The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.

  • Als Peter mich aufgeweckt hatte, was es schon wieder dunkel geworden. Ich hatte ihn nicht gefragt, wo er den Tag über gesteckt und was er getrieben hatte, aber seine Freude hatte ihm immer noch ins Gesicht geschrieben gestanden. Der Schlaf für mich hatte Einiges geklärt. Nichts beseitigt, aber wenigstens hatte er erst einmal alles vertrieben. Diese hässliche Mischung als Leere ob der Nachricht vom Tod meiner Tante und jener von Peters bstandener Prüfung. Mit meiner Tante war es wieder ein Mensch weniger geworden, der es gerechtfertigt hätte, nicht ganz allein auf der Welt zu sein.

    Ich hatte mich vom Bett hochgerafft und war durch durch die kleine Wohnung getaumelt. Dann einen Kaffee zum Wachwerden, ehe Peter schon wieder gedrängelt hatte. Er hatte es ernst gemeint mit seinem Satz, dass er mich an diesem Abend noch unbedingt in irgendeine Kneipe schleppen wollte. Und dann hatte er schon wieder ungeduldig in der Tür gestanden, sie immer provokatorisch geöffnet, sobald ich auch nur in ihre Nähe kam und noch einmal ins Bad abbog, damit ich auch ja mitbekam, dass er es eilig hatte.

    «Wenn du jetzt nicht bald kommst, dann hast du sowieso keinen Bock mehr. Und dann bin ich nur wegen deinen Zicken spät dran»
    «Bock hab’ ich sowieso nicht, mein Bester.»
    «Mach hinne! Ja?»
    «Ja, ja.»

    Jetzt war es verdammt kalt. Ich stützte mich auf Peters Schultern, um besser vorwärts zu kommen. So humpelten wir um einige Ecken, ehe es Peter ruhig genug erschien und wir uns endlich ausruhen konnten.
    «Man.», sagte er und hieb mir auf die Schultern, «Man! So war das aber nicht geplant.». Er lachte ausgiebig.
    Ich lehnte mich gegen eine Hauswand fand langsam wieder die Ruhe, die ich die ganze Zeit schon gebraucht hatte. Ein Stück weit ab leuchtete ein Schild von der Wand. Wir waren irgendwo zu einer ziemlich abgelegenen Kneipe gekommen, die sich dem Schild nach zu urteilen Dix schimpfte. Peter hatte es zuerst gesehen und stieß mich mit dem Ellenbogen an, bis ich das Schild bemerkte.
    «Was meinst du? Im Sitzen können wir uns doch besser von dem Schrecken erholen, oder? Außerdem fährt vor sechs sowieso nichts.», meinte er.
    «Na dann.», sagte ich, ging ein paar Schritte und zündete mir eine Zigarette an, «Na dann!»

    Im Dix war es ziemlich ruhig und ich fragte mich, ob es noch oder schon wieder so leer war, denn immerhin zeigte meine Uhr schon vier Uhr morgens. Die Bar war komplett frei und der Barkeeper schien sich sichtlich auf seinen Feierabend zu freuen. Er stand, zwischen Johnny Walker und halb leeren Tequilaflaschen vor einer großen Spiegelwand und gähnte immerzu. Weiter links gab es eine kleine Bühne, deren dicke Vorhänge aber darauf schließen ließen, dass sie längst nicht mehr benutzt wurde. Hier und da saßen ein trunkener, kahlköpfiger Student oder Ehemann einsam an einem der kleinen, runden Tische, immer noch in der Hoffnung, einer der wenigen Frauen im Raum in dieser Nacht noch mit zu sich nehmen zu können. Ein paar Kerle hatten sich schon resigniert in der anderen Ecke beim Billard zusammengefunden und taumelten Zug um Zug um den Tisch herum. So stelle man sich doch den Weltuntergang ohne Knall vor, dachte ich und musste schmunzeln.

    «Lass uns mal ein bisschen weiter nach hinten gehen.», schlug Peter vor und ich folgte bereitwillig.
    Es lief sehr langsame Musik. Alternative Rock oder so, dachte ich und ging so langsam wie die gequälte Stimme des Sängers hinter Peter her, der immer dunklere Teile der Bar oder Kneipe, was auch immer, vordrang. Bald sah ich schon fast gar nichts mehr, nur diesen immerwährenden Rotstich, der die ganze Lokalität durchzog, kam mir nicht aus den Augen. Bis ich ihm voll in den Rücken lief.
    «Soll ich dich vielleicht noch an der Hand führen? Man man man.», fluchte er und winkte ab.

    «Hey, du!», rief jemand aus dem Halbdunkeln herüber.
    Ich fühlte mich nicht angesprochen und tat weiter, was auch immer ich tat, ich wusste es selbst nicht mehr recht. Und tatsächlich, eher glücklicherweise, war nicht ich gemeint. Peter ging auf einen der Tische in der hintersten Ecke zu und blieb erst kurz davor stehen. Ich hingegen machte irgendwo auf halbem Weg Halt, um mit größtem Interesse den sich immer weiter vergrößernden Speichelfleck auf dem Tisch eines alten Mannes, der in aller Seelenruhe eingeschlafen war, zu betrachten.
    «Ey! Komm her und setz dich hin!», fauchte Peter mir nach ein paar Minuten aus der Ecke zu. Er hatte bei einem Mädchen Platz gefunden, dass, mit den Füßen gegen den Tisch gestemmt, in der gepolsterten Lehne eines der wuchtigen Sessel lag.
    «Mach mal halblang, ja? Bin ja nicht bescheuert.», keifte ich zurück, als ich an den Tisch gekommen war.
    «Tut mir leid.», erklärte er kleinlaut, «Das ist Patrick.»
    «Patrick?», fragte ich, um mich zu vergewissern, nicht etwas Falsches aufgeschnappt zu haben.

    «Ja, Patrick.», sagte das Mädchen, «Ist das etwas Besonderes?»
    Ein Mädchen namens Patrick. Natürlich war das etwas Besonderes, was denkt die sich denn, dachte ich. Ist das was Besonderes! Es machte schon Spaß, meinen Frust gegenüber Peter an einer Unbekannten innerlich auslassen zu können.
    «Nein!», rief ich laut und langgezogen.
    «Studiert ihr hier?», fragte das Mädchen, dass sich entweder selbst Patrick nannte, oder wirklich so hieß.
    Peter rückte unruhig auf seinem Platz herum und machte mich unheimlich nervös damit.
    «Naja, nicht hier.», erklärte ich und deutete auf den alten Mann schräg gegenüber, der gerade aufwachte und möglichst unauffällig mit dem ärmel seine Spucke vom Tisch zu wischen versuchte. «Aber schon hier, ja.», sagte ich.
    «Ich war vorher an der Technischen, aber dann haben sie die mit der normalen Uni zusammengelegt. Also, du musst wissen, welches Semester bist du eigentlich?», plapperte Peter plötzlich wie gestochen drauf los.

    Ich konnte dem Gespräch nicht richtig folgen. Immer wieder nickte ich für ein paar Sekunden ein, sodass mir immer wieder ein Teil eines jeden Satzes fehlte und ich nur Bahnhof verstand. Ich sah noch einmal prüfend auf die Uhr. Halb fünf. Die beiden redeten immer noch begeistern auf einander ein. Es war mir recht und ich beschloss, mich nicht länger gegen die Müdigkeit zu wehren. Es war befreiend, endlich irgendwo angekommen zu sein, wo man in Ruhe nachgeben konnte. Wie sich alles drehte und letztendendes auf einen einzigen Punkt konzentrierte, sich zusammenzog und von einem satten Schwarz verschluckt wurde. Nach und nach schaltete sich jedes Sinnesorgan ab. Zuerst verschwanden die bunten Bilder hinter den Lidern. Dann der fade, zurückgebliebene Geschmack der Zigarette. Dann der Geruch des durchgesessenen Leders. Dann die Schwere aus den Fingern. Nur die Fetzen des Gespräches blitzten noch ab und zu auf.

    «Ehrlich? Deswegen seid ihr hier hergekommen?»
    «Haha! Na aber freilig!»
    «Wahnsinn!»
    «Ist er denn immer so gesprächig?»
    «Er ist in Ordnung. Gewöhnungsbedürftig, aber im Endeffekt ein prima Kerl.»

    Als ich wieder zu mir kam, sah ich gleich wieder auf die Uhr. Kurz nach sechs. Peter und Patrick erzählten immer noch.

    «Ah! Guten Morgen!», rief Peter fröhlich, als ich mich im Sessel in Position rückte.
    «Morgen!», grinste das Mädchen namens Patrick, das wirklich so hieß, wie ich später erfahren sollte.
    «Wir wollten dich eh gerade wach machen. Gut geschlafen?», quatschte Peter auf mich ein, ohne dass ich so schnell schon wieder alles registrieren konnte.
    «Ja, ja.», stammelte ich.
    «Du, eh, geht’s dir wieder besser?», fragte er.
    Ich stand auf, die Beine hielten wieder. Ich tastete alle Taschen ab. Alles noch vorhanden. Ich steckte mir eine Zigarette in den Mund und ordnete provisorisch meine Haare: «Alles da.», sagte ich.
    «Gut. Kommst du vielleicht auch allein nach Hause? Ich und … Patrick und ich, wir würden …», fing er an.
    «Macht mal. Wenn du mir sagst, wo ich am schnellsten zur S-Bahn komme ist alles geritzt.», sagte ich zu Patrick.
    «Einfach aus der Tür raus und links, immer gerade aus. Verfehlst du nicht.», sagte sie.
    «Danke.», sagte ich, «Viel Spaß.», und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, dass den beiden die rote Farbe ins Gesicht trieb.
    «Ich komm nach.», rief mir Peter noch nach.
    «Glaub ich.», rief ich zurück, als ich die Tür gerade augestoßen hatte. Glaub ich, dachte ich, und das Mädchen namens Patrick sicher auch.

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