicht zuletzt der Regen zunichte, der nach einer Weile einsetzte, uns näher aneinander und schneller vorwärts trieb. Wir hüpften über Pfützen, rannten über rote Ampeln und sahen in die Wohnzimmer schläfriger Leute. Sie erzählte von ihrem begonnenen Psychologiestudium und dem Wunsch, doch eigentlich nur ein kleines Zeichen in der Welt zu setzen, das so schnell nicht verblassen sollte und ich merkte, wie sich mein Wortschatz schon wieder auf dummes Zeug wie „Super!”, „Großartig!” und „Genau!” zu vereinfachen schien. Der Vollidiot war wieder da.
Als der Regen schließlich so unerträglich wurde, dass wir beschlossen, uns irgendwo unterzustellen, stiegen wir die lasch glimmenden Stufen eines alten Denkmals hinauf, immer höher, so hoch es eben ging und verzogen uns, heimlichtuerisch wie zwei Kinder, von deren Händchenhalterei niemand etwas mitbekommen sollte, in eine dunkle Ecke. Von hier aus hatte sich in einiger Entfernung die Stadt vor uns entfaltet. Dort hinten lag sie, in bunten Lichtern, Türmen, Hochhäusern, Kirchen und Wohngebieten aufgefächert vor uns, als wollte sie uns einen schönen Ausblick bieten, einen schönen Abend und viel Glück wünschen, wenn wir auf Grund des Regens schon eine Weile Unterschlupf hatten suchen müssen. Es war, als dozierten wir über die gesamten Einwohner hinweg, wenn wir sprachen. Von Hemingway und fremden Städten, von schönen Büchern und Ländern, von Joyce mit funkelnden Augen, von Tiefsinnigkeit und Extravaganz, von Klischee und dem Versuch, ihm nicht zu verfallen, von Gedichtzeilen und Zitaten, vom Sehnen und der Sehnsucht, von Alltäglichkeit und — Hunger.
Der Regen hatte indes aufgehört, in dicken Wellen über den kleinen Vorplatz zu peitschen, an den Steinfiguren rannen die letzten Wassertropfen hinab und auf den Überdachungen der Aussichtsplattform war das Trommeln der Tropfen fast schon gänzlich erstickt. Nur das Knurren unserer Mägen war unüberhörbar.
Also teilten wir uns in den tiefsten Niederungen der Stadt einen Döner. Ich wusste nicht mehr, wie weit wir gelaufen waren, aber es muss sehr weit gewesen sein, denn meine Füße hatten bereits zu vulkanisieren begonnen. Der Dönermann hatte gerade zusammenräumen wollen, da wir hereingeschneit kamen und ihm den Feierabend versauten. Noch dazu für 1,50 Euro. Zusammen.
Nachdem wir im Anschluss an das obligatorische Magst-du-dies-magst-du-jenes-Spielchen beschlossen hatten, den Besitzer noch länger vom Schlafen abzuhalten, nahmen wir in einer Ecke des kleinen Ladens ziemlich ermattet Platz. Nur allzu gern hätte ich ihr beschrieben, wie viel Spaß es mir machte, nachts einfach noch einmal loszugehen und irgendwo etwas Essbares zu kaufen, um anschließend mit gefülltem Magen und einem Gute-Nacht-Spaziergang an den Fersen genügsam ins Bett zu fallen, wie viel Spaß es machte, ihr zuzuhören und sie noch dabei betrachten zu können, ihre Haare, die unter der schwarzen Wollmütze hervorlugten, ihre Haut, die vom Regen mit kleinen Wasserperlen besetzt war, ihrer Stimme. Stattdessen aber sagte ich, wie so oft, fast überhaupt nichts, sondern sah ihr beim Essen zu.Als sie ihren Teil gegessen und ich an der Reihe war, roch die Kruste des Brotes bereits völlig nach jenem Rosenbalsam, den sie auf den Lippen trug. Aber um ihr nicht einen völlig falsch Eindruck von mir zu vermitteln, roch ich immer möglichst unauffällig daran, kurz bevor ich einen Bissen nahm. Sich das Essen zu teilen, dachte ich, ist wie ein Kuss mit Zwischenlandung. Der süßliche Geschmack der Pomade mischte sich mit dem herzhaften des Fleisches, sodass sich in meinem Mund ein getreues Geschmacksabbild meines Gefühls zeichnete — aufgewühlt und im Taumel verdreht.
Nach Hause nahmen wir einen völlig falschen Weg. Anstatt einfach wieder zurück zu laufen, schlugen wir eine Route ein, die uns noch weiter von ihrer Wohnung weg laufen ließ. So strichen wir durch die ausgestorbenen Straßen, hörten von weitem die S-Bahnen fahren, sahen den leeren Straßebahnen hinterher, wenn sie sich an uns vorbei drückten und redeten. Die Zeit schien völlig egal. Zwar hatte sie mir erklärt, am nächsten Morgen zu einer Vorlesung zu müssen, machte aber dennoch keine Anstalten, dort möglichst ausgeschlafen aufzukreuzen. Ich wusste nicht, ob ich sie darauf hinweisen sollte und rang mit mir selbst, aber bald schon verlor auch ich wieder jedes Zeitgefühl. Im Griff ihres Wesens zerbröselte alles.Um 03:08 Uhr standen wir schließlich vor ihrer Haustür, mit dröhnenden Köpfen von Unterhaltungen, die eben nicht auf das übliche “Und du?” hinaus gelaufen waren. Die letzte große Prüfung, die Verabschiedung, schienen wir beide aber noch herauszögern zu wollen. Ich, weil dieser Abend für mich noch viel länger hätte so weitergehen können, jedoch auch, weil ich nicht wusste, wie wir uns trennen sollten. Sie — ich wusste nicht warum und verfluchte es innerlich, dass man einem Menschen immer nur bis zur Nasenspitze und nicht bis in den Kopf hinein schauen kann, obwohl gerade dies womöglich es gerade erst reizvoll werden ließ. Auch wenn ich glaubte, Begeisterung in ihren Worten gehört zu haben — entweder sie hatte es nur ausgehalten und dabei einfach die Zeit vergessen, oder es, wie ich, vollends genossen.
Am Straßenrand saß eine Katze, die zuerst misstrauisch uns und dann mit voller Aufmerksamkeit ein Blatt beäugte, das in der Dachrinne des angrenzenden Hauses tanzte und, da es schließlich beherzt den Absprung schaffte, losgelassen ihm hinterher jagte.Ich gab ihr die Hand und alles ging schnell. Sie zog mich an sich, wir umarmten einander. Es war, als würden sich tausend Barrieren lösen und alles gedankene Gewicht, das dieser Abend auf mich geladen hatte, mit einem Mal aus meinen Füßen auf den Gehweg fließen. Sie sog den Geruch meiner Haare ein, während ich betäubt von ihrem Duft die Augen schloss, sie küsste mich, wir küssten uns, ich küsste sie — sie schmeckte süß und warm.
Unsere Nasen liebkosten einander, ihre Zunge war heiß und durchdrang meinen Mund, ich gab nach und ließ innerlich los, hatte kein Bedürfnis mehr mich dagegen zu wehren, wozu auch wehren, es hatte sich geklärt. Wenn ich falle, dachte ich und konnte den Satz nicht weiter denken. Die Kälte der Nacht verschwand, ich hielt sie, wir hielten einander, ich durchfuhr mit dem Finger ihr Gesicht, als wollte ich mir jede einzelne Rundung ins Gedächtnis malen, mitsamt den weichen Höhen und Tiefen, den bravourös gezogenen Lippen, den wunderbaren Wangen, ihrem Kinn und ihrer Stirn.
„Wir spinnen uns unsere eigene Odyssee.”, sagte ich, indem sich unsere Umarmung löste und ich ihr ein letztes Mal in die Augen sah.
„Morgen?”, fragte sie.
Ich nickte und ging benommen. Es fühlte sich gut an.












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