The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.

  • Bitte beachten:

    Dies ist der dritte Teil einer weiterten, kleinen Trilogie über Erlebnisse während und nach einem Besuch beim Kieferchirugen. Hier findest du noch einmal Links zu allen Teilen:

    Das Wartezimmer war, zum Trotze dessen, dass es gerade einmal sieben Uhr war, als wir Peters kleinen Corsa hinter der Praxis geparkt hatten, schon brechend voll. An den Fenstern hing noch der Raureif des Frühlings, aber die Sonne hatte bereits eine Kraft erreicht, die den Leuten nahe bei den großen Glasscheiben Schweißperlen auf die Stirn trieb. Die halbe Stadt schien sich bereits versammelt zu haben, um sich störende Backenzähne oder chirurgische Fäden entfernen und künstliche Zähne einsetzen zu lassen.

    Voller Neugierde studierte ich aufmerksam die Poster an den Wänden, auf denen Stiftzähne aus Titan und die Behandlungsverordnung erklärt wurden, sowie die Gesichter der anderen Patienten. Ein kleines Mädchen wippte ungeduldig auf ihrem Stuhl hin und her, während ihre Mutter überhaupt nicht begeistert ausschaute. Nur zu gern hätte ich ihnen erklärt, was ich an Tina bereits mitbekommen hatte, aber wollte ihnen auch nicht alle Zuversicht auf einen glimpflichen Ausgang dieser Angelegenheit nehmen. Selbst ganz im Allgemeinen sah niemand in diesem Zimmer besonders glücklich aus. Manch einer besah sich aus dem Augenwinkel Tinas Wange und schluckte. Nur Tina selbst schien ruhig, denn sie konnte sich schon längst nichts Schlimmeres mehr als die letzten zwei Tage vorstellen.

    Eigentlich wollte ich mir langsam die Zeitungen vornehmen, die man in dem kleinen Metallständer für die Wartenden abgelegt hatte, aber schon bald warf sich ein fetter Kerl neben mir in den dünnen Plastikstuhl, sodass dieser unglaublich zu zittern begann und ich nur darauf wartete, dass er mit lautem Ächzen in hunderte Teile zerspringen würde. Er war viel älter als ich, wahrscheinlich längst Rentner, hatte graue Haare und war einer jener Leute, die penetrant auf Andere einreden müssen. Das allein wäre noch zu ertragen gewesen, die Crux an der Sache aber war, dass dieser Kerl eine Landschaft in seinem Mund mit sich herumtrug, gegen die jede Biotonne absolut steril wirken musste. Er stank bestialisch und eine Zeit lang war ich mir nicht sicher, ob der ekelerregende Geruch nun ausschließlich aus seinem Mund oder nicht auch von seinen versifften Klamotten kam. Hätte man genau hingesehen, ich wette, man hätte mit Leichtigkeit nachvollziehen können, was dieser Typ in den letzten zwei bis zwölf Wochen zu sich genommen hatte.

    Aber um allem die Krone aufzusetzen, sprach er mich natürlich an:
    «Müssen Sie och zun Doktor?», lallte er und ich versuchte nach einem ersten Würgeanfall, den ich mir nicht anmerken lassen wollte, zu erahnen, ob ich nicht auch noch eine Fahne riechen konnte.
    «Nein.», antwortete ich streng und drehte mich zum Fenster. Ich hoffte, ich bettelte fast, dass er diese Geste verstehen und mich in Ruhe lassen würde.
    «Ick muss zun Doktor.», rief er und freute sich sichtlich.
    «Das glaube ich.», sagte ich und bemerkte, dass ihm mittlerweile auch Blutfäden aus dem Mund rannen.
    «Wejen meine Zähne!», brabbelte er weiter und pulte mit den Fingern in seinem Mund herum, sodass mir wieder Brechreiz erregende Schwaden seines Atems entgegen quollen.
    «Ich —», hob ich an und schüttelte mich, wobei ich Tina anstieß.
    «Allet kaputt saren die!»
    «— Nein — Ich —»
    «Herr Schigulsky?», rief eine Schwester von der Rezeption her, «Sie können dann schon ein Stockwerk tiefer gehen. Sie werden sowieso dort behandelt.»
    Dem Himmel sei dank, dachte ich, stützte die Ellenbogen auf die Oberschenkel und ließ meinen Kopf in die flache Hand fallen. Nach einer Weile sah ich auf und zur Rezeption, von der aus mir eine junge Schwester mitleidig zulächelte. Und bei dem Gedanken an diesen Kerl stieß ich noch einmal auf, sodass mir mein Mageninhalt beinahe bis in den Rachen hinauf schlug.
    «Wieso muss der Mann nach unten?», fragte das kleine Mädchen, das mit ihrer Mutter gekommen war.
    «Unten sind die üblen Fälle. Die ganz üblen.», erklärte sie trocken.

    Als Tina endlich aufgerufen wurde, war ich gerade dabei, mich in der neusten Frauenzeitschrift über die tiefenpsychologischen Schattierungen meines Seelenlebens zu informieren, die Tina nur mit einem abfälligen Blick quittierte. Ganz langsam ging sie auf den Behandlungsraum zu, den man ihr genannt hatte und musterte dabei sehr genau die einzelnen Zimmer, während sie versuchte, zu erraten, was wohl hinter den einzelnen Türen läge. An der richtigen Tür angekommen, klopfte sie anständig, wobei der anwesende Arzt und eine Schwester, die gerade etwas am Computer tippten, aufgeregt zusammenschraken.

    «Ach ja, guten Morgen.», rief der junge Arzt, der ihr auch die beiden Zähne entfernt hatte und tat so, als könnte er sich an Tina erinnern.
    Er hat keine Ahnung, woher er mich kennen sollte, dachte sie und verzog die Augenbrauen.
    «Wir haben sie ja, ehm, wann gesehen?», fragte er und drehte sich gleichzeitig zur Schwester hin.
    «Vorgestern!», warf diese aus dem Hintergrund ein.
    «Und da haben wir sicher etwas entfernt, ja?», er rieb sich die Hände, «Oder nicht doch etwas hinzugepackt?», unkte er und lachte fröhlich vor sich hin.
    Tina stand wie angewurzelt und sagte überhaupt nichts. Sie verzog nicht einmal eine Miene. Über das, was sie letzthin erst hatte aushalten müssen, duldete sie keine Scherze. Das sollte der von seiner Witzigkeit unheimlich überzeugte Arzt ruhig zu spüren bekommen.
    «Schon gut, schon gut. Setzen sie sich!», unterbrach er die unangenehme Stille und zeigte auf den Behandlungsstuhl. «Ist ja auch schön dick geworden, wie man sieht.»

    Das Licht der mehrarmigen Lampe brannte unangenehm in den Augen und brachte schon wieder beunruhigende Erinnerungen auf den Plan.
    «Ach, das sieht doch sehr gut aus!», beschwichtige der Arzt, als er mit einer Sonde die Wunde im Unterkiefer betrachtete, «Sehr schön!»
    Und auch das riesige Loch im Oberkiefer gefiel ihm, was er immerzu mit einem gemurmelten «Sehr schön! Sehr schön!» zu Protokoll gab.
    Tina beruhigte sich merklich. Gleich ist es überstanden, redete sie sich ein und atmete tief durch, während die Schwester noch einige Dinge für ihre Mitschrift erfragte.
    «Ach ja, zwei Tage.», hörte sie von hinten den Arzt sagen, und «Natürlich.», die Schwester.
    Das heißt nichts Gutes, dachte sie. Es kann eigentlich gar nichts Gutes heißen, denn wenn schon alles beendet wäre, könnten sie mich längst aufstehen und gehen lassen.
    Mit einem Mal waren ihre Hände schon wieder feucht und die Nervosität hatte sie fest im Würgegriff.
    «Na gut, dann noch einmal den Mund auf.!», befehligte der Arzt. Er schien es jetzt eilig zu haben.
    Er nahm sich wieder die Pinzette und tippte nacheinander auf einige der anliegenden Backenzähne.

    Tina versuchte, an überhaupt nichts zu denken, denn das würde, so befand sie, das Allerbeste in dieser Situation sein. Nichts zu erwarten und —, aber weiter kam sie nicht, denn mit einem Mal zog sich ein Stechen durch ihren Kopf, als hätte man ihr einen Pflock durchs Auge gerammt, den man jetzt mit aller Kraft entfernen wollte. Der Arzt hatte irgendetwas mit seiner Pinzette gepackt und zog jetzt daran. Und jeden Zentimeter, den er mit der Pinzette näher zu sich kam, hob Tina vom Behandlungsstuhl ab. Sie hatte das Gefühl, als würde er versuchen, den nächstbesten Backenzahn ganz einfach ohne Betäubung zu entfernen. Sie stöhnte und drückte ihre Fingernägel so fest in ihre Handballen, dass die oberste Hautschicht mit Blut unterlief. Sie dachte, wenn sie jetzt nachgäbe, würden mit jenem Ding, an dem der Arzt gerade zog, auch noch einige andere Zähne und Fetzen von Zahnfleisch verloren gehen. Aber plötzlich gab es ein Geräusch, als würde man einen verstopften Abfluss von einem dicken Haarknäuel befreien. Der junge Arzt hielt kurzzeitig triumphierend ein blutrotes Stückchen Watte, dass dick in Mullbinden eingeschlagen war, in die Luft, ehe er es im Mülleimer verschwinden ließ. Tina sackte zurück und gegen die Stuhllehne. Alles, was an jenem zwei grässlichen Tagen geheilt war, schien wieder offen zu sein. Sie spürte, wie ein kleiner Blutstrahl unbekümmert aus dem Loch in ihrem Unterkiefer sprudelte und spuckte eine erste Ladung Blut in das kleine Waschbecken neben sich. Der Schweiß lief ihr in Strömen die Stirn hinab und ihre Arme zitterten, als hätte sie gerade das fünffache ihres Körpergewichts gestemmt.

    «W — Was war das?», fragte sie mit zittriger Stimme, ohne wirklich die Antwort hören zu wollen. Alles, was sie interessierte, war, ob es jetzt vorbei sei.
    «Nur eine kleine Kompressionsbinde. Saß ein wenig fest.»
    Die geringschätzige Verwendung der Adjektive klein und wenig hätte Tina rasend gemacht, hätte sie sich nicht so nah an einem innerlichen Kollaps gefühlt. So kam sie nur dazu, zu fragen, ob es das jetzt gewesen sei.
    «Moment», antwortete der Arzt, «Der Faden fehlt noch.»
    Sie wollte gerade nach einer Spritze fragen, da griff der Arzt noch einmal in ihren Mund, sie vernahm ein leises Klicken und hielt er ihr ein dünnes Fädchen vor die Augen:
    «Geschafft!»
    Aber sie wusste längst nicht mehr, ob sie sich freuen sollte, oder ob sie einfach nur nichts mehr von alledem mitbekommen wollte. Sie hatte das Gefühl, als wäre die Wunde im Unterkiefer wie eine Blume im Frühjahr aufgebrochen. Ihr gereiztes Zahnfleisch pulsierte und pumpte so viel Blut als irgend möglich zu den offenen Stellen, sodass sie immer wieder gefühlte Liter hinunterschlucken musste. Man presste ihr noch einmal für zehn oder zwanzig Sekunden einen Wattebausch auf die blutende Stelle, was wirklich half, aber gleichzeitig so sehr weh tat, dass ihr die Tränen in wahren Sturzbächen über die Wangen liefen.
    «Ist vorbei.», tröstete die Schwester sie und tupfte ihr mit dem Handrücken die Tränen von den Wangen, «Ist vorbei.»

    Tina verließ den Behandlungsraum ohne große Abschiedsszenen, sondern voller Schmerz, der sich 1:1 in Wut zu verwandeln schien. Ein Handschlag zum Abschied, bei den Genesungswünschen stand sie bereits mit einem Fuß auf der Türschwelle. Nur noch ins Bett, dachte sie und hatte keine Zweifel daran, dass alles wohltuender sein würde, als noch länger in dieser Praxis zu bleiben. Fest entschlossen und mit ebenso fest aufeinander gepressten Zähnen stürmte sie ins Wartezimmer. Ich wusste überhaupt nicht, was man mit ihr gemacht hatte. Völlig wortlos stand sie vor mir, wedelte mit ihren Papieren und zeigte ungeduldig immer wieder auf den Ausgang.
    «Fertig?», fragte ich stutzig.
    Sie nickte aufgeregt.
    «Musst du noch einmal her?»
    Energisches Kopfschütteln.
    Aber für ihren Geschmack schien ich einfach viel zu langsam zu reagieren. Sie griff meine Hand, zog mich in die Aufrechte und auf den Ausgang zu. In voller Fahrt stieß sie die Tür auf. Beinahe hätten wir noch ein älteres Ehepaar über den Haufen gerannt. Auf den wenigen Treppen vor dem Ärztehaus blieb ich störrisch stehen, hielt Tina zurück und zog sie an mich.
    «Was haben die mit dir gemacht?», fragte ich.
    Und Tina tat das, was sie seit ihrer Operation zurückgehalten hatte. Sie brach in Tränen aus.

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