The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.

  • Bitte beachten:

    Die Geschichten von Zahnärzten und Kieferchirugen häufen sich. Wie auch 500Beine ergeht es unseren Helden.
    Dies ist der erste Teil einer kleinen Trilogie über nette Erlebnisse bei einem Kieferchirugen. Hier findest du noch einmal Links zu allen Teilen:

    «Niemand hat irgendetwas zu verlieren!», plapperte ich vor mich hin und schlenkerte freigiebig meinen Marmeladentoast durch die Luft, «Wenn man das einmal durchdenkt, dann kommt man eigentlich nur darauf, dass wir nichts zu verlieren haben, außer das Gefühl, irgendwie doch wichtig zu sein.»
    «Hmm», brummte Peter, den semi-philosophische Diskussionen am Vormittag nie sonderlich erwärmen konnten. Obwohl der Frühling Einzug in der Stadt hielt, hatte er es wieder nicht geschafft, Peters Müdigkeit zu überwinden.
    «Das heißt», rief ich weiter, «Es gibt nichts, vor dem du Angst haben musst.»

    Manchmal aber, so scheint es, muss man die Widerlegung einer frank und frei aufgestellten These am eigenen Leib in voller Härte erfahren. Oder auch am Leib eines Anderen.
    Als Tina jedenfalls groß und breit erklärte, dass es wieder an der Zeit sei, die alle zwölf Monate fällige Kontrolluntersuchung hinter sich zu bringen, hatte ich ihren Vermerk auf dem Kalenderblatt des letzten Monats zwar wohlwollend registriert, aber trotzdem nie wahr haben wollen.
    «Heute war sogar schon eine Postkarte im Briefkasten. Zur Erinnerung.», mahnte sie aber bald und wedelte triumphierend mit dem Kärtchen vor meiner Nase herum.

    Ich hasste es, zum Zahnarzt zu gehen. Und sie wusste es. Ich hasste die Tupfer, die Pinzetten, die spitzen Instrumente, die Schläuche, Bohrer und Spritzen. Ich hasste schon den kleinsten Gedanken daran, auf der sterilen, grünen Liege eine möglichst angenehme Position zu suchen, den Mund auf zu sperren und die unendlichen Qualen über mich ergehen zu lassen.

    Nicht immer hatte es so schlimm um meine Angst vor dem netten Herren hinter der grünen Atemschutzmaske gestanden. Aber seit man mir ein Jahr zuvor mit vielem Knacken, Zerren, dem Gerät, das meinen Mund entsetzlich weit aufgerissen ließ, und den letztendlich einwöchigen Schmerzen einen Weisheitszahn aus dem Unterkiefer entfernt hatte, war mein Vertrauen in die bohrende Zunft rapide gesunken.
    Dabei war vollkommen klar, dass die hin und wieder kleinen Eingriffe nur weitaus Schlimmeres verhinderten, aber ich konnte mir nicht helfen, die Angst war immer wieder zur Stelle. Nicht einmal die durchaus ansehnlichen Arzthelferinnen konnten daran das kleinste Bisschen ändern. Die Angst kam jedes Mal aufs Neue, sobald der mit einem Ausrufezeichen versehene Termin im Kalender bedenklich nahe rückte war bis zum Gang ins Behandlungszimmer allgegenwärtig. Sie besorgte mir Hunderte kleiner Schweißperlen, zittrige Hände und manch verschwitztes T-Shirt.

    «Nun hab dich nicht so.», moserte Tina, holte mich aus meiner Fantasterei und unterbreitete mir einen Einfall, «Ich muss auch bald wieder zur Kontrolle. Was meinst du, ich rufe dort an und frage, ob er mich noch vor oder nach dir behandeln kann, in Ordnung?»
    «G — Gr — Großartig!», rief ich und wusste selbst nicht recht, ob ich ironisch geklungen, geschweige denn, ob ich nicht genau das beabsichtigt hatte. Nichtsdestotrotz, die Aussicht, womöglich nicht allein schwer verwundet aus der Praxis marschieren zu müssen, sondern an die Freundin gelehnt dem Schmerz huldigen zu können, brachte ein wenig Linderung. Ich grinste fröhlich und wischte mir symbolisch die ersten Anzeichen des Angstschweißes von der Stirn.
    Tina verdrehte die Augen, lächelte und verschwand, um nach dem Telefon zu suchen.

    Sie war weitaus stärker als ich. Immer gewesen. Selbst wenn ich einen Teil des Aufstandes, der wahrscheinlich vom männlichen Drang zur Theatralik her rührte, außen vor ließ, reagierte sie immer noch weitaus gefasster auf die Seitenhiebe, Berge und Täler des Lebens, als ich jemals fähig gewesen wäre es zu tun. Stets umgab sie diese bewundernswerte Souveränität, hinter der ich in aller Seelenruhe meinen Gepflogenheiten nachgehen konnte, ohne beunruhigt sein zu müssen, es könnte mich etwas aus der Bahn werfen. Seit ich sie kennen gelernt hatte, hielt sie zusammen, wovon ich nicht einmal gedacht hätte, dass es überhaupt zusammen passte. Manchmal konnte ich beim besten Willen nicht sagen, was es war, das sie bei mir hielt. Denn von unserer Beziehung zu profitieren schien allein und ewig ich.

    Ein paar Tage später lief bei der Untersuchung alles viel besser, als ich es erwartet hatte. Nach den üblichen Schweißausbrüchen, zitternden Händen und einer Haut, blasser als jeder Engländer, hatte ich doch meinen Weg ins Behandlungszimmer gefunden, innerlich mit meinem Leben abgeschlossen und brav die Zähne gezeigt.
    «Alles paletti!», schniefte der Zahnarzt, nachdem er ein paar Minuten lang mit Spiegel und Sonde in meinem Mund herumgestochert und nichts zu beanstanden hatte.

    Tina hingegen war es überhaupt nicht gut ergangen. Als ich schon fast den halben Tank des Wasserspenders geleert und sie nach mehr als einer halben Stunde zurück in den Warteraum kam, sah sie ganz und gar nicht zufrieden mit sich und der Welt aus. Der Zahnarzt hatte ihr das komplette Programm spendiert: das Abtasten aller Druckpunkte ihres Gebisses, Röntgen, Gebissabdrücke, Bohren. Zu guter Letzt hielt sie mir einen ockergelben Zettel unter die Nase, eine Überweisung an einen Kieferchirurgen zur \textit{Entfernung retinierter, verlagerter und mesial gekippter Weisheitszähne 18 und 48}.
    All meine Versuche, meine Freundin an diesem Tag noch aufheitern zu können, scheiterten schon in den Anfängen kläglich. Ich krönte meine vergeblichen Bemühungen mit verbrannten Spaghetti. Wenigstens ein Lob hatte ich mir verdient:
    «Nudeln anbrennen lassen, das muss man erst einmal schaffen.»

    Ein paar Tage später schien sich Tina jedoch wieder gefangen zu haben. Sie hatte es akzeptiert und absichtlich keine Meinungen von Kommilitoninnen aus der medizinischen Fakultät eingeholt, die ihr sicher freudestrahlend Kurzvorträge über das präzise Setzen von Schnitten und im Kiefer verkanteten Zahnhälse gehalten hätten. Und selbst wenn ich es womöglich nicht ausgehalten hätte, ein paar Wochen lang einer Zahnoperation entgegen zu sehen, so hatte sie in einer Weise natürlich vollkommen Recht. Die wirklichen Probleme würden so großräumig umgangen. Zu ihren Gunsten.

    Seit einer dreiviertel Stunde rückte ich auf dem unbequemen Plastikstuhl im Wartezimmer des Kieferchirurgen hin und her, ohne dass sich die Konstellation der Wartenden auch nur ansatzweise verändert hatte. Beim Anblick der in zehnminütigen Abständen aus den OP-Räumen und anderes Behandlungszimmern schlürfenden Männer und Frauen, die mit abwesendem Blick, blutig roten Lippen und spärlich gestikulierend auf ihre mitgebrachten Fahrer eingingen, war selbst ihr alle Gelassenheit abhanden gekommen. Sie saß, starr wie eine Salzsäule, neben mir und blickte geradewegs auf einige schlechte Monét-Kunstdrucke an der gegenüberliegenden Wand. Ich streichelte ihre Hand und warf hin und wieder Phrasen, wie «Ich hätte mich schon lange ins Koma fantasiert.», ein, um ihr das ein oder andere Lächeln abringen zu können. Dann irgendwann rief man ihren Namen in den Raum.

    Man führte sie durch einen langen Gang hindurch in ein kleines Zimmer. Alles roch nach Desinfektionsmitteln, Damenparfum und Einweggummihandschuhen.
    Wenigstens ist es nah an der Feuertreppe, dachte sie mit einem Rest Galgenhumor und musste über sich selbst schmunzeln.
    Das Zimmer war gerade zu winzig, nicht einmal zwei wirklich schlanke Personen hätten nebeneinander stehen können, ohne mit den Ellenbogen an den Wänden entlang zu schaben. Obgleich die dunklen Zeiten des europäischen Feng-Shui-Wahns vorbei waren, hatte man in dieser Praxis noch nichts davon bemerkt. Der im Boden verankerte, OP-grüne Liegestuhl stand exakt in der Fließrichtung des Chi, und eine kleine Ablage, auf der schon ein kleiner Spiegel und einige eingeschweißte Kanülen bereit lagen, formte in Korrelation mit den eitergelben Wänden etwas, das man am Ehesten mit Krampfadern vergleichen sollte. Man hieß sie Platz zu nehmen und abzuwarten.
    Ein paar Minuten später der erste Kontakt. Eine in grünen Stoff gehüllte Frau kam ins Zimmer geschlürft, den Mundschutz immer noch im Gesicht:
    «Dass sie mir hier nicht dran herumfingern!», zeterte die Vermummte und hob die Kanülen in die Luft, ohne dass Tina auch nur die kleinste Bewegung gemacht hatte.
    «Guten Morgen.», sagte sie irritiert.
    «Ja ja.»
    Ein Junkie würde sich einen Scheiß darum scheren, dachte sie, als die komische Person in ihrer
    Einheitstracht verschwunden war. Aber all das gehörte zum Prozedere. Ebenso wie die Wartezeiten.

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