The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.

  • Bitte zuerst mit Teil I beginnen.

    Mein Döner schmeckte total beschissen.
    »Der schmeckt doch beschissen.« stimmte T zu und warf einen Rest Fladenbrot auf die vor uns ausgebreitete Alufolie. Als wollte er mir nochmals vor Augen führen, dass er es ja gleich gesagt hatte. Aber ich ließ mir nichts anmerken. Natürlich war es keine gute Idee, um zehn Uhr morgens Döner holen zu gehen. Und natürlich wusste ich, dass ich lauwarmen, halb rohen, stumpf abgehackten Dreck zu essen bekommen würde. Dafür aber beruhigte es meinen Magen, der eine halbe Stunde zuvor noch die Römischen Elegien geknurrt hatte. Gut gegessen ist halt gewonnen, dachte ich. Man bekommt diesen ganzen Kram nicht mehr aus dem Kopf, wenn man ihn jahrelang vorgekaut bekommen hat. Essen hebt die Moral, ohne Schnitzel kein Scharmützel.

    »Um acht bei dir.« hatte ich Tags zuvor erklärt. So wie ich es kannte. Man zieht früh morgens um, sodass man nach Möglichkeit mittags bereits alles hinter sich gebracht hat. Nachmittags noch Dinge durch die Gegend zu schleppen hätte gleich den Anschein erweckt, dass man nichts zu Stande bekäme. Ungewohnt ausgeruht war ich sogar aus dem Bett gekommen. Mit dem Fuss die beiden Bierflaschen umgemäht, denen ich die ruhige Nacht zu verdanken hatte. Und kurz vor um schon unten an der Tür gestanden. K war nicht da. Es sah so aus, als hätte sie das Feld an diesem Tag freiwillig geräumt und war mit irgendwem irgendwohin unterwegs. Richtig wollte T es mir nicht sagen. Es schien ihn sowieso schon hart genug getroffen zu haben, mit welcher Eisernheit und Kälte K die Situation hatte umschlagen lassen können. Nachdem sie dazu übergangen war überhaupt nicht mehr mit ihm zu sprechen, ignorierte sie ihn jetzt vollends. Das heißt sie sah ihn nicht einmal mehr an und ich fragte mich insgeheim, inwiefern es überhaupt eine Beziehung gewesen sein konnte, wenn sie so abrupt ad absurdum geführt werden konnte.

    Einen Zeichentisch, die Schreibmaschine, die Matratze, einen Schrank und das Regal voller Bücher, den Rest verstaut in zwei große Taschen aus weissem Segeltuch. T lebte damals wirklich spartanischer, als es Spartacus selbst von seinen Mannen verlangt haben musste. Er sortierte sogar noch von seinen wenigen Habseligkeiten einiges aus. Den alten Fernseher seiner Eltern ließ er stehen. Er funktionierte kaum noch und ein neuer hätte sich damals noch gut und gern auf ein halbes Monatsgehalt belaufen. Er kokettierte beinahe mit den Legenden der Jahrhundertwende, als zöge er mit allein dem Nötigsten einer hoffentlich guten Zeit entgegen. Geschirr und alles andere Küchengerät interessierte ihn wohl auch deshalb umso weniger.

    »Das soll sie behalten.« meinte er, »Das brauch’ und will ich nicht.« Er hatte seine neue Bleibe über mehrere Ecken aufgetrieben. Der Vormieter hatte sich mitten im Monat aus dem Staub gemacht. Der Küchenkram sei ganz brauchbar gewesen, hatte der Vermieter gesagt. Das ganze andere Zeug war zum Ende des Monats in den Müll gewandert. Die Stadt bezahlte Zwangsräumungen noch.

    »Sogar zu den Bullen musste ich.« hustete T.
    »Warum?«
    »Da hat eine Verwandte oder so angerufen. Und als lang genug keiner da war, hat sie die Bullen geholt.«, T wurde aus unerklärlichen Gründen immer aufgeregter, als er mir die Geschichte erzählte.
    »Jetzt checken die jeden, der da auch nur klingelt. Naja, jetzt wohl nicht mehr. Aber gefunden haben die den immer noch nicht. Oder die.«

    Ich war ehrlich gesagt froh, dass es F nicht geschafft hatte zu kommen. Ich wollte nicht einmal wissen, in was für einem Loch er wieder werweisswieviel in sich hinein geschüttet hatte. Wenn er um diese Uhrzeit überhaupt schon einen Weg nach Hause gefunden hatte, dann sicher nicht in einem Zustand, der das Tragen von Gegenständen ermöglicht hätte. T hatte ein wenig geflucht, weil uns so der Transporter flöten gegangen war. Mir war es nur recht.

    Denn es war ein gutes Gefühl, den massigen Holzschrank in die U-Bahn zu wuchten und die verdatterten Blicke der Leute auf sich ruhen zu spüren. Sie alle fragten sich mindestens eine Sekunde lang, was wir vor hatten. Ob wir ihn geklaut hätten oder einfach nur total bekloppt wären. Man trifft ja genug komische Leute, wenn man nur lang genug in den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist. Ich fühlte mich gut, auch endlich einen Teil dazu beigetragen zu haben. Neue Dinge tun, nur das konnte mich aufheitern.

    Viermal diese Tour, wobei die Bücher mir fast Rückgrat gebrochen hätten. Ich hatte geglaubt ein Knirschen in meiner Wirbelsäule gehört zu haben, als ich mir den zentnerschweren Sack den Rücken hinauf zog und loswankte. Jetzt fühlte sich mein Bizeps wie Hausschlachtewurst an, die allein von straff gespannter Haut der Oberarme davon abgehalten wurde, auf den Boden zu klatschen. Hinzu gesellte sich das Beissen des Schmerzes in den Millionen kleiner Fasern, der jedesmal zupackte, wenn ich den Fehler machte und mich bewegte. Immer dasselbe, man lacht so lang über die Sportler, die vor einem Hundertmeterlauf, der weniger als zehn Sekunden dauert, erst zehn Minuten dehnen und lockern und danach dasselbe Prozedere nochmals durchlaufen, bis man endlich einsieht, warum gerade die keinen Muskelkater bekommen.

    T schien trotzdem vollends unbeeindruckt von unserer Heldentat. Gerade einmal zwei Stunden hatten wir gebraucht, plus eine viertel Stunde für den Umweg zu Kemal. Wir hatten noch schnell den Kühlschrank bestückt und angeschlossen, ehe wir uns direkt daneben niederließen, um genüsslich auf den blutigen Fleischfetzen herumzukauen. Er lehnte sich zurück, schob seinen Rest von sich weg und zündete sich eine Zigarette an. Ich wurde schon wieder müde. Die letzte Nacht war doch zu kurz gewesen.

    »Weisst du, es macht mir nicht das Geringste aus, sechs, sieben, acht Jahre lang der Verlierer zu sein, auf den sie alle gedanklich herabblicken, wenn sie sich in Gesprächen gegenseitig hochjubeln.« sagte T völlig aus dem Zusammenhang gerissen. »Zwölf Monate lang immer nur verlieren, na und? Aber jeden einzelnen Tag so zu überstehen, das ist es, was ich nicht aushalte, verstehst du?«
    Ich nickte. Bei mir lief es nicht besser. Auch wenn man mir gegen Ende der Schulzeit so oder so keine rosigen Zeiten prophezeit hatte. Also war es in gewisser Hinsicht auch in Ordnung. Ein paar Tage zuvor war mir die endgültige Kündigung ins Haus geflattert. Das störte mich nicht sonderlich, aber von weit weg betrachtet war es wieder eine Stufe, dich weiter nach unten genommen hatte.

    Abiturient des Jahres, ein wirklicher Durchstarter beim daran angeschlossenen Physikstudium, die Lehrer hatten T wirklich gute Aussichten bescheinigt. Dazu hatte er, was den meisten Technikbegeisterten abgeht, Leidenschaft. Leidenschaft nicht für sein Fach allein, dass er, wie er sagte, gewählt hatte, weil ihm alles andere viel zu sehr lag, sondern für Musik, Kunst und alles Schöne.
    »Du musst deine Dinge mit Freude machen, sonst kannst du es gleich bleiben lassen.« sagte er und lächelte irgendwie verzweifelt.
    Ich hatte ihn immer als eine Person gesehen, die viel mächtiger und stärker als ich war. Ihm fiel alles so gottverdammt leicht. Als ich die letzten drei Tage vor der Matheprüfung damit verbrachte, mir ein Kompendium nach dem anderen ins Hirn zu hämmern und buchstäblich nur zum Essen und Schlafen meinen Platz am Schreibtisch verließ, klingelte es genau am Abend vor der Prüfung. T stand vor der Tür, mit Fussballschuhen über den Schultern. Er fragte, ob ich nicht mitkommen wollte, aber es ging natürlich nicht. Er für seinen Teil hatte kein Stück für die Schule getan und sie trotzdem als Landesbester verlassen. Die Ironie, die in diesen Erinnerungen in Verbindung mit dem, was er mir jetzt sagte, bestand, musst wohl so schmerzhaft sein.
    »Und wenn du gezwungen bist, langsam zu gehen, obwohl du viel lieber rennen möchtest, eben einfach weil du rennen kannst, dein Leben lang, dann …«, er stand auf und sah gedankenverloren aus dem Fenster. Eine kleine Pause, die wie kunstgesetzt passend war, ehe er fortsetzte. »… sie haben gesagt es wird besser. Ich habs geglaubt. Ist es schlimm, dass ich es gelassen habe, weil ich enttäuscht worden bin?«
    Ich hatte immer gedacht es wäre ihm egal gewesen, so schnell wie damals alles gegangen war. Etwas später erst hatte ich es erfahren. Kurz vor der Zwischenprüfung keine Lust mehr. Ende. Keiner wollte es so verstehen und jeder spann sich seine eigene Story zusammen.

    Danach hatte er lange Zeit überhaupt nichts getan. Sich arbeitslos und beim Sozialamt anzumelden war noch das Größte, das er tat. Sonst hing er nur in seiner kleinen Bude herum und las oder schlief. Mit dem Alkohol übertrieb er es zeitweilig. Oft, wenn ich ihn besuchte, war er schon früh morgens dicht bis unter die Schädeldecke. Er müsse aufhören zu denken, sagte er immer wieder.
    Und von einem Tag auf den anderen fing er in diesem kleinen Laden am Greifswalder Tor an. Nichts Großes. »Es reicht zum leben.«, meinte T. Er traf K bei einem seiner Streifzüge durch die Straßen, beide fanden zueinander und zogen bald zusammen. Er schien wirklich wieder Fuss gefasst zu haben. Man sollte sich eingestehen, dass es ein zweischneidiges Schwert ist, Karriere und Liebe, und dass es sich schlecht mit beiden Klingen gleichzeitig schlagen lässt. Es sah aus, als wäre er wieder glücklich gewesen. Ich glaube er war es. K machte sogar das T total unterfordernde Leben in diesem winzigen Elektroladen erträglich. Schließlich hatte er einen Grund, sich schon morgens auf den Abend zu freuen. Aber nichts wohl ist wirklich endlos.

    Mit dem Bruch mit K stürzte die kleine Welt Ts erneut in sich zusammen. Ich wusste, dass er sich so fragte wie ich mich, ob es solche geben müsse, die die hübschesten Paläste zu bauen in der Lage sind, aber kein kleines Kämmerchen zimmern können, sondern das immer wieder in alle Einzelteile zerfällt und einfach keinen Halt bekommt. Er sprach nie viel über das, was in ihm vorging, aber man konnte es ihm ansehen.
    »Sie hat gesagt, das helle Licht in meinen Augen wird erlischen, und damit auch ich.« seufzte T.
    Nur eins verstand ich nicht recht. Ich fühlte mich immer noch so ungewohnt gut dabei. T hatte das Fenster geöffnet und sog die frische Herbstluft in großen Stößen in sich hinein. Ich fühlte, wie sie zwischen meinen Beinen hindurch kroch und meinen Rücken hinauf stieg. Als könnte soetwas wie unverbrauchte Luft alles in einem säubern, so fühlte ich mich komischerweise so gänzlich frei von Sorgen, dass ich mir fast schon Vorwürfe machte, ein kleiner Elendstourist zu sein. Da aber drehte sich T zu mir lächelte. Er lächelte aus sich heraus, nicht gestellt und nicht verzweifelt und warf mir eine Zigarette zu. Und ich erinnerte mich an den Zettel, den ich mir extra in die Seitentasche gestopft hatte und kramte ihn heraus.
    »Räumungsklage …«, sagte ich, »Ob ich ein paar Tage bei dir hausen kann?«
    »Klar.« lachte T und schmiss ein Feuerzeug hinterher.

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