The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.
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«Nun, sagen wir so, Sie sind ein guter Mensch!», sagte der Personalchef und wedelte unsicher mit einem Fetzen Papier.
Aber für unsere Telefonzentrale sind Sie einfach nicht bedenkenloses Arschloch genug, dachte ich und musste unbewusst grinsen bei dem Gedanken, diesen schlaksigen Kerl mit zur Faust geballtem Gesicht quer über seinen riesigen Schreibtisch zu zerren.
«Aber ich glaube, dass Ihre Stärken nicht im Communication- und Advertisingbereich liegen.», schleuderte er mit witzlosen Begriffsduseleien um sich. Ich reagierte nicht, sondern musterte ihn pausenlos, «Dass Sie nichts für ein Call Center wie unseres sind, meine ich.»Seine Nadelstreifen machten nicht die kleinste Bewegung, während er sich zu artikulieren versuchte. Der sicher hundsteure Anzug hätte auch ohne sein dürres Skelett darin vollkommen aufrecht gestanden. Ich schätze ihn auf vier, vielleicht fünf Jahre älter als mich selbst. Wahrscheinlich hatte er an der gleichen Uni studiert, Wirtschaft natürlich, und war nun vor ein paar Monaten ganz oben, wie genau man es eben nahm, ins Berufsleben eingestiegen. Mit eigenem Büro, geschmeidigstem Blick auf einen graugrauen Parkplatz inmitten eines tristen Neubaugebietes und dem Freibrief für übereifertes Geplapper, das man nicht mehr als halb verstehen muss.
Ich war dem Rat einer von Patricks Kolleginnen gefolgt und hatte eine kurze Liste von Firmen abgeklappert, bei denen diese bereits jeweils ein paar Monate zugebracht hatte. Denn aufgrund meiner mehr als einmaligen Registrierung bei der Bußgeldstelle der städtischen Verkehrsbetriebe war es aussichtslos geworden, mit ihr und Patrick durch die Stadt zu fahren, selbst wenn sie für mich bei den Personalern ein gutes Wort eingelegt hätten. Der erste Blick ging immer in die Bußgeldbescheide.
Wenn ich gekonnt hätte, wäre ich nie auf die Idee gekommen, mich abseits vom Studium um ein wenig Geld zu kümmern. Aber ich hatte mit der Zeit einsehen müssen, dass meine Studienwelt nicht auf Watte gebaut war und sich mein spärlich zusammengetragenes Vermögen mehr und mehr allein in schöne Erinnerungen auflöste. Peter verdiente seit jeher genug mit seiner Boxerei, Patrick fuhr mehrmals in der Woche stundenlang S-Bahn und gabelte reihenweise Schwarzfahrer auf. Selbst Tina hatte ein paar Monate zuvor eine Stelle als Hilfskraft an ihrem Institut angetreten. Ich wusste nicht einmal, was ich besonderes währenddessen tat, das mich davon abhielt, es ihnen gleich zu tun, aber ich hatte noch nicht einen Gedanken daran verschwendet, wie lang ich diesen Zustand noch aufrecht erhalten konnte.
Also probierte vieles: dem Pizzabäcker missfiel meine fehlende Bereitschaft, zum Wohle der Temperatur einer Auslieferung schon mal die Regeln des Straßenverkehrs außer Acht zu lassen, die naheliegenden Zeitungen waren übersetzt und fürchteten weiterhin den Untergang ihrer Zunft, beim Spar-Markt fragte aus reichlich Erfahrung ich gar nicht erst nach und der Mann aus der Telefonzentrale gab mir zum Abschied einen Satz spiegelnder Metallkugelschreiber mit auf den Weg.
Es war in einer Weise ziemlich verwirrend. Denn ich glaubte dem verlotterten, alten Mann am Bahnhof weit mehr, da ich ihm auf seine Bitte hin mein gesamtes Hartgeld in die Hand drückte, er mir einen guten Tag wünschte und versicherte, ich sei ein feiner Kerl, als ich diesem Nadelstreifenmann auch nur ein Wort von dem abkaufte, was er in seinen Aufbauseminaren für Rhetorik eifrig mitgeschrieben hatte.
Jedoch alle, mit denen ich regelmäßig zu tun hatte und die gleichzeitig arbeiteten, hatten in kürzester Zeit etwas gefunden. Der Punkt, an dem meine Bemühungen scheiterten, musste an ganz anderem Ort zu suchen sein.«Mach einfach irgendetwas!», empfahl mir Peter, während wir eines Abends gemeinsam in der Küche labbrige Dosenspaghetti aßen und ich nicht davon abkam, ständig an feministische Hetzpropaganda zu denken, für die unsere durchaus beschränkte Kochkunst ein gefundenes Fressen gewesen wäre.
«Geht nicht.», antwortete ich, «Dann kann ich mir in vier Wochen den nächsten Job suchen.»Es ging wirklich nicht. Eines meiner größten Probleme und gleichzeitig eine meiner, wie zumindest ich fand, edelsten Eigenschaften war es immer gewesen, dass ich die Dinge ausschließlich dann wirklich gut zu machen in der Lage war, wenn sie mir wenigstens einen Funken Freude bereiteten und ich mir soweit nicht selbst im Wege stand. Die zwei Seiten einer Medaille, es bewahrte mich vor lang währenden Fehltritten, sowie es mir jedes Mal nur wenig Möglichkeiten zur Aktion in Aussicht stellte. Ich hatte mir deshalb angewöhnt, auch stur nur noch nach dem zu suchen, was mir eben dieses Gefühl vermitteln konnte. Der Weg des kleinsten Übels war gestorben. Dass es überdies eine wunderbare Ausrede war für alles, was ich bisher erfolgreich verrissen hatte, wusste und hatte ich mir bereits zähneknirschend eingestanden. Ohnehin kam mir alles vielleicht nicht wie eine Luftnummer, dafür aber umso mehr wie ein ständiger Drahtseilakt vor.
«Stell dich halt nicht so an!», zeterte Peter, wobei ihm einige Spaghettiteile aus dem Mund fledderten.
Sicher war es seine Grobheit, die ihm manche Einsicht versperrte, so wie es mein ewiges Vor-Mich-Hin-Suchen gewesen war, dass mich so gut wie nie spontan und wirklich durchsetzungsfreudig sein ließ. Dass wir uns an den wichtigsten Ecken nicht in die Quere kamen, jeder mit einem anderen Brett vorm Kopf herum lief, ich glaube, genau das hielt uns dennoch immer zusammen.
«Hab’ ich dir eigentlich davon erzählt, wie viel Spaß es gemacht hätte, diesen Typen aus seinem Fenster im zwölften Stock zu befördern?», moserte ich.
«Zu oft.», sagte Peter mit einem Seufzer, obgleich ich es noch gar nicht erzählt und die Floskel nur hatte als Überleitung benutzen wollen.
«Sozusagen auf den Boden der Tatsachen.», erklärte ich und freute mich innerlich über meine kleine Pointe.
«Trotzdem lässt du das alles immer viel zu sehr an dich heran kommen.», versuchte er, das Thema zu beenden.
Natürlich hatte er recht. Aber es spielt keine Rolle, dachte ich, sich für etwas zu verdrehen, das man nicht einmal kennt. Ich hatte einmal in irgendeinem Buch ein schönes Gleichnis über das Leben gelesen, das mir jetzt wieder in Erinnerung kam. Es handelte vom one shot given und dass es kaum möglich sei, die Zielscheibe nach dem Lauf der Kugel in vollem Flug auszurichten.
«Wenn —», hob ich an, überlegte es mir dann aber doch anders, «Manchmal würde ich dir gern richtig eine reinhauen.», rief ich, «Wenn ich damit etwas ausrichten könnte.»
«Ich dir auch.», lachte Peter, «Aber nur, wenn du nicht gleich in zwei Teile zerbrechen würdest.»Von allem unberührt blieb wie immer die gesamte restliche Welt. Und langsam begann ich mich zu fragen, wie viele Sorgen und Probleme eben diese restliche Welt manchmal mit sich herumtrug, wenn ich selbst gedankenlos durch die Straßen hetzte und alledem keine großartige Beachtung schenkte. Was auf der einen Seite aufreibend war, konnte auf der anderen dabei genau so beruhigend sein. Denn selbst wenn es bitter schmeckte, ein paar Tage später die Augen aufzuschlagen und denselben Schutthaufen vorzufinden, vor dem man am Abend zuvor in den Schlaf geflüchtet war, so war es dennoch tröstlich, den Morgen mit seiner gewohnten Ruhe vorm Fenster warten zu sehen. Ich öffnete es, drehte meine Anlage ein wenig hoch und zündete mir eine Zigarette an, nachdem ich mich wieder hatte rücklings ins Bett fallen lassen. Ich hatte meinen Stundenplan so gebaut, dass ich einen ganzen Tag in der Woche zur Verfügung hatte, um etwas für meinen Unterhalt zu tun. Ich lag auf meiner Decke und folgte in Gedanken dem Nikotin, das für ein paar Minuten alles ein wenig ins Gute verklärte, gab mich der milden Illusion hin, der Wärme, die sich langsam auf meine Beine legte und suchte nicht einmal zu ändern, was ich so zerbrechlich anmutend wusste.
Wie ich im Endeffekt doch eine kleine Anstellung fand, war denkbar einfach. Wie sich im Endeffekt meine meterhoch angehäuften Sorgenberge ob dem kommenden halben Jahr durchaus gut und leicht lösten, war derart banal, dass ich mich wieder einmal fragen musste, warum ich jedes Mal aufs Neue so reagieren musste.
Ich machte mich auf, einen Schwung neuer Passbilder machen zu lassen, die einen neuen Versuch vieler Anschreiben zieren sollten. An einem Nachmittag ging ich zum nächstbesten Fotografen in unserer Nachbarschaft. Der kleine Laden war brechend voll mit Kunden. Alle warteten entweder darauf, dass sie an die Reihe kamen, sich Bilder machen zu lassen, Termine festzulegen oder einen Stapel hochglänzender Abzüge in Empfang zu nehmen. Hinter der kleinen Theke wirbelte ein großer Mann mit üppigem Dreitagebart herum und bediente, wobei er sich alle paar Minuten symbolisch den Schweiß von der Stirn wischte, immer in der Hoffnung, der Andrang würde langsam weniger werden. Die Wände waren über und über behängt mit schönen Bildern, Portraits und Landschaftsansichten. Ein paar kleine Jungen, die unruhig auf ihre Eltern warten mussten, besahen sich neugierig die Aktaufnahmen einer hübschen Brünetten, die großformatig und monochrom über der Kasse angebracht waren und zupften aufgeregt an ihren Hosen, um ihre Erektionen zu verbergen, während sich alle Anderen peinlich berührt von der Freizügigkeit plötzlich besonders für Plastikschlüsselanhänger mit Bildereinlagen interessierten und immer öfter heimlich aus dem Augenwinkel auf Brüste und Geschlecht des schönen Mädchens schielten.Als ich an der Reihe war, hatte die Masse der Kunden wirklich Ablass genommen, nur ein junges Paar gähnte verschlafen in den Korbstühlen des winzigen Wartezimmers. Ich setzte mich auf dem ledernen Drehhocker vor der Kamera und richtete meine Haare im Spiegel nebenan, ehe der Fotograf ins Zimmer kam.
«So so.», sagte er, «Wieder Passbilder?»
«Ja, bitte.», gab ich zurück.
Er griff ein paar misslungene Abzüge aus einer Ablage und wedelte sich etwas Luft zu. «Heute Abend sitzen wir nahe an einem Nervenzusammenbruch auf der Couch und können nicht einmal mehr schlafen.», erklärte er aufgeregt und wischte sich wieder über die Stirn.
«Das tut mir leid.», sagte ich, «Aber wenigstens war das Geschäft dann gut.»
«Ja ja, das Geschäft.», murrte er.
Die Fotos waren schnell gemacht, angetrieben von seinem «Ja!» und «Genau so!» begann ich fast schon kleine Allüren zu entwickeln und mir Fotogenität zuzusprechen. Ich ließ ihn auf seinem Macintosh das gelungenste Exemplar aussuchen. Unter den vielen Lichtern und Abblendaufstellern war es so drückend warm, dass ich mir zum Schluss selbst die kleinen Schweißperlen aus dem Gesicht streichen musste.
«Ist warm, mhm?», grinste der Fotograf triumphierend, «In zehn Minuten bringt der Kollege Ihre Bilder, Monsieur.»Ich war ein wenig irritiert, Monsieur genannt zu werden, machte mir aber nichts daraus, setzte mich und betrachtete unter der Verwunderung des Pärchens zuallererst prüfend den Akt über der Kasse.
«Bilder kommen gleich.», rief mir der Fotograf zu, als er aus einem Hinterzimmer wieder in den Verkaufsbereich kam, «Na, wer ist denn der oder die Nächste?»
Die junge Dame meldete sich unsicher, hievte sich aus dem Stuhl, der einen weit nach hinten absinken ließ und bei jeder Bewegung ein Kracksen von sich gab, und ging zaghaft hinüber zur Kamera. Es war das übliche Spiel von «Wunderbar!» und «Denken Sie an etwas ganz Tolles!», das mir vor Augen führte, dass ich mich aus gutem Grund selbst in meiner anfänglichen Euphorie gebremst hatte. Das Fräulein aber schien die Sache ganz anders aufzufassen und versuchte sich bald in all jenen überzeichneten Posen, die sie wahrscheinlich zu gut aus dem Fernsehen kannte. Die Anfeuerungsrufe des Fotografen wurden weniger, je mehr sie in sich das Top-Model zu finden glaubte und schon nach kurzer Zeit war sie wieder in der Wirklichkeit angelangt, bei der Gewissheit, doch nur Passbilder zu wollen.Als es auch bei ihr daran ging, sich ein Bild auszusuchen, das sie später aus ihrem Pass oder woraus auch immer schauen sehen wollte, nahm das kleine Nachmittagsdrama seinen Lauf. Sie schwankte und entschied sich alle paar Sekunden neu, auch die Hilfe des Fotografen brachte keine Besserung, mal war es jenes, dann wieder zwei ganz andere, und so schlecht waren die Posen ja nicht - nichts für die Äffentlichkeit, aber gut.
Schließlich rief sie ihren Freund heran: «Robin, Ro-bin, Robi-hi-in!»
Der Gute schien nicht allzu erfreut und seufzte. «Mach du das, Schatz!», rief er zurück.
«Aber Robin!», kam es zurück, «Welches soll ich denn nehmen?»
Manches wird einem immer erst dann richtig bewusst, wenn es schon längst gesagt oder getan hat. Aber selbst das Wissen um diese Tatsache ist dann keinerlei Entschuldigung mehr dafür, dass es einem trotzdem über die Lippen gekommen ist.
Robin jedenfalls sollte einen Fehler machen, indem er sich die für seine Freundin äußerst schwierige Entscheidung nicht aufbürden lassen wollte. «Mach du!», rief er ihr zu - sie tippte auf ein Bild, «Das da, bitte!» - und fuhr fort, «Ist mir egal.»
Man konnte das Knirschen einem Kopf förmlich hören, als er realisierte, was für eine Welle von Assoziationen er jetzt im Kopf seiner Freundin losgetreten hatte. Er biss sich auf die Lippen und sah mich mit treudoofem Blick hilflos an. Plötzlich hörte man schon das Getrampel aus dem Nebenraum immer näher kommen.
«Ich bin dir wohl egal?», bläkte die junge Frau aufgeregt.
Aber ihr Freund versuchte sie noch zu beschwichtigen, so, als ob er einen Großbrand zuerst einmal mit einem Eimer Wasser zu löschen versuchte: «Ach komm! Du weißt, wie ich das meine. Es soll dir gefallen!», versuchte er den Strick um seinen Hals wieder zu lösen und die Aufmerksamkeit auf sie zu legen.
«Und wenn ich aber will, dass es auch dir gefällt?», zeterte und gestikulierte sie ganz nah vor seinem Gesicht, sodass er sich weiter in seinen Stuhl drückte.
«Ich drucke und schneide ihnen eben die Bilder.», erklärte der Fotograf und verschwand peinlich berührt in seinen Hinterzimmern.
«Du bist so selbstsüchtig!», rief sie wieder, «Machst uns hier zum Gespött!», und deutete auch mich, woraufhin ich nur unsicher zu grinsen wusste und abwinkte.
Sie verzogen sich in das kleine Atelier und schlossen die Tür. Ihr dumpfes Brüllen unterlegte den ganzen Laden wie der wummernde Bass einer Technodisko.Nach einer Weile kam der besagte Kollege nach vorn und nickte zur geschlossenen Tür hin: «Das gibt heute kein Abendbrot was?»
Er trug ein dünnes, weißes Seidenhemd, das bis zum Solarplexus hin aufgeknöpft war, dazu Haare und Bart nur ein, zwei Millimeter kurz geschoren. Mit sich brachte er einen Duft, der unwillkürlich an einen kühlen Wintermorgen erinnerte und nicht von einem billigen Eu de Toilette stammen konnte.
«Jaha!», versuchte ich zu lachen und schluckte noch, da ich einen zu tiefen Zug vom Parfum abbekommen hatte.
Ich suchte mein Geld zusammen und legte es auf die kleine Ablage neben der Kasse. Die mit dem Donnerwetter von nebenan unterlegte Stille wurde zunehmend unangenehm.
«Schönes Bild.», nickte ich zu den Bildern über der Kasse hinauf, um die Situation etwas zu entspannen.
«Ja, die hatte was.», grinste er. Ich hatte es geschafft. Man konnte ihm die Erleichterung ansehen, nicht nur stupide auf seinem Quittungsblock herum kritzeln zu müssen. «Heute Abend fallen wir ins Koma.»
Ich nickte und tat so betroffen, als ich es nur konnte. Mein Mitleid hielt sich in Grenzen, da ich bei der nicht zu verachtenden Summe in der Anzeige der Kasse und der geschätzten Anzahl von Kunden dieses Tages eine schöne Stange Schmerzensgeld auf dem Konto der beiden wusste.
«Wir kommen in letzter Zeit kaum noch hinterher. Für die richtigen Aufträge kaum noch Zeit.», erklärte er und zog den letzten Strich auf der Quittung, «Bitte sehr!»
Einen kurzen Moment zögerte ich, dachte dann aber wieder daran, dass ich prinzipiell nichts zu verlieren hatte: «Brauchen Sie vielleicht Hilfe? Ich suche eine Stelle. Nur etwas Kleines.», fragte ich letztendlich doch.«Mit schwulen Fotografen?», johlte Peter, als ich ihm später am selben Tag von meinen neuen Chefs erzählte. «Nicht das du mir auch noch …», lachte er und hob mahnend seinen Zeigefinger.
«Quatsch. Und wenn sie tausendmal schwul sind.», rief ich.
«Passt jedenfalls zu dir. Einfach nur arbeiten wäre ja auch nicht gegangen. Die Chefs müssen schon schwul sein oder etwas in der Richtung.»
«Ach, Halt die Klappe.», sagte ich zu Peter und grinste.Komisch war es auf jeden Fall. Aber es kümmerte mich nicht. Die beiden hatten einige Eigentümlichkeiten, waren aber darüber hinaus meist noch zuvorkommender, als sonst irgendjemand. Beispielsweise ließen Sie sich unter keinen Umständen antreiben und Termine aufzwingen, wann dies oder das fertig sein musste. Generell war es immer dann fertig, wenn es fertig war. Und auch Arbeit und Privates trennten Sie strikt. Die acht, neun Stunden lang, die ich in jeder Woche bei ihnen war, erlebte ich sie immer nur als stinknormale Kollegen. Und sobald der letzte Kunde verschwunden und der Zeiger auch nur in die Nähe der achtzehn auf dem Ziffernblatt der Uhr kam, räumten sie eilig zusammen und begannen, mir von ihren Plänen fürs Wochenende zu erzählen.
Und so gestaltete sich mein Freitag von nun an vollkommen neu. Ich schnitt Passbilder zurecht, half verzweifelten, jungen Damen dabei, das richtige Foto für den Druck auszuwählen, füllte Toner und Tinte in den großen Druckern auf, legte regelmäßig Papier nach, verpackte Bilder und verkaufte Plastikschlüsselanhänger. Die Dame über der Kasse hatte ich Lisa getauft.
Meine Chefs, die es auf den Tod nicht ausstehen konnten, Chef genannt zu werden, da sie glaubten, auf diese Weise plötzlich übertrieben autoritär zu wirken und die ich immer nur bei ihren Vornamen, Jörg und Martin, nennen sollte, schienen ganz zufrieden mit mir zu sein.Als ich mich eines Freitagabends gerade auf den Weg nach Hause machen wollte, schaute ich noch einmal kurz im Atelier vorbei, um mich zu verabschieden. An diesem Tag war es wieder so ein Auflauf gewesen, wie an jenem, da ich zum ersten Mal zu den beiden gekommen war. Ich hatte knapp zweihundert Passbilder gedruckt, geschnitten, verpackt und abkassiert und freute mich nur noch auf ein Bier und etwas Ruhe. Meinen Chefs war es nicht besser ergangen. Jörg, der kleinere von beiden mit geschorenen Haaren, war gerade dabei, Spiegel und Computer abzustauben und Martin, der ständig den Stil seines Bartes änderte, sortierte noch einige Bilder auf einem der Computer. Auch sie sahen nicht mehr taufrisch aus.
«Ach ja, mach’s gut. Bis nächste Woche.», rief Martin und wandte sich wieder seinen Bildern zu.
Jörg begleitete mich bis zur Ladentür. Ich gab ihm die Hand und verabschiedete mich. «Schönes, stressfreies Wochenende.», sagte ich und grinste.
«Du bist ein Schatz.», sagte er und strich mir über die Schulter, «Unser Infarktrisiko ist ja nun erheblich gesunken.»Zu Hause brach Peter in heilloses Gelächter aus, als ich ihm davon erzählte, «Der ist die Frau!», rief er mit Tränen in den Augen.












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