The tears stream down my cheeks from my unblinking eyes. What makes me weep so? From time to time. There is nothing saddening here. Perhaps it is liquefied brain.

  • Bitte beachten:

    Die Geschichten von Zahnärzten und Kieferchirugen häufen sich. Wie auch 500Beine ergeht es unseren Helden.
    Dies ist der dritte Teil einer kleinen Trilogie über nette Erlebnisse bei einem Kieferchirugen. Hier findest du noch einmal Links zu allen Teilen:

    Sie hatte die Augen geschlossen. Als sie das kalte Metall des Skalpells auf ihren Lippen spürte, schoss ihr erneut der Schweiß auf die Stirn. Aber das Schneiden bemerkte sie nicht. Alles, was sie vernahm, war das Ratschen der Klinge auf Fleisch und Zahn, das an platzende Hosennähte erinnerte.
    «Ach herrjeh!», rumorte man vor sich hin.
    Alle, außer Tina, schienen zu verstehen, was gemeint war. Aber schon im nächsten Moment verstand auch sie wieder viel zu gut. Während sich ein spitzer Bohrer eifrig seinen Weg durch ihr Gebiss bahnte, wünschte sich Tina nicht sehnlicher, als dass man anstelle ihrer Augen am Besten ihr Gehör und Gefühl für Erschütterungen ausgeschaltet hätte. Es war, als fühlte sie jede Drehung der Fräse an ihrem noch jungfräulichen Zahn. Man versuchte, ihn mit dem Bohrer in eine angenehme Stellung zu bringen, um ihn auf diese Weise leichter entfernen zu können.

    «Den ersten haben wir.», erklärte der junge Arzt nach gefühlten 3 Tagen heroisch, «Jetzt könnte es etwas unangenehm werden. Im Oberkiefer sitzt alles ein wenig fester.»
    Wunderbar, dachte Tina, weiter kam sie aber nicht, denn schon wurde der Schraubzwingengriff der Schwester um ihren Kopf stärker und der Arzt presste mit aller Kraft seine Zange gegen ihren Kopf.
    Sie dachte überhaupt nichts mehr, in ihrem Kopf existierte nur die Wirklichkeit dieses Gefühls. Ein Gefühl, das kein Schmerz war, sondern allein das dumpfe Einwirken einer Kraft auf ihren Kiefer. Ein Druck, als wollte man den Zahn nicht länger ziehen, sondern nach oben über die Augenhöhle hinaus aus dem Schädel schieben.
    Die Zeit stand still. Es fühlte sich für sie an, als wollte nichts mehr vorwärts gehen. Und von all den Momenten, in denen sie sich gewünscht hatte, den Lauf der Zeit anzuhalten oder wenigsten zu verlangsamen, war dies einer der denkbar schlechtesten.
    Der wehleidige Ton kam ganz automatisch.
    «Oh, war das Schmerz?»
    Tina schlug irgendeinen Ton an, von dem sie hoffte, er würde verneinend klingen.
    «Fein, fein.», kam es zurück, «Und bitte nicht verkrampfen.»
    Sie hatte vor dem letzten Semester ein Praktikum in einer der städtischen Psychiatrien absolviert und ihre Mittagspause nur allzu gern beim Kurz für Autogenes Training verbracht. Jetzt ließ sie absolut locker und versuchte, ihre Gedanken von ihrem Körper zu trennen. Sie dachte an meine Angst vor dem Zahnarzt und die Erleichterung, wenn es erst einmal überstanden war. Es gelang vorzüglich. Wie eine Puppe, die von ihren kindlichen Besitzern aufs Übelste malträtiert wird, ließ sie alles über sich ergehen, als gehörte der Körper, aus dem man gerade den letzten Übeltäter herausriss, überhaupt nicht zu ihr selbst.

    Der kleine Schnorchel, mit dem die Schwester das Blut und den Speichel absaugte, machte immerzu diese Geräusche, als würden direkt neben dem Behandlungsstuhl kleinere Tiere ertrinken. Es röchelte und schnaufte und spuckte und saugte, dass es einen wirklich auf absonderliche Gedanken brachte.

    Nach etwa zehn Stunden blutigster Qual, die in Wirklichkeit nur als 12 Minuten recht normaler Tortur bestanden, setzte der 3-Tage-bärtige Arzt den letzten Knoten in den Faden, der eine der beiden Wunden verschließen sollte.
    «So! Das war’s», rief er und zeigte mit dem Finger in Tinas Mund.
    «Sehr schön.», stimmte die Schwester zu.
    «Hören Sie? Das war’s!», brüllte der Arzt Tina direkt ins Ohr und sie wusste nicht, wie er plötzlich auf die Idee kam, dass sie nichts mehr hören könnte.

    Man hob ihr das Tuch vom Gesicht, sie öffnete die Augen und erkannte noch die vielen roten Flecken darauf, ehe man es im Mülleimer versenkte.
    «Mein Gott!», rief die zweite Schwester, die die ganze Zeit über etwas abseits an einem Computer irgendwelche Akten bearbeitet hatte, «Sie sind ja kreidebleich!»
    Tina wollte etwas besonders Böses von sich geben, da langte der Arzt noch einmal in ihren Mund, stopfte einen dicken Tupfer in die betroffene Ecke, wandte sich ab und rief beim Verlassen des Raumes beiläufig: «Drauf beißen!»
    Eine wunderschöne Atmosphäre, musste sich Tina eingestehen, um Schreibarbeit zu erledigen. Wie in einer Kaufhalle. Alles in den Wagen, bezahlen und wieder nach Hause.
    Sie setzte sich langsam auf und eine dritte Schwester, die gerade in den Raum gelaufen kam, stellte sich direkt vor sie.
    «Hören Sie mich?»
    «Natürlich.», murmelte Tina in kaum verständlichem Ton.
    «Sie sehen aber nicht gut aus. Können Sie stehen?»
    Werden wir gleich sehen, dachte sie und nickte nur. Doch ehe sie ihre Füße auf den Boden setzen konnte, hielt sie die Schwester noch zurück.
    «Schaukeln Sie mal mit den Beinen!»
    Sie schaukelte.
    «Stellen Sie sich mal hin!»
    Sie stand.
    «Geht es Ihnen wirklich gut?»
    Mein Gott, dachte sie. Zwar fühlte sich ihr Mund an, als hätte man ihn als Testgebiet für Splittergranaten missverstanden, aber ihre fehlende Gesichtsfarbe deutete noch lang nicht auf fehlende Koordination hin. Immerhin, fügte sie dennoch hinzu, was den Ärzten an humanitärem Ideal fehlt, machen die Frauen wieder wett.
    «Jetzt redet ihr doch die Ohnmacht nicht noch ein!», rief von hinten die andere und lachte schnippisch.
    «Na dann, wir sehen uns dann übermorgen, ja?», hakte erstere noch einmal nach.
    Tina nickte und tappte langsam dem Gang entgegen.

    Es war atemberaubend. Sehr langsam nur setzte sie einen Fuß vor den anderen und kam dem Warteraum entgegen. Als hätten sich alle Probleme, mit denen man sich ein paar Stunden zuvor noch herumgeschlagen hatte, mit einem Mal ausgelöscht worden. Nichts hatte mehr einen Stellenwert gegenüber dem Gefühl, eine ausgebombte Ruinenlandschaft, die früher einmal ein intakter Kiefer gewesen war, mit sich herumzutragen. Ob es natürlich war oder nicht, konnte sie nicht mit Gewissheit sagen. Aber es war da. Sobald die eigene Wirklichkeit oder das, was man Wirklichkeit nannte, so stark wurde, dass man nicht ohne Weiteres leugnen konnte, rückte alles ein ganzes Stück weit von einem selbst ab. Das Einzige, was sie jetzt noch mit Bestimmtheit zu empfinden wusste, war etwas zwischen Mitleid für jene, die noch auf ihre Behandlung warteten, Zuversicht, dass dies hoffentlich ihr letzter Besuch in diesem Etablissement gewesen war und Angst vor dem, was kommen möge, sobald die Betäubung versiegen würde. Alles verschwand unter dem immerwährenden Geschmacksgemisch von Metall, Blut und antibakteriell beschichtetem Kunststoff.

    «Halt, Halt, Haaaaalt!», bläkte eine Schwester von der Rezeption aus, als ich Tina gerade die Tür aufhielt.
    «Sie brauchen noch das hier!», rief sie und hielt mir einen dicken Umschlag entgegen.
    «Was ist das?», fragte ich.
    «Brief an den Zahnarzt.»
    «Gut.», sagte ich und lehnte mich etwas zu ihr herüber, «Was kann sie denn jetzt machen, damit es ihr nicht so übel ergeht?»
    «Geben Sie ihr Eis. Viel Eis.», erwiderte sie trocken.
    «Irgendeine Sorte?»
    «Gefrorenes Wasser, Mensch!»

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