The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.

  • Bitte beachten:

    Dies ist der zweite Teil einer weiterten, kleinen Trilogie über Erlebnisse während und nach einem Besuch beim Kieferchirugen. Hier findest du noch einmal Links zu allen Teilen:

    Unten an den Briefkästen schaute Tina schnell durch die Post. Die Werbung entsorgte sie gleich in die Tonnen vor dem Haus. Übrig blieben nichts als ein Normbrief mit Amtsstempel, der ihre Laune nur bedingt erhellen konnte, und die Zeitung.
    Ich bin krank, sagte sie in Gedanken zu sich selbst, und es behindert meine Genesung. Sie stopfte den Brief in ihre Tasche, klemmte die Tageszeitung unter den Arm und schloß gerade den Briefkasten, als sie von oben lautes Gepolter hörte.

    Sofort zischten ihr tausende Vorahnungen durch den Kopf. Sie hatte, da sie eine eher gute Meinung von ihren Nachbarn und das Haus sowieso nicht verlassen hatte, die Wohnungstür nur angelehnt und malte sich nun bereits aus, wie sich irgendwelche verrückten Freunde eines der Mieter einen Weg quer durch ihre Einrichtung bahnten. Das Wackeln des Geländers reichte bis nach unten zu den Briefkästen, immer wieder schlängelte sich ein neuer Hieb auf die Metallstangen zu ihr durch. Ganz langsam schlich sie nach oben und versuchte so aufzutreten, dass das alte Holz der Treppen keinen Ton von sich gab, der sie hätte verraten können. In der ersten Etage nahm sie sich einen Blumentopf vom Fensterbrett und hielt ihn bereits fest in der Hand, sodass sie nur auf den Impuls warten müsste, der sie zur Attacke bringen würde und tappte weiter nach oben. Als sich das Geländer beruhigt hatte und sie sich genau ein Stockwerk unter ihrer Wohnung befand, trampelte jemand auf den Holzdielen hin und her. Jetzt drehen sie völlig frei, dachte Tina und tastete vorsichtig ihre Taschen ab in der Hoffnung, ihr Handy greifbar zu haben. Aber es lag gut aufgehoben in der Wohnung. Schließlich fasste sie sich ein Herz und hastete die letzte Treppe nach oben, sodass sie immerhin schon einen Blick auf ihre Tür werfen konnte und stoppte sofort, als sie erkannte, was passiert war.

    Mitten auf dem Flur stand Frau Mertens, die betagte Nachbarin, eine Hand am Geländer und sichtlich durch die Gegend schwankend. Tina nahm die letzten Stufen in einem Schritt und griff nach dem Arm der alten Dame, um sie endlich stabil zu halten.
    «Tag Frau Mertens!», sagte sie, «Ist etwas passiert?»
    Die alte Dame schnaufte und stand gerade, aber man konnte merklich spüren, wie sie keinerlei Kontrolle über sich hatte und beim Loslassen sofort wieder in Richtung einer Wand oder Treppe taumeln würde.
    «Ach!», schrie Frau Mertens, die schon immer schlecht hörte, «Was sagen Sie?»
    Einen Moment lang hielt Tina inne und musste grinsen. Sie wusste nicht genau, wie sie diesen Anblick zu verstehen hatte. Frau Mertens war eine immer sehr gut gekleidete Dame von Welt, wie man sagen würde, die sich vor ein, zwei Jahren noch regelmässig aufgemacht hatte, um die aktuellen Theatervorstellungen anzusehen. Dass sie vielleicht zu trinken begonnen hätte, konnte sich Tina nicht vorstellen, obwohl sie bei ihrem Einzug, als Frau Mertens bereits nach dem Kaffee ihre Cherry-Vorräte plünderte, durchaus die Trinkfestigkeit der guten Frau zu spüren bekommen hatte.
    «Sie haben doch nicht etwa wieder Cherry —?», fragte Tina leise, denn ganz recht konnte sich trotzdem keinen Reim auf die Sache machen.
    Frau Mertens begann zu lachen und stolperte sogleich ein paar Schritte auf die Treppe zu, da sie den Halt verloren hatte. «Kind, was denken Sie! Aber übel nehmen kann man es nicht. Ich hab meinen Rolly drinnen.»
    Sie drückte Tinas Hand etwas fester und zog sich so gut es ging in eine möglichst stabile Stellung. «Ich hab seit letztem Jahr so ungeheure Probleme mit dem Gleichgewicht.», erklärte sie und tippte an ihr linkes Ohr, «Mit den Ohren hat das zu tun. Und alle, die das nicht wissen, denken, dass ich mir jeden Tag einen ansaufe. Schließlich hab ich ja niemanden.»
    Tina nickte nur und Frau Mertens begann einen langen Klagereigen, der unter vielem Anderen auch sehr kurz auf die eigentliche Frage einging. Natürlich kann es einem leidtun, dachte sie. Dass aber Tinas Wange in puncto Umfang erheblich zugenommen hatte, bemerkte Frau Mertens gar nicht. Erst nach einem Versprechen, doch das ein oder andere Mal auf einen Kaffee vorbeizuschauen, konnte Tina endlich wieder in ihre Wohnung.

    Eigentlich wollte sie noch in Ruhe die mitgebrachte Zeitung lesen, aber dazu kam sie nicht mehr. Sie setze sich an den Küchentisch und starrte wieder aus dem Fenster. Die Wolken hatten längst wieder den Himmel erobert und waren von dunklen Streifen durchzogen, die nichts als Regen versprachen. Es scheint doch kein vielversprechender Tag zu werfen, dachte sie, als plötzlich der Schmerz einsetzte.

    Mit einem Mal war dieses Gefühl da, das sich nicht leugnen ließ. Selbst wenn sie versuchte, an etwas Anderes zu denken, gelang es ihr nicht. Alles schien ganz automatisch nur darum zu kreisen, dass sie es nicht geschafft hatte, noch vor dem Aussetzen der Narkose ins Bett zu kommen. Jetzt schien es schon fast aussichtslos. Alle inneren Alarmglocken ihres Körpers quäkten, dass etwas nicht stimmen konnte. Und plötzlich konnte sie jedwede Ader in ihrem Mund spüren.
    Da fiel ihr ein, dass sie Tabletten verschrieben bekommen hatte. Sie riss die Packung auf, fingerte eine dicke Schmerztablette aus der Plastikform und würgte sie ohne Wasser herunter. Dann holte sie in aller Eile das Eis aus dem Gefrierfach, schnürte es in einem Handtuch zu einem ordentlichen Paket und warf sich auf das Sofa, um möglichst bald wieder ruhig zu werden.

    Aber schon nach ein paar Minuten musste sie den Eisbeutel wieder abnehmen, denn selbst wenn ihre Wange zu glühen schien, hatte sie das Gefühl, als würde sie jeden Moment erfrieren müssen. Außerdem schien es das Pochen und jenes ekelhafte Ziehen, das in regelmäßigen, minütlichen Wellen anrollte und sich wie eine mächtige Wassermasse an den Klüften ihres Gebisses brach, noch verstärkt zu haben. Jede Bewegung schmerzte und nichts brachte eine Linderung. Und wieder schien alles, worüber sie sich gewöhnlich den Kopf zerbrach, nicht länger zu existieren. Allgegenwärtig jedoch war dieser Schmerz, alles überschattend und unbarmherzig gegenüber jeder Ablenkung. Wie ein schwarzes Loch saugte er alles in sich ein und löste es auf.
    Sie wollte weinen, aber ihr gesamter Mundraum tat viel zu sehr weh, als das sie es über sich bringen konnte, noch irgendeinen Teil ihres Gesichts anzuspannen. Sie ballte die Hände zu Fäusten, sprang vom Stuhl auf und wollte etwas zertrümmern, etwas in alle Einzelteile zerschlagen, einfach eine blinde Wut auf irgendetwas in ihrer Nähe entfahren lassen, die sie für kurze Zeit von dem unsäglichen Hämmern und Pochen ihres Kiefers befreien würde.
    Immer wieder sah sie auf die Uhr, aber die Zeit wollte einfach nicht voranschreiten. Sie versuchte sich, so stark sie konnte, auf etwas Schönes zu fixieren. Die Ausflüge zum See, das gemeinsame Lachen - und da kam der Schmerz - die Nachtspaziergänge, das Eisessen - der Schmerz. Vor ihren Augen begann sich alles zu drehen und Tina betete halb, dass sie ohnmächtig werden würde, um nichts von alledem mehr ertragen zu müssen. Irgendwann jedoch, als sie es schon fast nicht mehr für möglich gehalten hatte und dabei war, sich klarzumachen, dass beim nächsten Mal, zusätzlich zur Vollnarkose während der Operation, noch mindestens drei Tage künstliches Koma im Nachhinein folgen mussten, entfaltete die Tablette ihre Wirkung. Und sofort war die Qual nur noch eine Erinnerung. So sehr sie es versuchte, sie konnte nichts von jenem Gefühl behalten, als das Wissen, es gehabt zu haben.

    Der zweite Tag verging buchstäblich ohne Vorkommnisse und nur von ständigem Schmerz begleitet. Tina verbrachte ihn mit schiefem Hals und einigen Handtüchern voller Eis auf der Wange vor dem Fernseher.
    Nach dem Aufstehen gönnte sie sich die erste Schmerztablette, die ihr, zwei Stunden später, mehr schlecht als recht die Möglichkeit eröffnete, ein wenig Toastbrot zum Frühstück zu essen. Danach holte sie sich ein dickes Paket voller Eis aus dem Gefrierfach und versuchte, sich in die Welt der ersten Talk Shows zu vertiefen. So fuhr sie fort bis zum Abend, der sich dank der ärztlichen Beschränkung auf drei Tabletten pro Tag nicht sonderlich erfreulich gestaltete und das Einschlafen nicht gerade erleichterte. Und da ich sie kannte, hätte ich nicht ausmachen können, was in diesem Fall für sie unerträglicher gewesen sein musste, der Schmerz oder das Programm der Privatsender.

    Am nächsten Morgen war ich besonders früh aufgestanden, um bloß nicht den Termin zu verpassen. Es freute Peter wenig, als ich ihn aus dem Bett trommelte, um ihn noch einmal nach den Schlüsseln für sein Auto zu fragen. Überpünktlich stand ich vor Tinas Haustür und traute mich nicht, eher als zum vereinbarten Termin zu klingeln. Sie ging noch immer vorsichtig, als würde jede kleine Erschütterung ihres Kiefers das Nervenzentrum ihres Gehirns an die erst zwei Tage zurückliegende Operation erinnern.

    «Au Backe!», rief ich, als sie die letzte Treppe des Erdgeschosses erreicht hatte, ohne meine Wortwahl zu bemerken, und erntete den ersten bösen Blick dafür, «Tut es noch weh?»
    Meine Frage erübrigte sich immer mehr, je näher sie mir kam. Ihre Wange hatte eine Wölbung erreicht, bei der man denken musste, man hätte ihr, statt etwas zu entfernen, einen Golfball implantiert.
    «Die abgerissenen Nervenenden wünschen sich ihren Zahn zurück.», keuchte sie und versuchte zu grinsen. Ihre Bissigkeit hatte sie jedenfalls nicht einbüßen müssen.

    Weiter zum dritten Teil »

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