The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.

  • Ich erinnere mich noch gut an diesen einen, mein Leben sondergleichen beeinflussenden, mein Bild von bemitleidenswerten Zuständen vollends revidierenden, tiefe Risse im ohnehin kargen Selbstbewusstsein zurück lassenden, tragischen Tag. Jener Tag, an dem mir der beblaumannte Hausmeister mit hämischen Grinsen im tief gefurchten Henkersgesicht die Schlüssel zu meinem Zimmer im Studentenwohnheim überreichte.

    Fragt mich nicht, wie man auf die Idee kommen kann, in ein Wohnheim zu ziehen. Verbuchen wir diese Entscheidung unter der mittlerweile bekannten Kategorie Wenn ich alles wüsste. Gründe dagegen gibt es ja genug. Und selbst wenn man sich von ihnen auf dem Papier oder aus der Erzählung Anderer heraus nicht beeindrucken lassen will, so sind sie spätestens dann unablässig spür- und sichtbar, wenn man schließlich dort ist. Wenn man nicht mehr weg kann!

    Die Gänge des ausnahmslos immer kasernenartigen Baus riechen nach Formaldehyd, sodass man glauben muss, hinter den ausnahmslos immer gleich aussehenden Türen stünden riesige, wahrscheinlich auch ausnahmslos immer gleich große, Behälter, in denen man die armen Teufel, die sich hierher gewagt haben, als Energielieferanten eines aufkommenden, merkelschen Maschinenstaates konserviere. Wie sonst ist es bitte zu erklären, dass man hier Festpreise für Strom zahlt, während die Einkaufspreise stetig steigen?

    Im Wohnheim ist es so anonym, dass sich selbst Eremiten verarscht vorkommen müssen. Manchmal kann es passieren, dass man tagelang nicht eine einzige Person im gesammten Block zu Gesicht bekommt. Na gut, hier und da mal einen verschüchterten Asiaten, der beim Anblick menschlichen Lebens sofort zusammenzuckt, als würde man ihm jeden Moment den Hals umdrehen wollen, wenn man ihn grüßt. Außer man wagt sich in den Keller, an jenen katakombenhaften Ort, an dem Stöhnen und Schweiß regieren - in die improvisierte Muckibude, was beim Anblick gestählter, vor Körpernässe triefender Bauingenieursburschen auch nur frustrierend wirken kann. Die Existenz der angeblichen Mitbewohner lässt sich meist wirklich nur an ihren Spuren der Vermüllung erkennen, die sie überall hinterlassen.

    Zum Beispiel im Bad. Gleich, wenn man die Tür öffnet, steigt die Wahrscheinlichkeit mit jedem Schritt, den man den sanitären Anlagen näher kommt, auf eine Wut undefinierbarer Haare in allen erdenklichen Farben, Längen und Kräuselungsgraden zu stoßen. Da hilft nur Aufrüsten - Bewaffnung mit Scheuerlappen und Putzmitteln, auch um der dicken Dreckkrusten in Waschbecken und Dusche Herr zu werden. Freilich nur, bis die lieben Mitbewohner, wahrscheinlich Informatiker, wieder über diese herrliche Sauberkeit herfallen.

    Informatiker, genau! Denen reicht es, wenn Stuhl, Tastatur und Monitor freigeschaufelt sind. Schlafen tun die ja eh nicht. Ich wollte doch nie im Knast sein. Und das auch jetzt nicht. So kam die Einsicht ziemlich schnell: Ich muss hier raus! Raus, ja klar, aber wohin?

    Ich schaufelte mich durch dutzende Anzeigen im Internet, verglich so lang Quadratmeterangaben, beschönigte Bilder, Wohngegenden und Preise, bis ich mir eine kleine Liste heißer Favoriten zusammengestellt hatte, die es nun, ein sonnenstrahlender Mittwochmorgen, abzugrasen galt.

    Punkt 9 klingelte ich bei Rainald und Grete. Rainald war 37, trug einen Vollbart, auf den Osama bin Laden persönlich neidisch gewesen wäre, dazu einen bunten Sarong. Er studierte im 14ten oder 15ten Semster, so sicher war er sich da nicht mehr, Tibetologie, was, wie er immer wieder betonte, auf keinen Fall als Orchideenfach verkannt werden solle. Grete betrieb einen kleinen Reformhausladen im Erdgeschoss ihres Hauses und sah ziemlich genau so aus, wie sie hieß. Zudem war sie seit kurzem schwer depressiv, da sie meinte, für den mickrigen Sommer verantwortlich zu sein, hatte sie doch im Frühjahr bei einem afrikanischen Festival konstant 2 Wochen hindurch ekstatisch Regentänze vollführt.
    Die Angelegenheit stand auf wackligen Füßen, genau wie die hässliche Wappenschale, die ich in der mit allen möglichen Masken, Instrumenten und Teppichen nur so vollgestopften Bude fast rücklings umwarf.
    Rainald referierte anschließend eine Stunde lang über den Zusammenhang von Mensch und Heiligkeit im Tao-Te-King, ehe ich, wie er meinte, geistig genug gefestigt war, zu ertragen, dass ich nicht zu Grete und ihm passen würde. Dann massierte er sich eine Urin-Mango-Paste in seine Dreadlocks ein. Ich sei einfach zu abgespaced, zu alternativ, frohlockte er.

    Ok, ist mir nur recht, dachte ich und nahm sogleich die Straßenbahn zur nächsten WG. Mir öffnete ein kleiner Kerl mit dunkler Haut und schwarzen Haaren. Das spärliche Licht, welches aus dem Treppenhaus in den Flur lugte, schien ihn zu verwirren. Aufgeregt tippelte er auf der Stelle umher.
    «Haben wir Tag?», fragte er eher rhetorisch, schob sich eine Koffeintablette in den Mund und ließ mich reinkommen. Alle Fenster waren mit dunklen Decken verhangen. Aus den anliegenden Zimmern drang schwaches Monitorlicht in den Flur. Über allem ein konstantes Lüftersurren. In der Küche wartete das perfekte Technikchaos auf mich. An den Wänden hingen Mainboards und Grafikkarten, von der Decke baumelten Kabelstränge, am Tisch saß ein dürrer Kerl, blätterte in einem dicken Programmiersprachenkompendium, wobei er mit einem Strohhalm Kaffee schlürfte und nebenbei Pornos auf seinem Smartphone schaute.
    Scheiße, dachte ich. Jetzt fiel es mir wie Schuppen von Augen. Schwarze Haare, dunkle Haut, all die Computer. EDV-Inder! Hierher gingen damals also die ganzen Greencards! Kacke! Ich wollte aber keine Hornbrille! Die Nachkommastellen von Pi waren mir scheißegal! Ich machte sofort kehrt und rannte schreiend aus der Wohnung. An der Innenseite der Haustür hatten sie ein lebensgroßes Nacktbild von Pamela Anderson angebracht, das irgendwie klebrig aussah. Aus dem Bad roch es nach Sperma. Auf der Straße musste ich mich übergeben - IN-FOR-MA-TI-KER!

    Meine nächste Station führte mich wieder tief ins Kriegsgebiet. Dorthin, wo zu jeder Zeit und Stunde Leber und Hirn mit Russian Standard, Sterni und Beck’s bombadiert werden. Im Nachhinein nenne ich sie gern die Ballermann-Boys. Schon vor der Tür türmten sich Körbe voller Leergut, in der Wohnung selbst sah es nicht besser aus. Die Einrichtung war auf das Notwendigste reduziert. Tisch, Stühle, Matratzen, Eimer.

    Ich glaube, die Ansammlung lallender Leute wusste überhaupt nicht, was ich von ihr wollte. Und ich nicht, was sie von mir. Gleich im Wohnzimmer bekam ich das erste Hansa Pils in die Hand gedrückt. Ich müsse mithelfen, hieß es, beim Bau ihrer Bierliner Mauer, dem kläglichen Kalauerversuch, alle Wände ihres Wohnzimmers komplett mit Bierdosen auszukleiden.
    Eigentlich hätte ich noch drei andere Besichtigungstermine gehabt. Doch bei meinem Glück hätte es mich bestimmt eh zu blutig geisbockbehornten Satansjüngern, bibelschwingenden Fundichristen oder chantenden Crishnas geführt. Dann doch lieber Bier.
    «Ja, klar nehm ich noch eins.»

    Wir spielten Kreuzungssaufen. Vier Gruppen, eine Kreuzung. Flaschendrehen. Jene Gruppe, auf die die Flasche zeigt, ext ein Bier und in dieselbe Richtung geht es weiter. Bis zur nächsten Kreuzung. Selbes Spiel. Hin und wieder blitzte die Resignation in den Wirrungen meines vom Alkohol verweichlichten Hirns auf. Ein halbes Jahr. Das sind noch gut 25 Wochen Wohnheim. Aber zu reiflicher Überlegung kam ich nicht. Wir soffen uns durch die halbe Stadt, kreuz und quer. Mein Portmonee ächzte vom Bierkaufen, meine Arme brannten vom Bierschleppen, mein Magen rebellierte vom Biertrinken. Zufällig kamen wir in die Nähe meiner Wohnkaserne. Unbemerkt schaffte ich torkelnderweise den Absprung, trottete durch die verlassenen Gänge, versank in meinem Bett und schlief ein. Alles nur ein böööser Traum.

    ABER…

    Er musste darauf gewartet haben. Es kam mir vor, als wären keine fünf Minuten vergangen, als der ohrenbetäubende Lärm begann, der mich mit einem Mal aus der Totenstarre direkt in die Aufrechte riss. Mein werter Zimmernachbar war dazu übergangen, der Himmel weiß wie spät es war, jedenfalls war es nicht die passende Zeit, seine Wand mit einem Schlagbohrer zu penetrieren. Fröhlich perforierte er vor sich hin, drillte ein Löchlein nach dem anderen in den Beton und mir mehr und mehr Schmerzen in den Schädel.
    Dieser Vollidiot, dachte ich, ohne zu wissen, wen genau ich überhaupt meinte, kannte ich doch nur seine Müllspuren und fasste mir ein Herz. Dem werd ich’s zeigen. Dem Arsch. Fronten mussten geklärt werden.

    Ich torkelte zu seiner Tür und startete eine Drumsession, wie sie in puncto Aggressivität und Ausdauer keinem Death-Metal-Drummer nachstand, gepaart mit schmeichelnden Einwürfen wie «Mach auf, du Arschloch!» und Tritten gegen seine vor der Tür abgestellten Mülltüten, aus denen Reste vergorener Milch nur so durch die Gegend spritzten.

    Georg, so der Name meines Müllbewohners, war zwei, drei, vier Köpfe größer als ich, so hoch konnte ich kaum gucken. Er hatte ein Kreuz, auf dem Jesus völlig untergegangen wäre und studierte Maschinenbau. Dazu trug er karierte Hemden und hörte Emo. Ob er Samenstau hatte, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, aber jedenfalls schien ihm die Komplexität seines Maschinenbaulebens sehr auf die Tränendrüse zu drücken. Nach ein paar Sekunden blutrünstigsten Anstarrens fielen wir uns bereits in die Arme. Ich ihm, weil mir der Restalkohol gerade den Boden unter den Füßen wegzog und er mir, weil ihm Taking Back Sunday und Dashboard Confessional bereits den Tag versaut hatten.

    Noch 25 Wochen…

KOMMENTARE / EINE MEINUNG

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ich habe es so satt mittlerweile, in wohnheimen zu wohnen… innerhalb von einem jahr bekam ich bereits meinen vierten nachbar. das heisst, zum vierten mal muss ich die subjektiv hirnamputierte, blöde, dumme person “erziehen”, erklären, bitten… und ich möchte nichts anderes als meine ersehnte ruhe nach 22 uhr… !

4. April 2008, Wohnheimer

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