The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.

  • Nachdem Schipinsky, den alle wegen seines unausprechlichen Namens nur Schippe nannten, und ich dazu verdonnert worden waren, ein halbes Jahr lang jeden Freitag nach Feierabend die öfen für die Schicht des Samstagvormittags zu beladen, führte unser Weg nach Feierabend größtenteils direkt in eine Kneipe. Meist landeten wir dabei im Tau, einer versifften, aber nichtsdestotrotz sehr beliebten Kneipe, die gleich auf dem Nachhauseweg lag und gehäkelte Gardinen in den Fenster hatte.

    Der Laden hatte zwar den perfekten Ein- und Ausgang für jeden Trunkenheitszustand, mit drei Stufen nach oben, über die man in den Laden hinein-, bzw. drei Stufen nach unten, über die man aus dem Laden hinausfallen konnte, dafür aber das schrecklichste Ambiente überhaupt, wie ich fand. über den runden Tischen hingen sehr tief verqualmte Lampen, die senffarbenes Licht auf die meist welken Blumen in der Mitte und den Aschenbecher warfen. Dazu klimperte dieser verdammte Spielautomat ununterbrochen seine nervenzerreissenden Töne durch den Raum. Schippe interessierte das nicht sonderlich. Das Bier schmeckte einheitlich wie überall und kostete aus dem Glas sogar weniger. Und mir war es nach den ersten Runden bisher auch immer egal geworden.

    Ich zählte ihn nicht zu meinen besten Freunden. Zwar war er ein guter Kumpel, aber das resultierte zum größten Teil wohl eher daraus, dass ich um die fünfzig Stunden in der Woche dazu verdattert war, mich in seiner Nähe aufzuhalten. Außerdem hatte ich mich bisher nach einigen Gläsern noch mit jedem gut verstanden. Er quatschte sehr viel und machte unendlich viele Witze, über die ich nicht lachen konnte, was ihn aber nie davon abhielt, immer noch einen vom Stapel zu lassen. Ich wollte mir nicht ausmalen, wie oder mit wem er die Wochenenden verbrachte, aber sie konnten eigentlich nie anders verlaufen sein als diese Freitagabende. Nur eines musste man ihm uneingeschränkt zu Gute halten: er war eine richtig treue Seele, der man getrost alles erzählen konnte und mit der man nichts zu befürchten hatte. Was man mit ihm besprach, das blieb unter vier Augen. Vielleicht wich er deshalb ständig auf seine Witzesammlung aus, da er den krampfhaften Drang zu erzählen nicht los wurde, aber eben gleichsam dichter hielt als Stahlbeton. In gewisser Hinsicht konnte ich nicht nein sagen, wenn er mich, fast traditionell floskelnd, jeden Freitagmittag fragte: »Und, nach der Arbeit in die Kneipe?«

    So kamen wir auch an diesem späten Nachmittag wieder ins Tau und wurden schon an der Tür vom Wirt mit Handzeichen freundlich begrüsst. Nach den ersten zwei Monaten hatte er auf dem Tisch am Fenster, an dem wir uns regelmäßig niederließen, ein zweites Stammtischschildchen aufgestellt. Und wie jede Woche ließ Schippe einen seiner Sprüche ab.

    »Wieviel kostet ein Bier?« fragte er.
    »Eine Mark.« sagte der dicke Wirt und stemmte seine massigen Arme auf den Thresen.
    »Wieviel kostet das Tropfbier da?« hakte Schippe nach und nickte zu dem Glas hinüber, das der Wirt unter den Zapfhahn gestellt hatte, um die abfallenden Tropfen aufzufangen.
    »Kostenlos.«, sagte er.
    »Dann tropfst du mal schön zwei Gläser voll.« grinste Schippe mir zu und schob mich an unseren Tisch.

    Mit jedem Schluck, den ich nahm, verging die Zeit schneller. Nach dem ersten Glas verschwand der Würgereflex und ich war in der Lage zu exen.
    »Mach nochmal! Ex! Ex!« lachte Schippe. Er liebte es, wie ich gleichgültig alles Kohlensäurelose in mich hineinlaufen lassen konnte. Den größten Teil des Gesprochenen beanspruchte er für sich. Er wetterte gegen die Arbeit, von der ich am Wenigsten hören wollte, gegen die ausgefallene Kühlung und das lauwarme Bier, gegen die Lehrlinge aus unserem Betrieb, die sich etwas scheu in die gegenüberliegende Ecke des Raumes verzogen und leise ihre Scherze machten und überhaupt alles, was ihm gerade in den Sinn oder vor die Augen kam.

    Er hielt mich irgendwie im Leben. Wahrscheinlich wäre ich ohne ihn schon damals in mir selbst versunken und nicht wieder aufgetaucht. Aber so bekleidete er fabelhaft den rauen Teil der Feile, mit der ich meine damalige Zeit bearbeitete. Das Feine erledigte ich selbst. Den halben Samstag verbrachte ich im Stupor, den Rest davon alles lesend, was mir unter kam. Und am Sonntag gab ich mich lethargisch dem Verdruss hin, der Gewissheit, dass das Wochenende schon wieder vorbei war. Ich hatte mir mühsam eine Spiegelreflexkamera gekauft und versuchte seither vergeblich, anständige Motive zu finden. Ich hatte keine Ahnung, worauf ich wartete, aber es stand von Beginn an unverwandt fest, dass es das nicht sein konnte. Die Gleichmäßigkeit tat gut, alles verging so schnell und ich musste nur den Moment erwischen, mit dem alles anders werden sollte.

    Nicht aber an diesem Abend. Wir tranken und tranken wie eh und je. Bald wurde ich müde und spürte meine Beine nur noch als breiige Stelzen. Meine Gedanken reinigten sich mit jedem halben Liter, der durch sie hindurch lief, von allen Lasten. Nach einer Weile war mein geistiger Horizont so blank geputzt, dass mich die Reinheit fast schon auf der Tischkante vor Langeweile einschlafen ließ.

    Gegen neun aber kamen zwei sonderbare Gestalten hinzu. Ihre Köpfe waren kurz geschoren, sie trugen schwarze Stiefel und mehr hilflos zusammengeklaubte Zivilklamotten, sodass man sie sofort als Soldaten erkannte, selbst wenn sie genau das nicht wollten. Zu dieser Zeit hatten wir noch viel mit ihnen zu tun und man kannte sie. Ich sah sie oft, wenn ich an der Kaserne vorbei spazierte, wie sie von ihren hochnäsigen Offizieren maltretiert wurden und keinen Mucks dabei machten. Man ließ sie schwere Eisenwalzen über die frisch gepflasterten Wege ziehen, auch wenn die Panzer zwanzig Meter weiter noch tuckerten. Hin und wieder traf man auf einer Kreuzung auch einen der Regulierungsposten, die sie nach dem Manöver gern einmal vergaßen. Die armen Kerle hatten solch einen Schiss vor der Sanktion, dass sie sich nicht von der Stelle trauten und auch tagelang dort stehen blieben. Aber wenigstens die Anwohner hatten Mitleid mit ihnen, denn jeder wusste, dass sie es nicht leicht hatten. Die Kinder rannten nach Hause und kamen mit Wurst, Brot und Tee zurück. Immer wieder ein schönes Bild. Ein Kreis aus Kindern und in der Mitte ein ausgehungerter, Essen in sich hineinschaufelnder Soldat, der sich mit massig Zigaretten für die Großzügigkeit der Eltern bedankte. Und grinsende Kinder, die außer den Dankeswünschen eigentlich nie etwas an ihre Eltern weitergaben.

    Die beiden musterten eine Weile lang alle Leute im Tau. Als sie sich vergewisstert hatten, dass niemand ihnen gefährlich werden konnte, kamen sie zu Schippe und mir. Einer von ihnen trug ein ein sperriges Teil, eingepackt in ölpapier mit sich herum. Er legte es auf den Tisch und schaute Schippe sehr ernst an.

    »Willst du kaufen?« fragte er.
    »Was will ich denn kaufen?« äffte Schippe herum, obwohl er genau wussten, was sie mitgebracht hatten.
    Der Soldat klappte das Papier nach einer Seite hin auf und tippte mit seinem Zeigefinger auf den Hals einer nagelneuen Kalashnikov.
    »Willst du kaufen?« fragte er noch einmal.
    »Hm. Wieviel?« fragte Schippe, schon neugieriger geworden.
    »Drei Flaschen.« kam es immer noch todernst zurück.
    »Damit kann ich aber nichts anfangen. So ohne Munition.«
    Der Soldat zog seufzend die Augenbrauen nach oben und griff behebig in seine Stiefel. Er packte zwei Magazine neben das Paket.
    »Nochmal zwei Flaschen.« diktierte er.
    »Ne ne, lasst mal, Jungs.« lachte Schippe und winkte ab. Er sah mich an und lächelte mir zu. Ich nickte.
    »Gib den beiden mal eine Flasche.« bläkte Schippe zum Wirt, der die beiden nicht registriert hatte. »Packst du bei uns drauf.«

    Wir trafen sie, johlend und Arm in Arm später ein, zwei Straßen weiter.
    »Komm, jetzt müssen wir nicht einmal dafür zahlen.« ulkte Schippe und schlug mit mir die entgegengesetzte Richtung ein.
    »Komm gut nach Hause.« ging es direkt vor meiner Tür weiter.
    »Bis Montag.« sagte ich. »Und Schippe, bist ein feiner Kerl.«
    Das war meine Tradition.

    We cut, we scratched
    We ran, we slashed
    And when he opened up at last
    Found a cul de sac
    Deepened black
    Of smoke and ash

    Natalie Merchant: Thick As Thieves

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