The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.
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Die Stadt roch ein wenig angekokelt. Ich machte beim Gehen mehrmals Halt, denn immer wieder wurde ich stutzig. Man hatte das Gefühl, man wäre in einen riesigen Haufen Scheisse getreten, der in einer glühenden Mittagssonne ein sattes Aroma entwickelt hätte. Auf dem Boden lag wie tot eine Schicht von dickem Rauch, grau und ausgestorben. Ich stapfte hindurch und summte Little Bird von Annie Lennox. Ich wusste nicht, woher ich es auf einmal wieder holte, aber es war da und ich konnte es so schnell nicht gegen etwas Anderes tauschen. Man merkt gar nicht, wieviel Schwermut in einem Text liegen kann, wenn er einenmit einhundertundzwanzig Schlägen pro Minute übers Pflaster hetzt.
Der Boden glühte noch. Vergangene Nacht hatten die vielen unterirdischen Arbeiter am Rad der Welt geheizt, als drohte das Herz dort oben endgültig zu erfrieren. Der Schnee war von allen Flächen verschwunden, allein die dicken Eisschichten auf den Gehwegen waren nicht vollends getaut, sondern präsentierten eine glitzernde Eisfläche im langsam erwachenden Tag.Ich hatte gerade mit Mühe und Not den Schlüssel ins Schloss bekommen, als Peter mit voller Wucht die Tür aufriss. Er sah recht frisch und ausgeruht aus. überhaupt war es komisch, ihn um diese Uhrzeit einmal zu Gesicht zu bekommen. Für einen Moment musste ich mir ausmalen, wie es gewesen wäre, hätte ich das Schlüsselbund wie sonst üblich locker am Ring um einen Finger gehalten.
»Jawoll ja!«, grinste er und nahm mir ohne zu fragen die Tüte ab. »Ich nehm die schonmal mit in die Küche.«, erklärte er dann aber doch.
»Die sollten eigentlich …«, wollte ich noch anfangen, aber er unterbrach mich sofort.
»Ja ja.«, er fuchtelte mir mit dem Beutel vor der Nase herum und klopfte zweimal darauf. »Du glaubst nicht ernsthaft, dass ihr die alle schafft, ja?«
Irgendwie hatte er recht. Woher sollte ich denn wissen, wieviele Brötchen ich holen sollte. Ich war sowieso nie der Typ für Frühstück gewesen. Denn erstens kam ich sowieso nie rechtzeitig aus dem Bett, und ich fand, wenn man Frühstück isst, dann muss man es auch früh sein, und nicht mittags oder gar nachtmittags. Umsonst hieße es ja nicht so. Und zusätzlich musste ich bei dem Wort andauernd an Honig denken. Ich hasste Honig.
»Ist ok. Nimm dir welche.«, sagte ich.
»Sag ich ja«, triumphierte Peter, »Keine Angst, ich sperre mich auch brav ein und höre ausnahmsweise mal NICHTS.«, kicherte er vor sich hin und stieß mir im Vorbeigehen mit dem Ellenbogen in die Seite.Diese Art kotzte mich an. Aber Peter liebte es, mich damit aufzuziehen. Er wusste ganz genau, dass er mich dort ganz weit oben auf seiner Metaebene, von der er auf mich herabulkte, auf die Palme bringen konnte. Ich kam mir automatisch um zig Jahre zurückversetzt vor. An einen Zeitpunkt, an dem die Großeltern bei irgendeinem scheiss Geburtstag von einer potentiellen Freundin erfuhren und dann ihre ekelhaften Sprüche kursieren ließen. Sie wüsste ja ganz genau, man wolle nicht darüber reden, und so weiter. Und trotzdem hatten sie nie damit aufgehört.
Peter machte einen kurzen Schwenk hinüber zum Kühlschrank, griff sich ein Stück Butter, wahllos ein Glas Marmelade dazu, ein Messer und verschwand. Nachdem seine Tür ins Schloss geklickt war, fand ich endlich die Ruhe, die ich mir schon beim Hereinkommen gewünscht hätte und zog meinen Mantel aus.
Die gute Annie hatte längst Rachmaninov weichen müssen. Es war mit einem Mal so ruhig geworden, dass ich manchmal glaubte, das Knacken einer Schallplatte in den Ohren zu haben. Ich stapelte ohne genau darauf zu achten, was ich nahm, so ziemlich alles, was mir an Essbaren in die Finger kam, auf das kleine Tablett, das Peter hatte aus der Mensa mitgehen lassen und öffnete so leise es mit vollen Händen eben ging meine Tür.
Ich hatte gedacht, dass Tina noch schlief, aber sie grinste mich schon an, als ich sichtlich mit Schwierigkeiten das Tablett zum Bett balancierte. Sie saß mit dem Rücken an der Wand und hatte sich die Decke über die Schultern gelegt. Als ich näher kam, warf sie schnell ihr Buch zur Seite, in dem sie bis dahin gelesen hatte und half mir beim Abstellen. Ich konnte nur noch flüchtig den Titel sehen. Es war eine Sammlung von Erzählungen Tolstois, die ich ihr vor einiger Zeit überlassen hatte. »Die Beichte.« sagte sie erklärend, als sie meine Neugierde bemerkte.
»Du warst ja schon weg, als ich aufgewacht bin.«, murrte sie ein wenig.
»Ja nun, ich war wach und hätte dich bloss auch noch wachgemacht, hätte ich krampfhaft versucht wieder einzuschlafen. So ist das eben. Wenn ich wach bin, bin ich wach.«, sagte ich.
»Ich wollte schon fast Peter fragen.«
»Oh ja, der hätte dir liebend gern Gesellschaft geleistet.«
Sie musste lachen und wippte dabei sacht nach vorn und wieder zurück, wobei ihre Haare immer wieder auf der Matratze auftippten und sich in alle Richtungen verteilten. Sie trug ihren langen, schwarzen Pullover, den ich so gern an ihr sah und ich fragte mich, ob sie ihn schon beim Schlafen angehabt, oder ihn nur der Kälte wegen übergezogen hatte. Der Winter war letzthin verdammt streng geworden. Zwar hatte ich mir vorgenommen, den Hausmeister einmal wegen dem undichten Fenster anzusprechen, hatte es dann aber doch meist aus Faulheit sein lassen. Es stand unten riesengroß angeschrieben: Sprechzeiten Montags und Donnerstags 07:00 - 08:00 Uhr. So kann man sich die Probleme auch vom Hals halten, dachte ich und kam nicht umhin, diesen klitzekleinen Schachzug zu bewundern.Eine ganze Weile sagten wir überhaupt nichts und betrachteten still das Tablett. Dann gingen wir zum Fenster über, von dem es ziemlich kühl herüber zog, sodass einem die Füße langsam aber sicher blau anliefen. Langsam kehrte auch die Müdigkeit wieder. Klasse, wenn man aufsteht, nur um wieder müde zu sein, dachte ich. Ich massierte mir mit den Fingern die Augen. Eine Sache, die ich nur von alten Leuten kannte und deshalb schnell wieder unterließ. Tina strich mir über den Rücken. Ich legte meinen Kopf mit aller Last gegen ihren.
»Eigentlich hab ich keinen Hunger.« sagte sie.
»Ich auch nicht.«
»Warum warst du dann Brötchen holen?«
»Gehört sich doch so, oder?«
Sie begann so laut sie nur konnte zu lachen und zog mich zur Seite. Ich gab bereitwillig nach. Eigentlich hätte sie alles mit mir machen können. Früher hatte ich immer gedacht, dass es für ein nach Hause Kommen nichts Vergleichbares gäbe. Aber ich hatte etwas gefunden. Das Gefühl, vermittelt zu bekommen, nicht allein zu sein. Als sie sich über mich beugte berührten ihre Haarspitzen wieder genau die Oberfläche der Matratze neben meinem Ohr, dass ich es leise knistern hören konnte.
»Sagst du?«, lachte sie verschmitzt.
»Geh doch raus.«, unkte ich, »Wenn du um diese Zeit nicht dumm angeschaut werden willst, kauf lieber Brötchen oder jogge.«
Mein ganzer Körper schaukelte seicht. Sie hatte sich neben mich fallen lassen und zog meinen Kopf wieder an sich.
»Hachja.«, seufzte sie und ich wunderte mich ein wenig um diesen schnellen Umschwung. Dabei erging es mir ähnlich. Von mir aus hätte die Zeit jetzt genau so gut stehen bleiben können.Ich habe nie verstanden, wie andere Leute gute Momente an besonders tollen Erlebnissen messen können. Besser gesagt, worin diese besonderen Erlebnisse bestehen. Da gibt es solche, die vom Jahrestag und ähnlichem erzählen, oder Andere, die erst lang überlegen müssen. Wenn man zusammensitzt und sich zu übertrumpfen versucht. Zu solchen Anlässen sagte ich meist nichts, sondern hörte einfach zu und versuchte, das Besondere am Vorgebrachten zu erkennen. Tina war besser darin, unser Leben nach außen hin zu präsentieren. Und ich überließ es ihr gern.
Wenn sie von den paar Tagen in Prag erzählte, lamentierte sie lang über alle möglichen Sehenswürdigkeiten und schaute mich dabei an, sodass ich sofort wusste, dass sie eigentlich jene Stunden meinte, in denen wir die letzte U-Bahn verpasst hatten und von der Innenstadt aus in der Nacht zu unserem Hotel hatten laufen müssen. Wir hatten uns viel viel Zeit gelassen, waren Arm in Arm geschlendert und hatten insgeheim gehofft, gar nicht mehr am Hotel anzukommen.
Wenn sie davon erzählte, wie ich ihr zum Geburtstag einen riesigen Strauß Blumen zur Arbeit gebracht hatte, dann lächelte sie mir zu, sodass ich sofort wusste, dass sie eigentlich die trüben Herbsttage meinte, an denen sie es keine Stunde länger auf der Arbeit ausgehalten hätte, und ich mit dem Regenschirm vor der Tür wartete, um mit ihr den Weg nach Hause entlang durch Pfützen zu tanzen.Und was würde sie erzählen, dachte ich, als ich gerade tief ausatmete und mich mit ihr so geborgen und frei zugleich fühlte, wie es ist, einfach nur nebeneinander zu liegen und die Gegenwart des Anderen zu spüren? Es fühlte sich gut an, mit jemandem gemeinsam abwesend zu sein und sich gedanklich ganz behutsam von allem zu entfernen. Es fühlte sich so gut an, dass ich an die Grenzen meiner Sprache stieß. Nicht einmal mit Händen und Füßen zur Hilfe hätte ich es treffend ausdrücken können. Ich drehte mich auf die Seite und umarmte sie. Ihr Atem kitzelte anfangs noch ein wenig an meinem Hals, aber schon bald fühlte es sich warm und schön an. Mit der Hand fuhr ich durch ihre Haare und blieb genau im kräftigen Bogen ihrer Taille stehen. Sie schnaufte leise und drückte ihre Hand fest auf meinen Rücken.
Wie könnte man jenen, die vom Sonnenbaden im Winterurlaub erzählen, begreiflich machen, wie sich soetwas anfühlt?»Ey ihr beiden.«, Peter polterte mit der Faust gegen die Tür. Ich hatte mich so auf die Ruhe eingestellt, dass ich direkt zusammenschrak und Tina dabei aus ihrem Dämmerzustand riss.
»Habt ihr vergessen? Drei Worte.« rief er durch die Tür, »Bad-min-ton!«
Drei Silben, dachte ich. Und ja, richtig, man könnte vom Badminton erzählen.












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